Es ist, einmal mehr, geschafft. Ein Jahr (in diesem Fall 2021) ist Geschichte, und wir rudern auf ein Neues hinaus in die offenen Tage zwischen frühem Januar und einem anderen Advent. Schon werden die Abende wieder länger und heller, die letzten Nachbarn werfen nur kurz nach dem Fest Weihnachtsbäume in die Container der Stadtreinigung. Gelegentlich blinken noch ein Lamettafaden oder ein Strohstern im trüben Licht. Bislang hält sich der Winter zurück, es ist mild, grau und regnerisch, aber wenn eine Erinnerung an Winter im Vorjahr hängengeblieben ist, dann wohl die: Schnee und Kälte funktionieren auch später noch sehr gut. Trotzdem scheint mit dem Jahreswechsel, dem Neujahrstag, die Schwelle wieder überschritten, tauchen Tulpen- und Frühlingsfotos im Dunstkreis und Faschings- wie Oster-Utensilien im Supermarkt des geringsten Misstrauens auf. Die reale Welt leitet den Blick nach vorn ins Ungewisse der nächsten Monate, die Zeit der Jahresrückblicke ist vorbei, und das Schauen über die Schulter auf 2021 lässt wenig wirklich Erfreuliches entlang des Weges erkennen: Der Klimawandel stellt hier und dort nachdrücklicher unter Beweis, dass die Frage nach seiner Menschgemachtheit wenig an seinen vielfältigen Auswirkungen ändert. Die Pandemie demonstriert immer noch, dass sie sich durch offensives Ignorieren, ganz gleich auf welcher Ebene, nicht beeindrucken oder aufhalten lässt. Europäische Nationen in Ost und West spielen mit Soldaten und schwerem Militärgerät an der Grenze zur Ukraine und im Baltikum, ziehen rote Linien mit Rhetorik, die einen frösteln läßt. Das alltägliche politische Klima im Land (mit Blick auf die Preise im Supermarkt, auf der Zapfsäule und der Stromrechnung, im Falle sozial schwacher Familien am Monatsende auf die immer dünner werdende Luft der Möglichkeiten) illustriert düster, dass man Spaltung der Gesellschaft auf viele Weise herbeiführen kann und dass fehlende Solidarität, fehlender Perspektivwechsel, fehlende Wahrnehmung der Bedürfnisse und Nöte der Schwachen und Zurückgelassenen immer schon dazu gehörte – ganz gleich, ob die Zurückgelassenheit objektiv greifbar oder nur ein unscharfes, bedrückendes Gefühl ist. Parallel dazu erlauben die immer öffentlichere, immer allumfassendere Möglichkeiten des Einzelnen zur Wortmeldung, die auf eine den Umgang mit dieser Art von Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit immer weniger geübte Bevölkerung trifft, zunehmend weniger, berechtigte Sorgen von bloßer Stimmungsmache zu unterscheiden, Benachteiligte von geistigen Brandstiftern zu trennen, belast- und nachprüfbares Wissen von Meinungen und bloßen Standpunkten zu unterscheiden. Und, schließlich und endlich, hat Deutschland hat eine neue Regierung, leider eine in schwieriger Konstellation, von der man all diesen Punkten kaum große Würfe erwartet. Das Jahr entlässt einen in merkwürdige(r) Stimmung. Vielleicht ist das Gute daran die Chance auf erfreuliche Überraschungen. Und Hoffnung ist wohl auch, wenn man trotzdem an Perspektiven glaubt.

Vielleicht ist es eben auch das, was es braucht. Das Glauben an Perspektiven, im Großen oder notfalls im Kleinen – oder andersherum im Kleinen und vielleicht sogar im Großen. Wenn es eine Lektion der letzten Jahre gibt, dann die, dass wenig wirklich sicher ist. Wenig von dem, worauf wir unser tägliches Leben bewusst bauen. Und auch wenig von dem, was wir als “gegeben” weder hinterfragen noch wahrnehmen. Es ist nicht einmal nur die Pandemie, die diese Lektion lehrt, aber vermutlich ist sie die Kraft, die am nachdrücklichsten und unübersehbarsten auf diesen Umstand hinweist. Und wenn man einmal sieht, näher hinschaut, schaudert man angesichts der Erkenntnis: Der Rahmen und die Gegebenheiten, viele Unsicherheiten, viel Leid und Elend und Ungerechtigkeit und Gewalt übersehen zu können, ist nicht die Norm, sondern vermutlich die Ausnahme, im globalen Nordwesten der letzten Jahrzehnte. Dann sind wir wieder bei den zwei Worten, die 2021 wie auch das Jahr davor mental geprägt haben – Dankbarkeit (dafür, einigermaßen ungeschoren durch die Zeit gekommen zu sein, dafür, in 2021 im eigenen Umfeld trotz des Großen Ganzen auch richtig schöne Momente, intensive Augenblicke mit Menschen, Augenblicke kleiner und großer Freude erlebt zu haben) und Demut (dafür, letztlich ohne eigenes Zutun, eigene Kraft, eigene Arbeit über viele Jahre die Chance eines privilegierten, ruhigen Umfelds gehabt zu haben). Und vielleicht … vielleicht treibt das auch den inneren eigenen Schweinehund ein wenig an, den Teil des Selbsts, dem letztlich trotzdem Trägheit innewohnt. Den Teil des Selbsts, der das Gefühl hat, es wäre nicht nur an der Zeit, sondern an der Pflicht, mehr und selbstverständlicher zu teilen mit jenen, die nicht so viel Chance und Glück hatten und haben, ganz gleich ob hinter dem Mittelmeer, in ärmeren Regionen des Kontinents oder direkt nebenan. Vielleicht ist es wenig, was man tun kann, aber vielleicht ist es mehr als nichts. Vielleicht zählt jedes kleine Stück, egal in welchem Bereich und für welche Zielgruppe. Oder auch nicht – aber es ist besser, als über den Unwägbarkeiten der Realität bitter und zynisch zu werden.

Vielleicht kommt es auf einen Versuch an. Vielleicht verschwinden diese Zeilen in den nächsten Tagen wieder, weil sie sich bei Tageslicht jenseits der Dämmerung noch dunkler anfühlen, als sie sollten, und weil die dunkle Stimmung die vielen helleren Momente, die 2021 im kleineren Umfeld hatte, die sich in den Abrissen der letzten Monate immer wieder zeigen konnten, gleichermaßen überschattet und nicht wirklich angemessen würdigt. Vielleicht auch nicht. Wie es auch sei: Kommt gesund und sicher in das Jahr und alles, was es bringt… 🙂