Eile des Jahres. Ich blicke über den Verlauf, sehe zwei Bilder mit Schnee auf meiner Startseite, und Mitte Juli auf dem Kalender des Computers (die große Home-Office-Variante, Dreimonatsansicht auf Papier, geht merklich nach). Was ist zu lernen aus dem Versäumnis, Kalender weiterzuschieben, dem Verzicht darauf, Erkenntnisse verstrichener Monate aufzuschreiben? Eile des Jahres. Halbzeit des Jahres. Durchwachsene Wochen. Kalter Mai, kühler Juni, viel Regen, durchzogen von Tagen brütend-schwüler Hitze und schweren Gewittern. Immer dann, wenn sich der Wind legt, drängen die Pflanzen mit Macht zum Licht, wird der Garten von einem dichten, hohen Grün übernommen, durchzogen von Blütenpunkten aller Farben. Der alte Apfelbaum hängt so schwer voller Früchte, dass die Äste gestützt werden müssen, während in den toten Ästen Holzbienen leben. Sonstige Tiere: Nacktschnecken, Ameisen, Waschbären – und die Investition in ein Futterhäuschen, das tatsächlich nur für Vögel zugänglich ist. Der Futterverbrauch sinkt, während darunter am Boden die verstreuten Körner des Frühjahrs in wunderlichen Pflanzen zu neuem Leben erwachen. Dazwischen bleiben Laube, Efeu, die knochigen Stämme des alten Flieder, Spiegelungen der Wolken auf dem Wasserfass, erste Ernten des Jahres, Abende an der Feuerschale und eine merkwürdig entspannte Ruhe in allen Dingen, in sonst hektischen, vollen Tagen.

Die Wechselhaftigkeit jenes frühen Sommers färbt auch auf den Gemütszustand ab. Tage, die um 05:30 unter grauen Wolken beginnen, sind andere als solche, bei denen schon früher Sonnenlicht von hohem blauem Himmel Haus und Hof flutet. Wenig davon ist greifbar, wenig übersteht den ersten Kaffee, und mitunter fühlt sich diese Zeit des Tages wie pures Funktionieren an. Ich hatte zwischenzeitlich den Versuch unternommen, “morning pages” zu schreiben, auch um morgendlichen Mustern auf die Spur zu kommen, und war damit nicht sonderlich erfolgreich. Erkenntnisse: Digital zu hakelig, zu unnatürlich, fehlende Haptik. Klassisch mit Stift auf Papier fehlt die rein handwerkliche Übung, nach maximal einer Seite ist das ein Schreiben gegen die Verkrampfung und physischen Schmerz. Zudem bleibt dann der Kampf mit der Sinnfrage: Warum dafür Stifte verbrauchen und Papier beschriften in Tagen, in denen Sparsamkeit mit Ressourcen knapp bemessen ist und wir alle uns mehr oder weniger redlich mühen, von Verschwendung wegzukommen? Ich habe nie drei Seiten beschriftet, selten an zwei Tagen hintereinander (weil ich in meinem sonstigen Morgenritual dafür keine sinnvolle Zeit finde) und begnüge mich damit, gelegentlich Gedanken im schwarzen Buch zurückzulassen. Wie sagt man im Englischsprachigen so schön: For whatever it’s worth. Ich habe der Versuchung widerstanden, in ein Luxus-Notizbuch zu investieren für diese Übung. Ich habe der Versuchung widerstanden, Apps durchzuprobieren und digitale Workflow-Sägen zu schärfen, ohne damit wirklich zu schneiden (man sehe mir das mäßig originelle sprachliche Bild nach).

Vielleicht ist es in Ordnung, Dinge zu probieren, um dazu Vorstellungen zu haben. Ganz nebenbei habe ich gemerkt, dass das Buch zu den “morning pages” (“Der Weg des Künstlers” von Julia Cameron) seit Längerem schon im Bücherregal liegt, ungelesen, irgendwann einmal als ausgesetztes Buch in Treppenhaus oder Nachbarschaft adoptiert. Bleibt zu überlegen, warum das im “Zu-Lesen-Stapel” auf halber Höhe geblieben ist. Und warum es jemand in der Umgebung wohl nicht als aufhebenswert erachtete. Vielleicht lässt sich eine Antwort darauf finden, aber vielleicht interessiert sie mich auch nicht wirklich. Vielleicht ist das Ringen mit viel mehr Fragen, als man Zeit zum Beantworten hat, das gedankliche Wälzen von Überlegungen zu Problemen, deren Antwort für einen selbst im Kleinen, für alle anderen im Großen irrelevant ist, ein Teil der überfordernden Schieflagen unserer Zeit, die uns in einem beständigen Modus unsicherer Hysterie zu halten scheinen. Ebenso wie das zu viele Lesen von zu vielen Dingen, zu denen man keine Einordnung und keinen Rahmen hat und die einen mit einem dumpfen Gefühl, ohne Erkenntnis, aber zumindest verstört im sprichwörtlichen Regen stehen lassen…

