Sommer und Wolken

Der sechste Monat endete. Scheinbar über Nacht ist die erste Hälfte dieses denkwürdigen Jahres verstrichen. Symbolbild in Erinnerung: Irgendwann jenseits der Dämmerung hängt Musik über dem Hinterhof. Ein Klavier, eine Violine. Melancholische Melodien. Angerissene Träume in einer hellen, milden Sommernacht. Töne und Gedanken verschmelzen, halten den Schlaf auf Abstand für lang. Der Morgen danach ist zu früh, zu müde, zu grau, zu verregnet. An manchen Tagen kommt man schwerer in Gang als an anderen. Plötzlich Sommer, ohne dass man ihn wirklich wahrgenommen hätte. Am längsten Tag des Jahres ziehen Wolken über den Garten, ein ausgedehntes Zwielicht bis zur Dämmerung. Das Wasser in der Elbe steht hoch wie schon lang nicht mehr, überflutet all die sandigen Strände, an denen sonst die Nachbarn aus dem Viertel in Scharen die Abende verbringen. Der Monat bringt Gewitter, Regen, Wind, Wolken. Dazwischen spürt man immer wieder die Wärme der grellen hohen Sonne. In manchen Wochen schwankt der Juni zwischen den Extremen wie ein verspäteter April. Irgendwann fahren Traktoren über die Wiesen am Fluß, hinterlassen Strohballen, eine weite Fläche gelber Stoppeln, über der die Vögel des Viertels ihre Kreise ziehen. Keine Schafe in diesem Jahr.

Im eigenen Grün reifen Himbeeren und Sauerkirschen auf staubig-schwarzer Erde des Dresdner Nordens. Man füllt Zeit damit, großflächig zu gießen und in die kleinen Regenbögen zu starren, die der Sprühnebel in die Luft sonniger Nachmittage zeichnet. Mohnblumen blühen und verblühen innerhalb eines Tages, die Ameisen erklimmen wieder und wieder den Kirschbaum, man versucht die Zucchini-Pflanzen den Nacktschnecken vorzuenthalten. Wochen, in denen man mit Anbruch der Dunkelheit seine Siebensachen packt und erst auf dem Rückweg nach Hause merkt, wie spät es eigentlich schon ist. Lange helle Tage, die sich trotzdem nicht wie die Sommernächte anderer Jahre anfühlen. Glut in der Feuerschale, der Duft von Holzrauch in Haaren und Kleidung bis in den frühen Morgen. Liegestuhl unter dem wild in alle Richtungen treibenden Flieder, hohe Wolken und wieder mehr Flugzeuge am Himmel darüber. Für eine Weile im Nichtstun verharren, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Lektüre zwischen Zeitschriften, Jeff Noon – und wieder einmal Vilém Flusser: “Kommunikologie” hat mir vor Jahren viel zu denken gegeben, eine frühe, nüchterne, erschreckend zutreffende Beschreibung von Informationen, Codes und menschlichen Kommunikationsprozessen in einer Zeit technisierter Massenmedien. Amphitheater-Diskurs: Große Reichweite, wenig Sender, viele Empfänger, keine Dialoge. Eines der Bücher, die man als Ingenieur oder Informatiker gelesen haben sollte. “Vom Stand der Dinge” hat mir ein lieber Kollege geschenkt. Häufiger hinter die Dinge schauen, legt die Widmung nahe. Ich tue mein Möglichstes. Flusser bleibt ein guter Leitfaden:

Es gibt keine Öffentlichkeit mehr, die Normen prägt. Obwohl nach wie vor autoritäre Instanzen existieren (religiöser, politischer und sittlicher Natur), können ihre Regeln kein Vertrauen mehr beanspruchen; ihre Kompetenz im Hinblick auf die industrielle Produktion ist zweifelhaft. Autoritäten wird folglich immer weniger geglaubt, nicht zuletzt auch, weil die Kommunikationsrevolution den öffentlichen Raum, wie wir ihn bislang kannten, zerstört hat.

