Licht später Winterwochen.

Februar. Kurzer zweiter Monat des Jahres, wenn auch in 2020 um einen Schalttag länger. Winter, mit etwas Sonne, etwas Regen, viel Sturm in mehrerlei Hinsicht, wenig Schnee. Das Leben in der Stadt schwankt zwischen Frost und Frühling, in den Menschen, in den Straßen, in der Natur. Im Garten wird das Braun ganz langsam wieder grüner, häufen sich Farbtupfer dazwischen. Bäume werden nach Vorgabe beschnitten, auf eine Länge, die schmerzt – es bleibt Hoffnung, dass der Frühling sein Werk trotzdem verrichtet. Nur die Äste vor den Bürofenstern bleiben knochig und braun, halten ihr weniges Laub hartnäckig seit dem Spätsommer. Im Laufe des Monats haben sie oft Gelegenheit, heftig im Wind zu zittern, während Passanten durch die Schlechtwetterstadt eilen, Böen und Regen im Gesicht. Beobachtung am Rand: Die e-Roller haben unerwartet die mistige Jahreszeit überstanden und sich sogar vermehrt. Regelmäßig im Morgen, regelmäßig in den Abendstunden parken Kleintransporter Fuß- und Radwege zu, um die Teile für die nächtliche Ladung einzusammeln und früh wieder freizulassen. „Alle wollen dasselbe: e-Roller in die Elbe!“ klebt an einigen Laternenmasten in der Stadt. Manche der Geräte liegen tagsüber irgendwo in den Büschen. Jene, die verwendet werden, werden nicht von Pendlern verwendet. Verkehrsprobleme löst man auf diese Weise nicht, aber das ist wohl auch nicht das Ziel.

Februar ist ansonsten jedes Jahr Ritual. Februar ist Rügen. Es gibt wenig Neues zu schreiben, zu berichten über diese Zeit. Der Weg dorthin ist immer derselbe, räumlich wie auch zeitlich: Die Sehnsucht nach dem Wasser, der Landschaft, dem Wind, dem nächtlichen Blick auf den erleuchteten Hafen und die sich dahinter kräuselnde dunkle See zwischen Mole und Horizont, die sich nach dem Jahreswechsel langsam einstellt und immer stärker wird. Die Anspannung in den letzten Wochen und Tagen vor der Abreise. Und schließlich die Lichter der Rügenbrücke am Horizont, die die Anspannung auflösen, Ankommen vermitteln. Das Land, die Routine, die Schwere der Zeit davor bleibt zurück. Ein Rätsel, wie ein Kind des Mittelgebirges das Ankommen an einer schroffen, von Wind und Wasser gepeitschten Steilküste als vertraut und fast schon heimisch empfinden kann. Und doch funktioniert es genau so, Jahr um Jahr, mit schöner Beständigkeit, während Bart und Haare langsam ergrauen und man sich selbst der Frage hingibt, ob man mit dem wiederkehrenden Aufsuchen immer derselben Orte in fast ritueller Art und Weise die Grenze zu kauziger Verschrobenheit schon merklich überschritten hat. Andererseits: Ab einem gewissen Punkt kann einem dieses Fremd-Urteil wohl gleich sein. Die wichtigsten Dinge müssen in erster Linie für einen selbst funktionieren.

Darüber hinaus bleibt bei der Erinnerung an Rügen in 2020 eine von Jahr zu Jahr stärker werdende merkwürdige Mischung aus Beständigkeit und Veränderung. Wenn man am Strand steht, die Füße kurz vor dem Wasser, Blicke über die wilden Wellen streifen läßt, Gicht und Hagel im Gesicht spürt, dann bietet sich immer dasselbe Bild, nur in Nuancen verändert im Abstand von einem Jahr. Zwischen dem verschwommenen Horizont und der Linie, die das Wasser an den Strand zeichnet, herrscht eine beruhigende Stetigkeit, in der man sich selbst klein und unbedeutend, aber gleichsam letztlich als Teil eines großen, irgendwie zusammengehörenden Ganzen fühlt. Dreht man sich jedoch auf dem Absatz um, schweift der Blick etwa über den Koloss von Prora. Dann erinnert man sich an die Bilder, die der Erstkontakt mit diesem Objekt in die eigene Erinnerung geschrieben hat: Stahlbetonruinen zwischen verschneitem Gestrüpp. Rostige Zäune, unpassierbare Pfade, durch Zeit, Vernachlässigung, Verfall gezeichnete Mauern. Zwischendrin das kleine Museum, in kalten und ungastlichen Räumen, klein, nass, in genau so traurigem Zustand wie der Rest des Komplexes. Anderthalb Jahrzehnte später: Am nördlichen Ende residiert mittlerweile eine Jugendherberge und stellt dabei noch die angenehmere Nachnutzung der riesigen Gebäudestruktur dar. Weiter südlich: Sanierung in luxuriösen Appartments und Ferienwohnungen. Eigentlich naheliegend, am möglicherweise schönsten Strand der Insel. Auch nicht ungewöhnlich – passend zu dem, was quer über den Kontinent passiert in den Städten und allen einigermaßen reizvollen, interessanten Wohnlagen. Und trotzdem hinterlässt es einen merkwürdigen, traurigen Nachgeschmack, auch und gerade hier, wo Küste und Vandalen den fast schon legendären „Her mit dem schönen Leben“-Schriftzug vor den Zeugen einer finsteren Vergangenheit weitestgehend ausgelöscht haben und nur Häuser mit gelben Sonnenschirmen, aber ohne Geschichte bleiben.

