Fernmündliche Frühlingsbilder

Des Jahres vierter Monat ist verstrichen, bevor er richtig begonnen hat. Zumindest bleibt dieser Anschein in Erinnerung, mit dem Blick zurück. Vom „59. März“ war in irgendeinem meiner Dunstkreise jüngst die Rede, und das fühlt sich erschreckend vertraut an: Isolation, Home Office, Kommunikation digital. Tage, Wochen verstreichen noch schneller als sonst, noch gleichförmiger. „Fernmündlich“ als Wort der Zeit. Wenig zu berichten: Geringe Reichweite, deswegen wenig Highlights. Auch wenig Tiefpunkte, weil viele der Ärgernisse des Alltags „Prä-Corona“ vor dem Hintergrund des großen Ganzen verblassen und in Relation an Größe verlieren. Dieser Tage: Rituelles Einkaufen in den frühen Morgenstunden, Maske und intensives Händewaschen eingeschlossen. Zahlung ohne Bargeld, distanziertes Misstrauen gegenüber den Mitmenschen, das merkwürdige Kratzen im Hals bei der Rückkehr nach Hause, bei dem man nicht weiß: Allergie? Angst? Erste Anzeichen? Tendenz zu Überreaktion, Furcht vor eigenem und fremdem Leichtsinn. Tage, durch die man sich bewegt wie ein Betrunkener auf einem zugefrorenen See – stets in Gefahr, ausrutschen, einbrechen, versinken zu können. Dies alles unter Licht und Augen eines erwachenden, explodierenden Frühlings. Helle, sonnige, Tage. Es ist mild, teilweise warm, und trocken. Starker Wind unter blauem Himmel und weißen Wolken fegt um die Häuser und durch die Gärten, treibt Staubwolken über die Baustelle nebenan und durch das lichte Gehölz im Dresdner Heller, einem jener Zufluchtsorte im Freien dieser Tage. Radfahren durch mediterrane Vegetation und feinen Sand. Irgendwo zwischen Winter und Sommer. Noch mehr zeitliche Orientierungslosigkeit an warmen Nachmittagen.

Ferner: Osterfest. Der Beginn des Reigens der Geburtstage im weiteren Familienkreis – in einem normalen Jahr Auftakt zu mehreren Wochen intensiven Zusammenkommens und Feierns, jetzt reduziert auf Telefonate, die Gratulationsrunde mit Sekt vor Laptop und Kamera. Schön ist anders, aber immerhin bleibt diese Möglichkeit, also nutzt man sie… Und es bleibt Dankbarkeit für einen Alltag mit gewisser Kontinuität inmitten dieser unwirklichen Tage, immer und immer wieder. Dankbarkeit für die Möglichkeit, im Zweifelsfall dem Irrsinn durch Rückzug zu entgehen, sich andere Bilder zu suchen. Im Garten wird der Flieder immer üppiger und duftender, der Kirschbaum blüht und ist erfüllt von Bienen. Ob es eine Ernte geben wird? Zweitrangig – zumindest schon der Moment war es wert. Abwechslung in praktischem Tun: Holzbestandteile der Laube neu streichen und die Grenzen der eigenen handwerklichen Fähigkeiten wieder einmal kennen zu lernen. Wände in der kleinen Küche neu tünchen – im zweiten Schritt die alte Farbe an der Rolle und im dritten Schritt alten Putz auf dem Fußboden liegen zu haben, inmitten der frisch gemachten Wände, die Luft erfüllt von Staub und vielen finsteren Worten. Aber eben ein anderer Fokus, für den Moment, und irgendwann sitzt man dann doch wieder im Schatten von Flieder und Forsythie, weiß den Kaffee oder das Feierabendbier am Grill viel mehr zu schätzen, ist für den Augenblick mit den Gedanken woanders. Eine vermutlich selten verdiente, aber trotzdem wohltuende Erfahrung.

Systemrelevanz und Solidarität.