Vilém Flusser, “Vom Stand der Dinge. Eine kleine Philosophie des Designs”

Außerhalb des Gartens und der Bücher: Tage zwischen zwei Epochen. Lücken im Tagebuch, das erste Mal seit Monaten. Weiter Home Office, während im Umfeld ein eigenartiger abgerüsteter Regelbetrieb beginnt, vorsichtig, unsicher, überall ein wenig anders. Ausklingen und Einschwingen. Das Beantworten einiger weniger Fragen, aber kaum konkrete Aufgaben. Sortieren loser Enden. Ablegen, Archivieren. Schwierig, wenn man unerfahren darin ist, Dinge abzuschließen oder, noch weniger, Dinge loszulassen, die man nicht mehr sinnvoll abgeschlossen bekommt. Schwer, sich zu vergegenwärtigen, dass mancher Zorn und Frust bedeutungslos geworden sind, im Allgemeinen wie auch im Konkreten. Daneben: Ganztägig Kopfhörer, meist Kamera. Merkwürdiger Spagat zwischen Isolation und noch unterbrechungsfreierer Erreichbarkeit. Ein Ringen mit sich selbst um die räumlichen und zeitlichen Grenzen zwischen Privatem und Dienstlichem. Bewertbarkeit des Tages nur anhand von Besprechungsnotizen und Mitteilungen in Chats. Digitale Daten und die spezielle Eigenart, dass selbst nach langer Zeit eigentlich wenig “Greifbares” bleibt, wenig, was nicht auf einen USB-Stick oder auf eine DVD passen würde. So ein kleines Detail, an dem man sich wünscht, die Digitalisierung möge eine ethische oder philosophische Dimension bekommen, die diese Themen fassen und ordnen kann.

Sammeln von Daten anderer Art: Experimente mit Bildern. Keine analoge Fotografie mehr; die Beschränkungen des Mediums Film schränkt auch Probieren, Üben, Lernen ein. Stattdessen M42-Objektive an der Sony Alpha. Einige Ergebnisse davon sammeln sich bei Flickr. Erkenntnisse: Manche der alten Linsen sind besser als andere. Das Orestor 2.8/135 von Meyer Optik macht immer noch Spaß. Das Prakticar 70-210 – Schiebezoom ist nach wie vor schwer zu verwenden, die Qualität der Bilder nur mäßig motivierend. Herausforderung ist, Aufnahmen tatsächlich scharf zu bekommen, oder zumindest so gezielt schlecht, dass der “Vintage-Bonus” greift. Anders als der Praktica-Sucher ist die digitale Optik der Alpha 6000 schlecht geeignet, mit schweren Linsen manuell zu fokussieren. Und im schlimmsten Fall scheitert das Bild dann am Verwackeln bei zu langer Belichtungszeit. Grenzerfahrung: Entschleunigung und ein geringeres Volumen an Bildern nach Foto-Touren treffen auf mehr Aufnahmen, die hätten gut funktionieren können, aber am Werkzeug gescheitert sind. Es bleibt wohl Übung – oder nur ein unterhaltsamer Zeitvertreib, der keinen Zweck braucht und keinen Wert auf wirkliche Ergebnisse legt. (Daneben und immer wieder würde ich gern Menschen fotografieren, gerade in Städten und auf der Straße. Und wünsche mir manchmal, die … Dinge wären hier einfacher.)

Teil der Foto-Experimente: Städte-Trip nach Leipzig. Erster derartiger Ausflug “nach Corona”. Es bleiben ein paar Bilder, ein paar schöne Momente, und anstrengende Erinnerungen. Trotz Disziplin ist nichts entspannt oder normal. Man reagiert nervös auf Nähe und Ansammlungen von Menschen, meidet Räume, streift eher planlos durch die Stadt und überlegt, ob der Trip eine gute Idee war. Daneben nimmt man Veränderung wahr. Im Gesicht der Stadt. In den Menschen, auf die man trifft. In der Art, wie man all das beobachtet und versteht. Bebauung ändert sich. Die Innenstadt unterliegt demselben Wandel wie wohl jede andere Innenstadt der westlichen Welt, dieser Tage. Ein Stück außerhalb werden die Hallen der Alten Messe seltsam nachgenutzt oder verfallen. In einem Jahr ohne Wave-Gotik-Treffen bleibt die Kuppelhalle nur ein imposanter, aber versperrter Bau mit leeren Fenstern inmitten eines verlassenen Geländes unter greller Sonne am Mittsommernachmittag. Direkt davor wachsen Blumen in Einfassungen aus grobem Beton. An der Ausfallstraße ist der Parkplatz gut gefüllt, unter dem ikonischen doppelten M der Messestadt werden Möbel verkauft. Immerhin immer noch etwas mit “M” bleibt…