Was das betrifft, habe ich in den letzten Wochen wieder vermehrt versucht, im Netz Dinge zu lesen, die Tages- oder Zeitaktuelles außen vor lassen und in Text und Bild Berichte außerhalb der allgemeinen Eile liefern. Erwähnenswert scheint mir dabei “Calvert Journal”. Das Team hinter der Publikation und ihren Artikeln investiert seine Kraft, um Kultur, Kunst, Leben, Innovation im “neuen Osten” zu beleuchten – einem Teil der Welt, den man als Mittel- und Westeuropäer viel weniger auf dem Schirm hat, als es geographische und kulturelle Nähe vielleicht erfordern würden. Dabei schafft man Berichte, die im Allgemeinen politisch erfreulich neutral bleiben. Die wohltuende Abwesenheit von Kommentarfeldern auf den Seiten vermeiden gewisse … Effekte, die man dieser Tage in anderen, ähnlich gelagerten Veröffentlichungen leider nicht übersehen kann. Mit Verweisen auf Künstler, Autoren, Websites, Accounts in sozialen Netzwerken entwickelt sich das schnell zu einem Kaninchenbau, in dem man immer tiefer verschwinden kann, und wenn das nicht reicht, bleibt immer noch die Chance, die beschriebenen Orte auf der Karten-App der Wahl nachzufahren, Plätze zu besuchen, an die es einen physisch vermutlich nie verschlagen wird.

Von dort ist der Weg nicht weit bis zu den Dingen, über die Abandoned Spaces sinniert, eine Site, auf der (name says it all) alle Arten von Lost Places zusammengetragen , bebildert, beschrieben sind. Und man erlebt als Randnotiz eigenen Erkenntnisgewinn, Kaninchenbau, Hypermedia, das Navigieren und Folgen von tatsächlichen und “gedanklichen” Links am Beispiel von La Pineta Tea Room: Lesen über irgendwelche alte Bunker -> Google Maps -> Google Street View -> bei Anblick gedankliches Stolpern über jenen Abschnitt Autobahn zwischen Neapel und Sorrent, den man gelegentlich an heißen Tagen passiert und an dem man sich jedes Mal wieder erfolglos die Frage gestellt hat, was für Strukturen dort am Straßenrand zu sehen sind. Suche nach dem Areal bei OpenStreetMap, Anfrage an den Kartographen, der die Gebäude erfasst hat und schlussendlich, gleichermaßen neugierig geworden, recherchiert, eine Frage bei reddit postet, irgendwann ein Ergebnis findet. Neues Wissen, ein wenig Kommunikation, Navigation in einem digitalen Heuhaufen. Virtueller Zugang zu realen Orten, und die Schatten von Fremden, von digitalisierter Wintersonne auf digitalisierte kampanische Beton-Autobahn gezeichnet. Ein eigenwilliges Gefühl besonders an Plätzen, die man kennt.

(Insgesamt ist Tourismus via Google Street Maps eine seltsame Sache. Man sieht bunte Leute auf verschneiten Straßen in einer isolierten Welt, fährt erneut durch stickig-heiße Tunnel, bei dem der Lärm der Ventilatoren noch in den Ohren klingt, steht wieder an einer Straßenecke, von der man noch alte Papierfotos irgendwo liegen hat, und landet dann zufällig irgendwoanders, in einem Setting, das jedem Cyberpunk-Roman zu Ehre gereichen würde. Erfahrungen der Welt in einem Sammelsurium offener Browser-Tabs. Und … ja. All das sind Links auf Google Maps. Darüber freue ich mich nicht sonderlich. Mir wären Verweise auf einen gleichartigen, unabhängigen Dienst lieber. Aber es ist wieder einmal, wie es ist. Alternativen und so. Und nüchtern betrachtet sind es genau solche Use Cases, die mich am ehesten an das frühe Internet erinnern, an die Faszination dieser “Weite”, in der man navigieren und trotzdem verlorengehen kann. An die Faszination erster Webcam-Bilder auf klobigen Sun SparcStation-Monitoren, samt der Erkenntnis: Das ist verdammt pixelig. Und dort ist jetzt Nacht. Digitale Ferne. Der Name “Geocities” war Programm.)