Und wieder Dankbarkeit, die man dieser Tage nicht genug betonen kann. Dafür, einigermaßen geregelt weiterleben, weiter arbeiten zu können, ohne „systemrelevant“ zu sein und ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Und es bleibt eine Schieflage in vielen Dimensionen. Die gegenwärtige Situation nötigt zu einer Besinnung auf das Wesentliche, auf Gesundheitswesen, Logistik, Versorgung mit Energie und Lebensmitteln. Systemrelevanz – in einem letztlich verständlichen, großen Schritt zurück. Was tut das mit dem Lebensmodell der Stadt und der sehr kleinteilig arbeitsteiligen Gesellschaft? Wir erkennen, dass Berufe „systemrelevant“ sind, die wir in den letzten Jahrzehnten eher belächelt haben – nur allzu viele haben vermutlich in ihren prägenden Jahren Sprüche gehört in der Art: „Pass auf in der Schule, sonst landest Du bei der Müllabfuhr oder stapelst Kartons ins Regal“. In dieser Zeit sind wir glücklich, dass offensichtlich genug Menschen diesem überheblichen Rat nicht gefolgt sind, was aber denen kaum hilft im Blick auf Anerkennung und Entlohnung. Schlimmer: In der Stadt existiert eine große Schicht von Menschen, deren Wirken mitnichten „systemrelevant“ ist, deren Anwesenheit und Tätigkeit wir gemeinhin mit unserer Lebensart, Stil, „unserer Kultur“ assoziieren, auf die wir aber im Zweifelsfall auch leicht verzichten können: Kinos. Theater. Bibliotheken. Das Café oder den kleinen Stöber-Buchladen ums Eck. Die Dinge, die die Stadt ausmachen, die wir als „gegeben“ voraussetzen und selbstverständlich nutzen – und deren wirtschaftliche Existenz viel zu oft durch die gegenwärtigen Regelungen gefährdet oder in Frage gestellt ist. Wir haben seit dem letzten Monat scheinbar keine wirklich guten Konzepte entwickelt, dieses Umstands Herr zu werden.

Immer wieder sind wir bei der Frage: Wie bemessen wir den Wert, den Kunst, Kultur und dergleichen zivilisatorische Errungenschaften für uns haben? Wie kommen wir an einen Punkt, diese Errungenschaften zu ermöglichen, ohne dass sie erbracht werden von Enthusiasten und Idealisten, die viel zu häufig in wirtschaftlichen Grenzbereichen ohne nennenswerte Unterstützung operieren müssen? Wie können wir jene Teile der Infrastruktur, die nicht überlebenswichtig, aber schlicht „schön“ sind und die wir, wann immer möglich, gern in Anspruch nehmen, auch absichern in Zeiten, in denen sie für uns unerreichbar werden? Wie können wir unterbinden, dass sich die Existenz von Kunst und Kultur letztlich reduziert auf eine Umverteilung von Geld, in der momentan nur die großen Online-Versandhändler und Streamingdienste profitieren und jene nur nochmehr verlieren, die schon immer verloren haben? Wie können wir vermeiden, dass etwa eine gut ausgebildete und fähige Musikerin den Großteil ihres Einkommens bestreitet, indem sie Schüler im Umgang mit Instrumenten unterweist und selbst damit regelmäßig in Bedrängnis gerät, was das Begleichen von Versicherungen oder das Abfangen ungeplanter wirtschaftlicher Erfordernisse betrifft? An vielen Stellen ist dort der Diskurs auch in den zurückliegenden Monaten leider geprägt von einer ganz bestimmten Personengruppe in ihrer ganz eigenen Welt, die eine Phrase wie „check your privileges!“ ärgerlicherweise oft sehr viel häufiger an andere richtet als an sich selbst. Systemrelevanz und Home-Office schlagen Solidarität. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist leider immer noch nicht in Sicht – und andere Ansätze leider auch nicht.

Schauen und Hören.

Zu den schönen Dingen des Lebens, auf die man glücklicherweise digital nicht verzichten muss und die man weiterhin sehr leicht unterstützen kann, gehört auch Musik. Am lautesten und stillsten gleichzeitig: Помни Имя Свое. Erinnere Dich Deines Namens. Minimalistischer, theatralischer Folk aus Russland. Klavier, Akkordion, Stimme. Aber dafür von Letzterem jede Menge. Texte, die leise gesungen, immer lauter intoniert, zeitweise geschrien werden – um abrupt zu enden und als schrilles Echo zu verhallen in einer Stille, die schlagartig und hart wirkt. Daneben liegt „Arctic Fever“, eine Kollaboration von Katie Metcalfe und Crown Of Asteria (die ich beide schon aus meinen Playlists kenne): Dark Ambient, gesprochene Texte, düstere Musik, düstere Grundstimmung: Das Klima und der Planet ändern sich. Und der Ferne Norden ist eines der ersten, deutlichsten Opfer dieser Veränderung. Eine musikalische Hommage an die Arktis, die zu durchwandern sich lohnt, ohne dass sie besonders freundlich stimmt.

Ansonsten ist viel Post Punk und Synth Wave durch meine Kopfhörer gelaufen, hat mich dieser Tage beschäftigt, teilweise auch motiviert: Soviet Soviet. Motorama und ihre verschiedenen Nebenprojekte. Kælan Mikla. The Agnes Circle. Tempers, die wie so viele Bands dieser Tage das Maximum aus dem Möglichen gemacht und einen Online-Auftritt via YouTube gespielt haben, merkwürdig, aber gut. Manchmal in diesen Tagen braucht es Musik, die, ohne nähere Angabe von Gründen, ein freundliches Gefühl hinterläßt. Kleine Fluchten aus der Realität.

