Einige Wochen früher: Blick von der steilen Kreideküste über das wilde Wasser weit unten, den sich anbahnenden Sonnenuntergang. Wind in den alten Buchen. Ein fernes Schiff. Verschiedene Arten von Rauschen. Der Moment ist schwer in Worte zu fassen, nach den Monaten zuvor, den Irrungen der pandemischen Jahre, der Unsicherheit bis zum letzten Augenblick, ob er überhaupt zustandekommen würde – wissend, dass die Seele nach dieser Zeit Meer mehr denn je brauchte. Der Moment ist gleichzeitig Veränderung und Konstanz: Neue Uferlinien, gleiche See. Gleiches Selbst, zwei Jahre älter. Gleiche Farben, andere Steine dort hinten am Strand, an dem auch in diesen Tagen wieder der Vollmond still über dem abendlichen Wasser hängt. Zwischen all dem, an diesem Ort, hängen Vergangenes und Gegenwärtiges, Erinnerungen, Erwartungen und all jene Seiten des Alltags, die man gern übersehen möchte, sind präsent, aber stören einander, verletzen einander nicht. Der Moment ist Ruhe mit sich und der Welt, vielleicht im tiefstmöglichen Sinn.

Einige Wochen später: Kaum etwas ist noch in Ruhe mit sich und der Welt. Einmal mehr fällt es schwer, morgens in den neuen Tag zu blicken und das zu glauben, was man sieht. Einmal mehr ist es Überwindung und Ringen mit sich selbst, den Konsum von Nachrichten auf ein sinnvolles Maß zu beschneiden, das endlose, ohrenbetäubende Rauschen an Meinungen auszublenden, zu unterscheiden zwischen Dingen, die man kontrollieren kann, und solchen, die man irgendwie hinnehmen muss. Es sind Tage, in denen die dunkleren Seiten der Kindheitserinnerungen, die fiebrigen Albträume jener Zeit wieder aufwallen und schreckliche Blüten treiben, intensiv wie seit 2014 nicht mehr. Es sind Tage, in denen man wieder brutal vor Augen geführt bekommt, wie fragil Dinge sind, die man über Jahre, Jahrzehnte als selbstverständlich erachtet hat. Es ist eine Zeit, in der man auch vor Augen geführt bekommt, wie privilegiert und sorglos der eigene Lebensstil in all dieser Zeit war, auf welchem hohen Niveau sehr viele Befindlichkeiten und vermeintliche Sorgen des täglichen Lebens letztlich angesiedelt sind. Man kann gut, laut, hart über Nichtigkeiten streiten, sich in semantischen Diskursen und Kämpfen über Nuancen in der Deutung der Realität verlieren, wenn elementare Bedürfnisse so gut befriedigt sind, dass man nicht einmal die Möglichkeit in Betracht ziehen muss, dies könne jemals anders sein. Und dann… Man fragt sich, inwieweit man in seiner Generation letztlich dadurch geprägt war und ist, niemals für irgendwelche Werte einstehen, niemals für irgendetwas hart kämpfen zu müssen. Man fragt sich, inwieweit kreativer Umgang mit Geschichtsschreibung, der Umgang mit Krisen und Kriegen im Fernen wie im Nahen, der Umgang mit den Opfern und Betroffenen derselben, umfassend problematischer sind, als man sich, wir uns eingestehen wollen. Man fragt sich nicht zuletzt auch, ob die Technologien, Werkzeuge, Kanäle, die man gern nutzt und an denen man teilweise mitarbeitet, in ihren Ausprägungen und Eigenschaften die Basis für viele gegenwärtige Konflikte quer durch die Gesellschaft legen: Manipulation, Schwarz-Weiß-Malerei, die eigene Echokammer, das Wissen um die “Wahrheit”, die “die Anderen” alle übersehen wollen oder bewusst leugnen, oder aber der Punkt, an dem man “ja gar nichts sagen will, sondern nur Fragen stellt” – verbunden mit harter, verstörender, emotionalisierter Sprache, einer allgegenwärtigen Wut, einer Geschwindigkeit, die einem schon in normalen, unkritischen Tagen den Atem rauben kann, einer Geschwindigkeit und Frequenz, die an die Bildschirme fesselt, die den Geist überrollt und taub und handlungsunfähig macht. Man stellt sich seltsame, unfertige Fragen in diesen Tagen, zuallererst auch gegen sich selbst, und findet keine rechte Antwort. Man lernt, dass die Lektion in Demut und Dankbarkeit, die man in der Pandemie schon gelernt hat, durchaus noch stärker und deutlicher ausfallen kann. Und man hofft, irgendwie und immer noch.

Und daneben überzieht ein Teppich aus Frühblühern die Wiesen und jede andere freie Fläche im Garten. Daneben sitzen der Flieder und die Forsythie, die Bäume in den morgendlichen Hinterhöfen voller laut singender Vögel, von weit vor dem Sonnenaufgang bis in den späten Abend. Daneben zieht eine milde Sonne über die Stadt und die Elbwiesen, wirft lange Schatten der Menschen, die die Tage wieder ins Freie ziehen, über das erste frische Gras. Daneben wird Frühling, im Haus und Freundeskreis blicken neue Kinderaugen erstmals in den blassblauen Dresdner Stadthimmel, fährt ein junges Paar Möbel in die neue Wohnung gegenüber. Geht der Alltag weiter, wie ein Balance-Akt auf einem Drahtseil über einem Abgrund, der dann sichtbar wird, wenn wieder eine Nachricht über den Newsticker fliegt und in der Tasche vibriert? Kann der Alltag in dieser Situation überhaupt normal weitergehen, für Menschen, die Anteil nehmen und mit offenen Augen leben? Muss der Alltag irgendwie weitergehen auch in diesen Umständen, um irgendwie über die Runden zu kommen? Kann man einfach so schreiben, in der “neuen” Zeit diesselben Worte finden wie in der “alten”, während alles anders ist – oder man vielleicht die Dinge jetzt nur so sieht, wie sie schon seit langem sind, weil man sie jetzt nicht mehr übersehen kann…?

Noch mehr Fragen. Und auch hier kaum Antworten. Vielleicht bleiben wenige banale Einsichten: Bewußt wahrnehmen. Tun, was man kann, mehr als bisher. Kraft zu geben, wo es geht. Und daneben in den lichteren Momenten zu sein, mit Menschen, die zählen. Und zu hoffen. Wegen allem. Oder trotz allem.

Passt auf Euch und die Euren auf.