Weil wir gerade bei Links sind: Es gab auch Musik in den letzten Wochen. Zwar war #bandcampfriday zwischenzeitlich ins Stottern geraten, mit einem Comeback im August, aber interessante Neuigkeiten und Neuentdeckungen bleiben trotzdem. Etwa: Technoider Dark Wave auf “Morning Tsunami” von Hante. Oder: Italienischer Post Punk von Ash Code – “Perspektive”, ein Album, das bis auf die Versuche deutscher Texte ausnahmslos begeistert. NNHMN aus Berlin veröffentlichen häppchenweise ein neues Album, das ihr bislang bestes zu werden verspricht. Und: “Unearthed” von Zoe Zanias, zumindest als Ankündigung mit einem ersten Video. Musikalische Meditationen und Erinnerungen an die Zeit in Lockdowns und Pandemie. Ihre sämtliche Musik der letzten zehn Jahre ist merkwürdig intensiv und wichtig für mich geworden. Ich bin gespannt auf die anderen Titel.

Viel ihrer und ähnlicher Musik läuft seit Mitte 2020 nach wie vor auch über Soundcloud, weil ich die langen, elektronischen Mixes als sehr angenehm zum Arbeiten zwischen Telefonkonferenzen kennengelernt habe. Musik, um in den Flow zu kommen und dort zu bleiben, bis zur nächsten Unterbrechung, wobei ich auch dort nach wie vor versuche, Musik herunterzuladen und offline zu hören, um den Bandbreiten- und Energiebedarf für Streaming zu reduzieren. Keine Ahnung, ob das irgendeine Wirkung hinterlässt. Eine ganzheitliche Rechnung für diese Art von wirtschaftlichen und ökologischen Kosten, sowohl im Blick auf Nutzung als auch auf Hosting (kleinteilig-dezentral vs. groß und zentral) fehlt mir immer noch, bekomme ich nicht zu greifen. Ich belasse es dabei, Dinge zu versuchen, die ich mir leisten kann, ohne dabei Menschen allzu sehr auf den Nerv zu gehen. Bei der Abkehr von WhatsApp bleibe ich (weil ich froh bin, diesen Schritt getan zu haben, weil ein “zurück” einer Kapitulation gleichkäme, und weil ich es glücklicherweise sonst nicht wirklich brauche).

Ansonsten aber suche ich mir Werkzeuge und Technologie wieder mehr nach Nützlichkeit aus, nach Eignung für bestimmte Zwecke, nach der Möglichkeit, darüber Menschen und Themen zu erreichen. Am Ende des Tages: Dass Werkzeuge im “Massenmarkt” mehrheitlich bedenkliche Nebenwirkungen haben, ist schlecht, aber nicht die Schuld der Nutzer. Es ist Schuld fehlender Regulierung seitens des Verbraucherschutzes und der Kartellregulierung, es ist zu einem guten Teil auch die Schuld der Experten in den Elfenbeintürmen, die bestenfalls vorübergehend lächelnd von ihren Spielzeugen aufgesehen haben. Smartphones? Proprietäre Messenger? Mobiles Internet? Werbefinanzierte Online-Dienste? “Wird sich eh nie durchsetzen, wird niemand nutzen, ist ja offensichtlich Humbug.” Ja nun. We know, we know. Somit versuche ich für meine persönlichen Themen Mastodon, Pixelfed, Friendica, Element und alternative Suchmaschinen zu nutzen, wissend, dass das auf absehbare Zeit ein Experimentier- und Spielfeld bleiben wird, auf das man kaum Nutzer aus den großen sozialen Netzen locken kann. Der eigene Erfolg dort hält sich zumindest in Grenzen. Gründe dafür gibt es viele, Zeit leider zu wenig. Vielleicht wird das irgendwann besser, aber die Hoffnung ist nicht mehr besonders groß. In der Zwischenzeit haben wieder einige Instanzen (XMPP, Mastodon) das Zeitliche gesegnet, kommen vorübergehende Nutzerwellen mit jedem Skandal, der über Twitter und Instagram hereinbricht, und bleiben trotzdem die wenigsten dauerhaft aktiv. Die Erklärungshürde ist zu groß, die Usability-Hürde und der Druck der großen Plattformen leider auch. Es braucht bessere Lösungen, nur Nutzer-Shaming wird das nicht ändern. Daran laboriert der Linux-Desktop erfolglos seit mindestens 25 Jahren – ganz gleich, wie viel Lock-In, Telemetrie, Überwachung in den jeweils aktuellen Versionen der großen Betriebssysteme stecken. Apropos Desktop-Linux: Nach wie vor unterstütze ich elementary Linux, weil die Distribution (wie hier schon häufiger beworben) augenscheinlich versucht, einige Dinge zu verbessern, die alle anderen Distributionen eher ignorieren. Zur kommenden Version 6 gibt es mittlerweile Beta-Veröffentlichungen, die Interessierte testen können und die gewohnt gut aussehen. Dessen ungeachtet bin ich auf meinen produktiven Geräten wieder auf xubuntu zurückgefallen, vorrangig weil ich (im Blick auf GNOME vie auch den elementary-Desktop) immer wieder merke: Ich brauche einen Browser, Thunderbird, ein Terminal und Editor-Werkzeuge, die desktop-unabhängig sind. Die Mehrwerte, die GNOME oder auch Pantheon als Desktop-Umgebung bieten, nutze ich nicht. xubuntu mit dem XFCE-Desktop ist leichtgewichtig genug, in diesem Rahmen gut zu funktionieren. So ist die Umgebung nicht besonders aufregend, aber bedienbar und auf meinem System einigermaßen ressourcenschonend. Es gibt wohl Schlimmeres als das.

