Verschiedene Realitäten

Schon wieder verstrichen ist der dritte Monat des Jahres, und mehr als im Februar fällt es schwer, die letzten Wochen in Worte zu fassen, deren Intensität für weit mehr Zeit gereicht hätte. Gern würde ich darüber schreiben, wie die Bäume vor den Bürofenstern langsam grüner werden, erste Blüten zeigen. Wie es morgens heller und milder auf dem Weg zur Arbeit ist, wie es wieder Spaß macht, mit dem Rad durch die erwachende Stadt zu fahren, bei Licht, und auch bei Licht wieder heimwärts zu fahren.

Aber die Realität ist anders. Die Realität ist ein März, der weit kälter als der gesamte Winter davor endet. Die Realität ist Corona, Pandemie, Ausnahmezustand. Menschenleere Städte, geschlossene Läden, eingefrorenes soziales Leben. Newsticker. Kurven. Zahlen und Risikobewertungen. Der Begriff exponentiellen Wachstums. Albtraumhafte Berichte aus Ländern nebenan. Im Garten tummeln sich Frühblüher, überzieht ein Teppich aus Farbe das noch spärliche Grün. In der Weide, die geächtet ist und schon längst hätte weichen sollen, tummeln sich Myriaden von Bienen. Straßenbäume blühen, der Frühling nimmt Fahrt auf, die Tage sehen so unglaublich schön aus, und aufgescheuchte, verunsicherte Menschen verfallen in Hamsterkäufe, während das medizinische Personal punktuell an der Grenze des Leistbaren operiert, an anderen Stellen Vorbereitungen trifft in einer möglichen Ruhe vor dem Sturm. Schreiende Widersprüche in diesen Tagen, schmerzhaft, unwirklich.

Heim-Büro

März ist Home-Office, seit Mitte des Monats. Zu Hause bleiben, wenn es irgend geht. In unserer Branche geht es. Schwierig, persönlichen Kontakt zu den Kollegen im eigenen Team nicht zu haben, vor allem für die Gespräche und Kommunikation außerhalb des Formalen, zwischen den Zeilen, neben den regulären Besprechungen und Aufgaben. Dinge, die man vermisst. Dinge, die ich im Moment, in diesem Jahr, mehr vermisse, als es wohl in anderen Jahren der Fall gewesen wäre. Und trotzdem: Es ist keine Leistung, zu Hause zu bleiben. Es ist letztlich ein Privileg, zu Hause bleiben, im Schutz der eigenen vier Wände weitestgehend ungestört weiterarbeiten und auch weiterhin Geld verdienen zu können. Der Blick in die Straße zeigt: Viele trifft die Situation bedeutend härter. Die Tage fühlen sich an wie ein langer Sonntag: Leere Straßen, geschlossene Restaurants, keine Cafes, wenig Menschen unterwegs. Wer nicht systemrelevant ist und kann, arbeitet von zu Hause. Wer nicht systemrelevant ist und nicht kann – muss sich Auswege überlegen und hoffen, dass die funktionieren. Wer keine findet, bei wem Hoffen nicht hilft, hat ein Problem. Die Arbeit im Home Office, mit all ihren Einschränkungen, ist keines. Staat und Gesellschaft haben die Chance, Handlungsfähigkeit zu beweisen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre wohl jetzt (wieder einmal) keine schlechte Idee.

März ist auch, wenn wir bei Grenzbereichen sind, der Monat massiver Eingriffe in Freiheiten und Grundrechte. Ausgangssperre. Faktisch „Versammlungsverbot“. Die Möglichkeit, Datenschutz auszuhebeln, um Menschen zu tracken und Kontaktpersonen zu verfolgen. Eine gefährliche Situation, in zweierlei Hinsicht. Zum einen bleibt natürlich die Aufgabe, solche beispiellosen Schritte begrenzt zu halten und irgendwann wieder zurückzurollen. Andererseits: Wohl und Schutz der Vielen ist eine explizite Erwartungshaltung an die Politik, notfalls auch unter Einschränkung des Einzelnen. Was bedeutet das in nie gekannten Umgebungsbedingungen? Ist es gerechtfertig, der Pandemie nichts entgegenzusetzen, um Datenschutz und Freizügigkeit der Individuen zu schützen? Wann sind Bedrohungen so substantiell, so elementar, dass man dafür Rechte einschränken darf und muss? Diese Diskussion wird man führen müssen, nicht auf der Straße und nicht im Netz, nicht in dieser oder jener Filterblase, sondern als gesamte Gesellschaft. Einige der gegenwärtigen Punkte dazu bieten das Potential, eine Unterhaltung über Grundrechte, Privatsphäre und dergleichen über viele Jahre kaputtzumachen, weil sie zu einer Unzeit falsch geführt wurden. Das sollten wir nicht wollen.