In ähnliche Rubrik gehörte Lektüre, im zurückliegenden Monat. Konkret: Ich habe begonnen, mich in „Figuring“ von Maria Popova zu vergraben. Ihre Website brainpickings lese ich seit vielen Jahren mit viel Freude, weil die eine lobenswerte Ausnahme im derzeitigen Web darstellt: Werbefrei, inhaltsvoll, ausnahmslos in „Longreads“ gelegentlich auch in Auseinandersetzung mit aktuellen Themen der Zeit, aber stets mit einem Schritt zurück, frei von Polemik und Effekthascherei, ein Lesen und Schreiben als untrennbarer Prozess, ein Verlorengehen in Details. Ein Vor- und Zurückspringen in der Zeit, Jahrhunderte überbrückend in Halbsätzen, historische Fakten einstreuend in einer Leichtigkeit, die vermutlich nur mit Jahren extrem harter Arbeit möglich ist, und all das (weil eben nicht nur Inhalt, sondern auch Form zählen) gefasst in eine wunderbare Sprache, die für den Nicht-Muttersprachler zwar mitunter anspruchsvoll, aber schlicht schön zu lesen ist, unglaublich fesselt und dafür sorgt, dass man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Es nimmt einen mit auf eine Reise quer durch eine Welt, in der es keine Trennung zwischen Biographien und Themen gibt, in der das Leben eines Johannes Kepler oder einer Maria Mitchell untrennbar mit ihrem Wirken verbunden sind, in dem die Fragen, mit denen sich Menschen beschäftigen, über Jahrhunderte und Generationen Widerhall, Fortsetzung, Vorarbeit finden. Es füllt den eigenen Stapel der Bücher und Texte, die man unbedingt lesen will, und vermittelt nebenher unglaublich viel Wissen in kleinen Schnipseln und Details.

Hoffentlich gibt es irgendwann eine deutsche Übersetzung; wer des Englischen einigermaßen mächtig ist, kommt aber vermutlich mit dem Originaltext klar. Ansonsten wünschte ich mir dann und wann, Wissenschaftler und Aktivisten würden häufiger berücksichtigen, was hier nurmehr als Zitat aus zweiter Hand stehen kann:

The universe is made of stories,
not of atoms.

Muriel Rukeyser, „The Speed of Darkness

Geschichten helfen, abstrakte Dinge zu verstehen, zu erklären. Und manchmal braucht es eine andere Form, um Menschen zu begeistern, zu faszinieren, zu überzeugen, mitzunehmen. Eine Form jenseits reiner Fakten oder Modelle. Eine Form jenseits des Rufens, des lauten Redens oder des Versuchs, mit (für den Erklärenden) offensichtlichen Tatsachen Einsicht zu erzeugen. Vielleicht würden mehr gut vorgetragene, auch mit Liebe zum Detail, Begeisterung für die Themen und für die Zuhörer geschriebene Geschichten mehr helfen als vieles der Kommunikation, die wir gegenwärtig versuchen. Und vielleicht bräuchte es dringend mehr Utopien, mehr Möglichkeiten, wohin wir kommen könnten, wenn wir bewusst und gezielt handeln, anstelle von Dystopien, von reinen Beschreibungen dessen, wo wir enden können, wenn wir uns entscheiden, nicht zu handeln. Es ist wohl nicht so, als dass uns dort jegliche Ideen fehlen – aber manchmal glaube ich, wir sind geteilten, gemeinschaftlichen Utopien ferner als je zuvor in den letzten 25 Jahren.

Abwenden.

