Alles irgendwie neu…

Abend über dem Viertel, Mitte Januar. Draußen tobt ein Wintergewitter, Schnee zieht über die Stadt, es ist kühl. Der Monat schreitet voran, 2020 ist Geschichte, schon seit einigen Tagen. Mehr Zeit als gedacht, aber das zurückliegende Jahr in seiner Gesamtheit macht es schwer, geeignete Worte zu finden. Trotz aller Schieflagen, aller Ausnahmezustände, all der Dinge, auf die man in 2020 gern verzichtet hätte, bleiben mehr als erwartet Gefühle von Dankbarkeit und Demut. Man hat das Jahr überstanden, gesundheitlich und auch wirtschaftlich halbwegs ungeschoren, man konnte eine ganze Reihe schöner Momente sammeln und fühlt sich in gewisser Weise fast schon schuldig gegenüber jenen, denen es in den letzten Monaten bedeutend schlechter ergangen ist. Man spürt, wie fragil und krisenanfällig das große Ganze ist, wie Krisen vieles, was wir als selbstverständlich hinnehmen, plötzlich wanken lassen. Man sieht viele Probleme, die man über die letzten Jahre bewusster oder unbewusster wahrgenommen hat, in wenigen Monaten zugespitzt und auf das Schmerzhafteste eskaliert, man sieht Krankenhäuser an ihren Kapazitätsgrenzen, Entscheider über Monate hinweg im reagierenden Krisenmodus, ein Schulsystem, in Zeiten allgegenwärtiger und selbstverständlicher Digitalisierung außerstande, klar, strukturiert und mit ruhiger Hand Normalität in einen Ausnahmezustand zu bringen. Man sieht, wie sehr sich die menschliche Zivilisation, lokal wie global, schwer tut, darauf geeignete, effektive oder schnell umsetzbare Antworten zu finden, weil schon der Schritt vorher – ein geteiltes Verständnis des Problems – fehlt. Schwere Gedanken, die zusätzlich zum zweiten Lockdown auf den diesmal ungewöhnlich stillen und tatsächlich besinnlichen Feiertagen zum Jahresende liegen. Keine Weihnachtsmärkte. Kaum Touristen. Kein Feuerwerk zum Jahresende. Leere Straßen, mehr erleuchtete Wohnungen als sonst. Und der Ausblick, dass sich letztlich mit dem 01.01.2021, 00:00, wenig wirklich ändern wird. Es wird der Krisenmodus bleiben. Es wird die Angst und Unsicherheit vor vielem bleiben, was kommt. Es wird auch Hoffnung bleiben – darauf, dass sich die Situation irgendwann im Laufe der nächsten Monate wieder normalisiert. Darauf, dass vielleicht diesmal Vernunft und Besonnenheit das feindselige, laute Geschrei allerorts übertönen können. Darauf, dass das Jahr auch für all jene irgendwie gut werden möge, die 2020 bedeutend härter getroffen hat als einen selbst. Und … vielleicht auch darauf, dass man irgendwie imstande sein möge, an Letzterem mitzuwirken, in dieser oder jener Form.

Zu den verschiedenen Aspekten des zurückliegenden Jahres gäbe es viel zu schreiben, aber vermutlich wenig Neues zu berichten. Technologie, Computer, Code. Orientierungsversuche zwischen technisiertem Minimalismus und technisierter Nachhaltigkeit, punktuelle Erfolge, punktuelles Scheitern. Lageberichte aus dem Home-Office, zwischen dem Zurücklassen von Altem und den Herausforderungen des Neuen, zwischen dem Bordstein, den Fenstern der gegenüberliegenden Fassade (und den schmutzigen eigenen), den beiden Bäumen, die frühmorgens den Wetterbericht liefern. Über Team-Meetings, Weihnachtsfeiern und virtuelle Drink-Ins mit Freunden in Zeiten, in denen das Restaurant, die Bar, der Musik-Club vom “draußen” durch diesselbe Tür getrennt sind wie eigene Küche, Bad, Schlafzimmer. Über Rituale neben dem Home Office, um Bewegung, Ausgleich und klare Gedanken zu behalten, über Spaziergänge durch die menschenleere Stadt und stockdunkle Flusswiesen, über die Schönheit der herbst-winterlichen Sonnenuntergänge über der “Skyline” von Dresden, über zwei begrenzte Koordinatensysteme (Stadt, Wohnung), in denen das Leben dieser Wochen seine Kreise zieht. Über Musik, für den Tag und die Nacht, die Woche, den Monat. Dazu Fotografien zwischen Stadt und Garten, zwischen ostdeutschem Hinterland in goldenem Sommer und erstem Schneematsch auf dreckigen Autodächern. Und Gedanken über die Wolken am Himmel der politischen Großwetterlage, zerbrochene Diskurse, das Fehlen von Umgangsformen, insbesondere in der digitalen Welt. Über Ableismen, Elfenbeinturme, künstliche Barrieren und Golden-Hammer-Phänomene im wiederkehrenden Versuch, die sozialen und kommunikativen Probleme der 2020er mit Technologie und Einstellungen von heute und gestern, selten von morgen zu lösen. Und über die Vögel, deren Fütterung im Garten in der kühlen Jahreszeit zum regelmäßigen Ritual wird, und die Mäuse, die man in der Laube gewähren lässt, weil genug von allem da ist.

Viele rote Fäden, die die Notizen der letzten Monate durchziehen und immer wieder anklingen, auch wenn ich mir Mühe gegeben habe, allzu offensichtliche Wiederholungen zu vermeiden (und ebenso wenig objektiv beurteilen kann, ob das gelungen ist). Die meisten dieser Themen werden die Gedanken des neuen Jahrs begleiten, und vermutlich werde ich nicht der Versuchung widerstehen können, einige Stichpunkte dazu aufzuschreiben, vermutlich wird es mir auch in 2021 nicht gelingen, mich nennenswert kürzer zu fassen. Ob das ein Vorsatz für die nächsten Monate sein könnte? Keine Ahnung. Es gibt wohl absolut wichtigere Dinge, und Dinge, die zumindest mir wichtiger sind. Etwa: Wieder mehr tatsächlicher politischer Aktivismus in Bereichen, von denen ich halbwegs eine Ahnung zu haben glaube. Wieder oder noch mehr freundliche Standpunkte in der Welt verbreiten, Hoffnung, Optimismus, Nachsicht, auch oder gerade weil einem all das oft selbst sehr schwer fällt, und auch oder gerade weil davon momentan weit und breit wenig zu sehen ist. Wieder einige verloren geglaubte oder verschüttete Überzeugungen aus den Kisten hinten im Arbeitszimmer kramen, entstauben und in das einordnen, was heute Alltag ist. Endlich ein neues Tor für den Garten bauen und grün streichen, oder das Hochbeet unter dem Pflaumenbaum in Gang bringen. Weniger Energie in belanglosen Diskussionen verschwenden, mehr meditieren. Mehr beobachten, mehr in Fragmenten aufschreiben, mehr Geschriebenes und Fotografiertes in kleineren Plattformen freilassen, um Gegenpole zu bilden zu großen, fernen Strukturen, die vielen von uns in vielen Nuancen nicht wirklich gut tun, die Gesellschaft und den Diskurs in ihr eingeschlossen. Vielleicht endlich die vielen Bücher lesen, die seit dem letzten Sommer angerissen auf dem Stapel liegen, gefolgt von jenen, die sie noch unberührt tragen. Und hoffen … immer noch, immer wieder. Kommt gut in das, was vom Jahr bleibt, und passt auf Euch auf, wir lesen uns. 😊

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