Ad-hoc-Digitalisierung

März war auch ein Monat, in dem in Technisierung und Digitalisierung viel passiert ist, viel mehr, als vielleicht vorher möglich schien: Plötzlich erlaubt sogar die Bäckerfiliale nebenan, über lange Zeit ein unberührbarer Hort von Bar- und Kleingeld, kontaktlose elektronische Zahlungsmittel. Mitarbeiter, bei denen das bis dato völlig indiskutabel schien und die noch aus Team- und Abstimmungsgründen im Großraum-Büro verweilten, arbeiten aus dem Home Office, kommunizieren und arbeiten zusammen über Microsoft Teams. Bands, deren Touren gestrichen sind, spielen Live-Konzerte über Facebook und YouTube und bitten um Spenden, auf demselben Weg präsentieren Theater und Comedians ihre Vorstellungen. Vormals technisch nahezu Unbedarfte kommunizieren über Video-Chat und Werkzeuge wie Skype oder Zoom mit Freunden und Familie. Und selbst kleine Läden, Restaurants, Manufakturen bieten ihre Leistungen auf digitalem Weg an, offerieren Produkte via Instagram oder Facebook, erlauben Bestellungen, liefern bis an die Haustür. Die Gewinner sind die großen Digitalkonzerne, die proprietären Dienste, die großen Namen. Nie habe ich so intensiv über geschlossene, zentralistische Tools kommuniziert und gearbeitet wie in den letzten Wochen. Bessere, kleinteiligere, datenschutzfreundlichere, möglicherweise nachhaltigere Alternativen? Existent, aber in der Breite, in der Verbreitung nahezu unbedeutend.

Strukturelle Versäumnisse der Digitalisierung in den letzten Jahren rächen sich hier, im Moment, ebenso wie Überheblichkeit einiger Protagonisten: Nur allzu gern wurde und wird darauf beharrt, die Menschen sollten doch bitte „richtige“ Werkzeuge bedienen lernen, ihrer Bequemlichkeit und Faulheit abschwören und einsehen, dass Datenschutz, Datenhoheit, Privatsphäre, Self-Hosting, Kenntnis des Quellcodes weit wichtiger sind als „Reichweite“, „simple Bedienung“, Massentauglichkeit. Jetzt zeigt sich: Wer seine Mitarbeiter über Nacht ins Home Office schickt, hat keine Zeit, über eigene Server für Videokonferenzen nachzudenken, und keine Kraft, dort Experimente zu riskieren. Wer als Künstler Tourneen und Auftritte gestrichen sieht und derlei ins Internet bringt, greift zu Werkzeugen mit großer Nutzerschaft, weil die potentielle Reichweite das essentielle bzw. einzige Argument und die Namen bekannt sind. Wer seine Produkte plötzlich als Bestell- und Lieferdienst verkaufen muss, wird (wie unser Lieblings-Italiener in der Dresdner Neustadt) Werkzeuge verwenden, die mit geringem Aufwand möglichst viel Vernetzung mit Freunden, Kunden, Unterstützern schaffen, um neue Ideen auszuprobieren, das eigene wirtschaftliche Überleben zu sichern. Selbst Kirchgemeinden gehen den Schritt, Gottesdienste via YouTube und Gemeindekreise via Discord auszurichten. Die Digitalisierung hat einen großen Schritt nach vorn gemacht im Sinne der Verbreitung – und einen großen Schritt zurück im Sinne all jener, die auf offene, datensparsame, die Datenhoheit wahrende Infrastruktur aus sind. Ob sich das wieder einfangen lässt, wird sich zeigen. Es bleibt aber zu hoffen, dass zumindest wahrgenommen und verstanden wird: Abwägungen zu Datensicherheit, Datenhoheit oder digitaler Selbstverteidigung sind leider für die große Mehrheit nicht nur eine Frage von Bequemlichkeit und Faulheit, sondern eine Frage von Privilegien in der Möglichkeit, solche Überlegungen überhaupt anstellen zu können, ohne sich selbst komplett handlungsunfähig zu machen. Das könnten wir im Moment lernen, und ich hoffe sehr, dass wir es tun.