Kurzer Exkurs ins Digitale: Nach nicht mal einem Monat ist elementary wieder meine Arbeitsplattform der Wahl. Und es wird jetzt, neben Probe-Installationen in VMs, wohl auch so bleiben. Letztlich ausschlaggebend und prägend, trotz des Spaßes, den andere Umgebungen machen: Die Entwickler von elementary versuchen ein paar richtige Dinge zu lösen, und ihr Desktop ist bislang die einzige Linux-basierte Arbeitsumgebung, die nicht den Charme eines bunten Comic-Strips hat und die man auch mal Kollegen, Kunden, Vorgesetzten zeigen kann – obwohl sich dort mit den gegenwärtigen Gestaltungsmustern und Entwicklungen mindestens bei Windows auch Abhärtung und Offenheit einstellt. Vielleicht werde ich doch noch irgendwann Apple-Anhänger. Ansonsten schaue ich, einmal mehr, in manyverse und nachgelagerte Projekte. Die Beschäftigung mit sozialen Netzwerken wie Twitter oder Mastodon und im Umfeld der „Ad hoc“ – Digitalisierung während des Lockdowns treiben mich immer wieder in die Wahrnehmung, dass unsere gegenwärtige Idee der Problemlösung schwierig bis falsch ist: Self-Hosting von Diensten ist kein gangbarer Weg für die breite Masse von Nutzern, die mit Apple, Google, … überhaupt erst digital befähigt wurden. Self-Hosting und Betrieb vieler kleiner Dienste durch viele kleine Beteiligte ist auch durchaus ein Thema, das man etwa aus Klimaschutz-Perspektive – Energieverbrauch, Ressourcenverbrauch für die benötigte Hardware, … – beleuchten müsste; über Compliance und Sicherheitsaspekte eines solchen Netzes zu diskutieren ist noch eine ganz andere Baustelle. Vielleicht wäre es ja doch an der Zeit, sich viel mehr auf tatsächlich serverlose P2P-Dienste zu fokussieren, bei denen „meine“ Daten wirklich nur auf „meinen“ Geräten (meinem Laptop, meinem Smartphone, meinem Tablet) verbleiben und ich direkt mit anderen Menschen auf ihren Geräten kommuniziere, ohne einen Server zu benötigen, den jemand warten und betreiben muss, den jemand kompromittieren und kaputtmachen kann? Vielleicht müssten wir (die Techies) uns hier einfach ein Herz fassen und uns von liebgewonnenen Mustern, wie etwa dem „klassischen“ Ansatz von Client/Server mit einem in der jeweils gerade hippen Programmiersprache und Technologie-Umgebung implementierten, selbst betreibbaren Server-System verabschieden und tatsächlich stärker neue Konzepte unterstützen…?

Ansonsten war auch der April viel Aufbruch und Veränderung. Eigene Entscheidungen und deren Umsetzung. Dinge langsam loslassen und andere aufnehmen. Lang ungekannte Freude erleben daran, in Details verloren zu gehen und tatsächliche Ergebnisse zu sehen. Das Gefühl, eine jahrelange Blockade (die unter dieser Betrachtung noch viel deutlicher und schmerzhafter wahrnehmbar wird) zumindest in einigen Aspekten überwunden zu haben. Die Herausforderung, Neues mit der richtigen Mischung an Euphorie und Vorsicht wahrzunehmen, Unsicherheiten zu akzeptieren und einmal mehr, wie so häufig, zu versuchen, das „richtige Maß“ in relevanten Angelegenheiten zu finden. Übergangszeiten sind fordernd, und ich bin noch unschlüssig, ob die Zeiten der Kontaktsperre, der Arbeit im Home-Office in immer gleicher Umgebung die Dinge eher vereinfachen oder eher erschweren. Der Sommer wird es zeigen. Für den Moment bleibt eine spannende Zeit, in der es selten langweilig wird…

… und in der Zwischenzeit blieb, bleibt vorerst noch die geübte Routine. Die Tage haben eine feste Form, mit kleinerem Aktionsradius, in dem man die Dinge intensiver wahrnimmt. Die Art, in der sich das Viertel verfärbt, wenn der Sonnenaufgang langsam über das Dach kriecht. Die zunehmende Geräuschkulisse in den Morgenstunden. Die kleinen und großen Beschäftigungen der Menschen in den Häusern der Straße. Der Nachbar, der frühmorgens zum Fluss joggt, um danach regelmäßig mit Kippe und Kaffeebecher an der Straße oder im Hinterhof zu stehen. Die jungen Eltern, die abwechselnd und über den Tag verteilt ihre Kinder an die frische Luft lassen, für Bewegung und gegen den Wohnungskoller bei allen Beteiligten. Das Pendeln zwischen Arbeitsplatz und Wohnung, nach wie vor, aber auf deutlich komprimiertem Raum. Ich bin gespannt, welche Wahrnehmung von Zimmern und Wegen in der eigenen Räumlichkeiten bleiben wird, wenn diese Zeit irgendwann vorüber ist. Bis dahin bleiben Geduld. Gelassenheit. Eine gewisses Filtervermögen, um den Wust an unsinnigen Informationen, hanebüchenen Behauptungen und kaputter Kommunikation zu der gegenwärtigen Lage ignorieren zu können, ohne darüber in ungläubiges Staunen oder Wut zu verfallen. Und natürlich die Hoffnung, in einer wie auch immer gearteten Normalität mit den Menschen, die einen wichtig sind, unbeschadet durch diese Zeit zu kommen – was ich uns allen hiermit nachdrücklich und herzlich wünsche. 🙂️