Jenseits all dessen ist der Frühsommer, der Sommer dieses Jahres voller Arbeit, sind die Tage lang, anspruchsvoll, gleichermaßen inspirierend wie fordernd – oder andersherum? Ein Jahr später falle ich immer noch gelegentlich in Erinnerungen, gerade jetzt, da mein ehemaliger Dienstherr sein zweites vollendetes Jahrzehnt feiert. Bis zur Volljährigkeit war ich mit an Bord, immerhin etwas. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, dass es Menschen in meiner Branche gibt, die es nie länger als drei, vier Jahre an einem Ort aushalten, und merke immer wieder, wie fremd mir diese Herangehensweise ist. Und ich merke deutlich, wie sehr einen fast 18 Jahre mit denselben Menschen prägen, Zeit, in der man miteinander gealtert ist, in der man miteinander Ereignisse gefeiert hat, die einmalig sind und nicht wiederkommen. Wie man miteinander gemeinsame Geschichte geschrieben hat, die man in dieser Intensität wahrscheinlich nicht nochmal schreiben kann und wird. Blicke nach vorn und nach hinten. Blick auf prägende Erlebnisse, auf Erreichtes und Mögliches. Blicke, die einem schwer fallen mitunter, nicht nur früh um um 05:30 unter den Wolken eines regnerischen Sommermorgens. Immerhin: Niedrige Inzidenzwerte, Sommer, Gelegenheit, die nicht mehr so neuen Kollegen auch einmal persönlich außerhalb des dienstlichen Rahmens zu treffen. Besseres, menschlischeres Kennenlernen. Schreiben gemeinsamer Geschichte, verbindender Vergangenheit und Erinnerungen. In Zeiten von individuellem Heimbüro ist das schwerer als normal.

Dann: Neben dienstlichen auch wieder einmal, endlich, private Zusammenkunft in größerem Rahmen. Nach dem letzten Jahr fällt es schwer, sich zu erinnern, wann man das letzte Mal so viele Menschen an einem Ort getroffen hat. Nach dem letzten Jahr fällt es schwer, sich zu erinnern, wann man das letzte Mal so spät ins Bett gefallen bist. Und eine Handvoll Fotos. Fotos von extrem frühem Aufstehen, einem Sonnenaufgang zwischen Wald und Wiese weit abseits der Stadt. Fotos von Gartenlauben und Lichterketten in lauer Sommernacht, lang nach Sonnenuntergang. Fotos von Ausflug und Übernachtung am See, von Sonnenuntergang über Wasser und Schilf, von verregneten Parks. Fotos von Leipzig zu Pfingsten ohne Wave-Gotik-Treffen; Sand in den Schuhen und dickes Hoodie über dem Shirt, gegen die Mücken und den kühlen Frühsommer. Fotos von Ausflügen in diese und jene Seite der Stadt. Fotos von Beton und immer wieder Pflanzen, oder umgekehrt. An allen Bildern kleben Augenblicke und Stimmungen. Welche Farbe dominiert in diesem Jahr, in diesem Sommer, hier, für Euch, für uns?