Quasi nebenbei zeigen sich die Schwächen in dieser Ad hoc – Digitalisierung noch auf ganz andere Weise: Menschen oberhalb einer gewissen Altersgrenze, die nicht vorher schon vernetzt waren, sind außen vor. Menschen in den „weißen Flecken“ in Deutschland, in denen weder festes noch mobiles Internet stabil genug verfügbar sind, sind außen vor. Plötzlich und ungeplant verschärfen digitale Techniken ohnehin schon bestehende Spaltungen, bevorzugen einmal mehr ohnehin schon Privilegierte und lassen jene außen vor, die auch vorher bereits außen vor waren. Das tut dem gesellschaftlichen Zusammenhalt sicher nicht gut. Und auch persönlich ist es schwierig zu akzeptieren, dass man mit der eigenen Familie nur deswegen diese Werkzeuge kaum nutzen kann, weil die Provider keine Lust haben, ländliche Bereiche adäquat zu erschließen. Es wird zu den Aufgaben für die Zeit nach der Krise gehören müssen, diese Konflikte endlich richtig aufzulösen.

In persönlicher Digitalisierung habe ich im Home-Office meinen Arbeits-Laptop wieder einmal probehalber auf KDE Plasma umgestellt, vorrangig um KDEConnect nutzen zu können, und verschiedene Dinge gelernt. Vorrangig: Unter Ubuntu 20.04 fühlt sich KDE richtig gut an und scheint auf derselben Hardware erstaunlicherweise flüssiger zu funktionieren als der auch schon schlanke elementary-Desktop. Das überrascht. Ansonsten bleibt der typische KDE-Eindruck: Nach wie vor schafft die KDE-Community die mit einigem Abstand leistungsfähigsten und vielseitigsten Anwendungen. Aber nach wie vor lässt leider die Nutzerführung, Gestaltung von Oberflächen, Standardkonfiguration an vielen Stellen extrem viel Raum für Verbesserung, um es sehr zurückhaltend zu formulieren. Fürs Erste werde ich das Setup lassen, wie es ist, und schauen, wie sich die nächste elementary-Version darstellen wird. Nach wie vor hoffe ich, dass der einzige wirkliche Schmerzpunkt – die fehlende Integration mobiler Geräte – dann irgendeine brauchbare Lösung findet. Ein paar mögliche Kandidaten wie conecto gibt es – schauen wir, was daraus wird.

Kunst in schwierigen Zeiten

Aus den Gegebenheiten heraus gab es im März auch viel digitale Musik. Ash Code waren die ersten, die ich „bei Facebook live“ erlebt habe – ein Erlebnis der anderen Art mit den sympathischen Neapolitanern. Ansonsten habe ich meine Sammlung bei bandcamp vergrößert, nachdem die Plattform angekündigt hat, für einen Tag auf Einkünfte zu verzichten und sämtliche Umsätze an die Musiker zu geben. Nennenswerte Neuzugänge auf meinem mobilen Gerät: „It will come to you“ von ACTORS (dunkler, mitreißender, moderner Post Punk, perfekte Musik für alle Arten von Aktivitäten jenseits der Dämmerung). Ferner „Harmaline“ und „Extinction“ von Zoe Zanias, die ich seit ihren Linea Aspera-Werken sehr schätze und die immer noch intensive Cold-Wave / Minimal Synth – Klangwelten zu schaffen vermag. Dann „Shortwave Ruins“ von Mount Shrine, stellvertretend für einige der eigentlich immer hervorragenden Dark Ambient-Veröffentlichungen des Cryo Chamber – Labels. Im heimischen Büro höre ich mich zwischen den Telefonkonferenzen durch Musik im „field-recordings“-Tag bei bandcamp und merke, dass die Musik hilft, die Gedanken zu ordnen. Wiederum: Es ist ein Luxus, so arbeiten zu dürfen. Selbst hinter dem regulären Schreibtisch funktioniert das so nicht.