M. Musik im laufenden Monat. Es gab wieder einen “bandcampfriday”, Anfang des Monats, ich freue mich immer wieder, dass die Plattform in diesen Tagen Künstler unterstützt – und beteilige mich im Rahmen des Möglichen. Viel Elektronika, ein wenig Metal, eine wachsende Liste für den neuen Monat. Einige Neu-Entdeckungen. Vor allem Youth Code. “Cyberpunk” als Begriff jenseits der Klischees und der Marketing-Abteilungen von Technik-Konzernen. Elektronische Musik als Subkultur einer industrialisierten Wachstumsgesellschaft, während das, was man selbst immer als “Untergrund-Kultur” einer kleinen, eingeschworenen Gruppe wahrnahm, schon längst keine mehr ist, die Bands von damals Hochglanz-Videos auf YouTube werfen und die einstmaligen Festivals lauter Randerscheinungen von großen Medienkonzernen ins Internet übertragen werden. Ich wundere mich, aber vielleicht sind solche Veränderungen normal.

I’m crawling my way back to you, my love
From the depths of this bottomless pit
Enveloped by every obstacle
Seeking level ground that does not exist

Youth Code / The dust of fallen Rome

Sonst so: Die Corona-Warn-App wurde freigegeben. Großprojekt mit interessanten und diskutablen Aspekten, die hinreichend diskutiert wurden von technischer Umsetzung über Finanzierung bis zu tatsächlicher Nützlichkeit. Darüber wurde hinlänglich berichtet, dem habe ich nichts Sinnvolles hinzuzufügen. Spannend indes zu beobachten: Die App zieht neue Konfliktlinien quer durch die eigene einstmals homogene Filterblase, offenbart einmal mehr leider die Unfähigkeit zu Dissens und damit Diskurs – wenn man dem lang eingeübten Muster nachgibt, Dinge möglichst früh mit möglichst deutlicher Sprache möglichst nachdrücklich zu “verurteilen” oder “anzuprangern”, wird eine nüchterne Diskussion und Abwägung freilich schwer. Richtig lieb hat man sich bis heute noch nicht wieder.

Daneben, von wegen “deutlicher Sprache”, habe ich einmal mehr diese Seite aufgeräumt, mich über einige meiner Artikel von vor Ewigkeiten amüsiert und einige mittlerweile irrelevante Texte (zu denen Quellen verschwunden sind oder die schlicht keine Bedeutung mehr haben) entsorgt. Viel hat sich nicht geändert, mit einem Schritt zurück: Auch damals haben viele Menschenwie ich , die Dinge ins Internet geschrieben haben, nach einem recht klaren Muster gehandelt: Nachrichtenmeldungen irgendwo (sehr gern aus dem Bereich Technologie- und Netzpolitik) verlinken, ein Stück weit aus der Nachricht zitieren und dann im meist spärlichen eigenen Rest des Artikels gespitzt formuliert darzulegen, dass alle anderen, die das Offensichtliche nicht sehen, eigentlich nur unfähige Idioten sind. Nichts Neues. Die sozialen Netzwerke haben nur mehr Menschen in diesen Diskurs geholt, die Reaktionsmöglichkeiten vereinfacht und allgemein die Geschwindigkeit erhöht. Damit verhallt vieles dieser Statements nicht mehr im luftleeren Raum, sondern wird wahrgenommen, weitergegeben, in passender Sprache kommentiert – und lautstarker Streit ist vorprogrammiert. Die Rechnung geht gut auf, wie wir leider täglich beobachten können.

Und mittlerweile schreitet der Sommer rasch voran. Urlaubszeit, Ferienzeit, ein paar Erinnerungen wieder an sonnige Nachmittage der Kindheit, unter der hohen Kiefer und rostigen Gittermasten, die die Stromleitung durch das Dorf jener Tage trugen. In 2020 Urlaubszeit, natürlich, unter dem Einfluß von Corona, der Sorge um eine zweite Welle, der Sorge um jene, die einem lieb und wichtig sind, die Sorge vor jenen, die laut und aggressiv ohne Sorge sind. Es bleibt die Hoffnung auf einen freundlichen Sommer… kommt gut durch den Monat und bleibt gesund.