In der Philosophie wie in der Fotografie ist die Suche nach einem Standort der offensichtliche Aspekt. Fotografieren ist philosophieren mit Bildern.

Vilem Flusser

Auch Fotos: Experimente mit der alten Polaroid, unbefriedigend aufgrund bedienender Unfähigkeit, unbefriedigend aufgrund der knappen, teuren Ressourcen. Die Alternative, für bestimmte Tage und darüber hinaus: Instax MiniLink. Nicht optimal, benötigt eine spezielle App aus Googles Play Store und sehr offensichtlich Instax-Filme, aber trotzdem eine gangbare Balance, Bilder kommentieren, einkleben zu können, physisch im Zugriff zu haben und vor allem auch anschauen zu können ohne Strom. Immer noch kann ich mich nicht dazu durchringen, wieder vollständig analoge Fotografie zu beginnen: Limitierte Menge möglicher Aufnahmen. Keine automatisch verfügbaren Metadaten wie zumindest Aufnahmetag und -zeit. Lange Dauer von Aufnahme bis zu sichtbarem Ergebnis. Viel Chemie auf halber Strecke. Mehr Kosten für Entwicklung und Abzüge. Mehr Platzbedarf für Aufbewahrung. Und finally: Irgendwann bekommt irgendjemand die Verantwortung übertragen, das Bild-Archiv aufzuheben oder wegzuwerfen. Digitale Bilder sind, selbst in großer Menge, bedeutend schneller gelöscht, verschwinden in der Masse anderer digitaler Daten. Bei Fotoalben oder -taschen ist diese Hürde aus eigener Erfahrung deutlich höher.

Lavendel, Interpretationen.

Ansonsten bleibt das mentale Tanzen auf dem Drahtseil, eine Gedankenwelt aus Hoffnung und Sorge. Die Tage werden wieder lockerer, ohne dass man wirklich ein gutes Gefühl dabei hätte. Es gibt wieder Restaurants, es gibt wieder Leben im öffentlichen Raum, das man zu Teilen vermisst hat und von dem man zu Teilen nach kurzer Zeit schon wieder überfordert ist. Analog wie digital ist es dasselbe – schwer zu filtern. Schwer, für die Dinge offen zu bleiben im großen Ganzen, die einen interessieren, und gleichermaßen den ganzen Mist auszublenden, zu ignorieren, der belastet, nervt, Zeit raubt. Aber vielleicht ist das eine Übungssache, eine Frage der Einstellung. Vielleicht ist es Training, Geschwätz und Polemik zu ignorieren und zu überhören, der Versuchung zu widerstehen, sich auf dergleichen einzulassen oder darauf zu antworten.

Auch diesmal bleibt vieles unberührt. Einige Ideen, die dem Moment gehören, landen nach wie vor andernorts. Ich habe zwischenzeitlich wieder einmal versucht, das Blog besser und intuitiver in der Art zu nutzen, in der ich Technologie im Netz in meinen gegenwärtigen Lebensumständen nutze, und gemerkt, dass es immer noch nicht gut funktioniert. Lange Texte zu schreiben braucht Zeit. Lange Texte zu lesen braucht Zeit. Viele Gedanken würden verloren gehen, gäbe es nur diesen Kanal. Und vielleicht wäre das auch irrelevant. Man findet sich schnell in Grundsatzfragen wieder, überlegt sich, warum man überhaupt Texte oder Bilder ins Weltnetz werfen sollte.

Vielleicht trifft es das ganz gut. Auch mit Rückblick auf die eigenen Wurzeln in Mailinglisten und obskuren Online-Foren, Jahre in der Vergangenheit. Und es versöhnt, siehe oben, mit der Unzufriedenheit bezüglich der eigenen Inkonsequenz, große Plattformen zu meiden. Conversation geschieht dort, wo Menschen sind. Nicht zwingend dort, wo die Plattform zum Selbstzweck und Spielzeug wird. Und ich überlege, ob diese Einsicht die Bewertung des eigenen Blogs verändert… We’ll see. Für den Moment will ich es dabei belassen, die Geduld der werten Leser zu strapazieren. Irgendwann mehr. Bis dahin kommt gut durch die Wochen dieses Sommers…! 😉️