Akustisch beschließen den Monat dann wieder ISON und die Veröffentlichungen, die Heike Langhans unter dem Namen LOR3L3I aufgenommen hat. Musik zwischen den Sternen, die besonders gut im Dunklen wirkt. Nebenbemerkung übrigens: In Zeiten vermehrter Arbeit in Home-Office-Umgebungen und allgemein vermehrter Kommunikation auf Internet-Leitungen scheinen Dienste wie bandcamp noch wichtiger, die nicht nur auf Streaming setzen, sondern auch die Möglichkeit bieten, Musik nach dem Download ohne Netzwerk-Übertragung zu hören. Das wäre eine bessere dazu, etwa die Bildqualität bei Streaming-Diensten zu drosseln, um die Bandbreitenprobleme in den Griff zu bekommen. Auch hier täte Nachhaltigkeit not.

Lose Enden.

Was bleibt sonst von diesem Monat? Verschiedene Gedanken, die umtreiben in diesen Tagen. Der Status Quo zwischen Ausnahmezustand und „business like usual“ (in Abgrenzung zu „business as usual“) ist ebenso schwer zu beherrschen wie der Kontrast zwischen dem Schönen des erwachenden Jahres und der Bedrohlichkeit der gegenwärtigen Gesamtsituation, den Sorgen, den Fragen. Sorgen, Fragen, die anders als in den letzten Jahren und Monaten tiefer gehen, grundlegender, existentieller sind. Erkennen, wie viele wichtige Dinge im täglichen Leben doch als erschreckend selbstverständlich behandelt werden, etwa die Versorgung mit dem Notwendigsten. Hamsterkäufe von Nudeln und Toilettenpapier eignen sich zwar gut für Karrikaturen und Memes, offenbaren aber eben auch tatsächliche Schwierigkeiten. Ich erinnere mich noch an Jugendjahre auf dem Dorf, den Großeinkauf donnerstags einmal für die nächste Woche. Meine Eltern, die noch immer auf dem Land leben, handhaben das heute noch so – aus verschiedenen Gründen. Dort reden wir nicht über „Hamstern“. Das Wort ist schlicht Vorratshaltung, für die Woche, vielleicht auch mal für länger – wenn das Dorf über die Feiertage eingeschneit ist, was früher(TM) durchaus vorkam. In Stadtwohnungen funktioniert Vorratshaltung mangels Platz nur sehr eingeschränkt – bewußte Einschränkung in allen Belangen unter dem Schlagwort „Minimalismus“ ist dort noch völlig außen vor. Eine arbeitsteilige und spezialisierte Gesellschaft ist sehr viel mehr aufeinander, auf das Funktionieren des Miteinander und der Infrastruktur dazwischen, angewiesen, damit das Leben weitergehen kann. Das nimmt man vermutlich viel zu oft als einfach gegeben hin, entsprechend groß ist die Verunsicherung, wenn dieses Fundament plötzlich ins Wanken gerät.

Gleiches gilt für Berufsgruppen: „Stay at home“ ist das Wort dieser Tage, aus gutem Grund. Gleichermaßen merken wir: Es gibt Menschen, die das nicht können oder nicht sollten, damit das Gemeinwesen weiter funktionieren kann. Und wir merken (hoffentlich zumindest in einigen Fällen peinlich berührt): Das sind mehrheitlich nicht Menschen und Berufsgruppen, die täglich gefeiert im Licht der Öffentlichkeit stehen. Das sind die Mitarbeiter, die in Supermärkten kassieren und Regale füllen. Das sind jene, die mit Lkws Waren durch das Land bewegen (Lkws, nicht Lastenfahrräder). Das sind die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die in Schichtdienst und rollender Woche kranke Menschen betreuen und pflegen. Insgesamt also Menschen, die in großen politischen und wirtschaftlichen Diskussionen selten eine wirkliche Rolle spielen, wirkliche Fürsprecher haben. Menschen, die teilweise unter mehr als widrigen Bedingungen harte Arbeit verrichten und trotzdem von wirklichem Wohlstand weit entfernt sind. Menschen aber, ohne die die Dinge nicht richtig funktionieren würden. Das Wort „systemrelevant“ geistert durch die Kommunikation,auch ihm haftet eine bittere Selbstverständlichkeit an, und es bleibt der Wunsch, dass von der Erkenntnis der Systemrelevanz nach dieser Krise mehr übrig bleibt als bloße Worte des Dankes, so gut sie auch gemeint sein mögen. Hoffen wir das Beste. Hier. Und allgemein…