Für den Moment bleibt noch Sassnitz mit einigen Konstanten, das Flair einer Stadt, in der man ein Leben jenseits des Tourismus wahrzunehmen glaubt und sich gleichermaßen schuldig fühlt – weil man letztlich auch „nur“ als Gast kommt, von dem Leben in Sonderheit in der Nebensaison hier oben meilenweit entfernt ist. Das Museum im alten Fähr-Terminal ist seit Jahren geschlossen, das Kino in der Ortsmitte noch länger, der stilvolle Italiener in der Hafenstraße erst seit dem Herbst. Wie authentisch ist man als Fremder hier oben? Wie sehr romantisiert man ein Leben in einer Gegend, die innerhalb einiger Monate von Menschen förmlich überrannt wird, in der außerhalb dieser Monate Restaurants, Galerien, Cafes schließen müssen, die in den letzten Jahren durch Infrastruktur-Ausbau auf noch schnellere Anreise von noch mehr Touristen geschliffen wurde – und daneben den Menschen vor Ort kaum Möglichkeiten lässt, ein Überleben in nachhaltiger Weise sicherzustellen? Noch mehr schwierige Fragen. Und trotzdem erfüllt einen immer wieder ein gewisser Frieden, wenn man über die abendlich erleuchtete Sassnitzer Altstadt blickt, den Weg entlang des ehemaligen Steinbachs gen See und dann entlang der Küste nach Klein-Helgoland läuft, bis die Lichter des Ortes weit hinter einem liegen, der Mond in den Ästen über der steiler werdenden Küste hängt und der Klang des Wassers in Myriaden kleiner Steine das einzige Geräusch des Abends ist. Der Mutige entblößt seine Füße…

Februar war ansonsten ein Monat gezeichnet von einem gewissen Durcheinander. In der beruflichen Sphäre schwankt es zwischen eigenen Entscheidungen und Kontrollverlust, einer immer merkwürdiger und abgehobener wirkenden Planung, dem Versuch, in diesem Durcheinander Kollateralschäden auf der eigenen Seite, im schlimmsten Fall an der eigenen geistigen Gesundheit, zu vermeiden und Risiko-Kompensation zu betreiben, so gut es eben geht. Die Aussage, dass man sich Fragen stellt, ohne befriedigende oder nicht verstörende Antworten zu finden, fasst es wohl ganz gut zusammen, und mehr Ausführungen braucht es dazu im Moment nicht. Musikalisch war der Monat ähnlich (aber erfreulicher) konfus, erwartungsgemäß in der Schnittmenge zwischen Urlaub, halbwinterlicher Stadt und Büro. Da sind Supruga, die eine gewohnt intensive EP in die Welt gesetzt haben. Da sind Arcanum Sanctum, eine meiner persönlichen Neuentdeckungen des jungen Jahres, die auf ihrem Debüt „Veritas Odium Parit“ eigenständigen, originellen, harten Metal darbieten und schöne Erinnerungen wecken an eine Zeit in den Mitt-1990ern, Zeit der späten Teenager-Tage, Zeit der Begeisterung für laute, schnelle, wilde Musik ebenso wie Zeit der eigenen mäßig erfolgreichen Versuche, einen entsprechenden Lifestyle zu pflegen – Monate zwischen Peinlichkeit und einer gewissen Unbeschwertheit, was wohl gut ist. Auf der anderen Seite gehört dem Februar die Urlaubsmusik. Keluar. Kirlian Camera. Solstafir. The Great Park. Eine immer wiederkehrende bewährte Sammlung von Tracks, die sich nicht mehr von der Reise über den Rügendamm trennen lässt, die jedes Jahr wieder, nur in Nuancen verändert, zum Einsatz kommt – und immer noch, erstaunlicherweise, funktioniert. Entspannte Musik auf der Fahrt zum Wasser. Melancholischere Klänge auf der Fahrt zurück, über die Brücke, wieder ins Landesinnere. So viel zum Thema schrullige Kauzigkeit.

Darüber hinaus, schließlich und endlich, war, ist Februar 2020 ein verstörender Monat, eine beängstigende Abkehr von Normalität in kurzer Zeit und Ereignissen, die sich zu überschlagen scheinen. COVID-19 nach China in Europa, in Italien, in Deutschland. Ausgangssperren. Mainstream-Medien und die Erkenntnis, dass man in der Breite Begriffe wie „exponentielles Wachstum“ erklären muss. Fake News, Panik, später Nudeln, Hamster, Toilettenpapier, die segnungsreichen Wirkungen sozialer Medien und privatisierter, kommerzialisierter Gesundheitssysteme. Angst und Hoffnung gehen Hand in Hand, es ist schwierig, sich dem Thema gedanklich zu nähern, schwierig, die Idiotie zu akzeptieren, mit der verschiedenste Akteure aus verschiedensten Lagern versuchen, selbst diese massive, eigentlich gesamtgesellschaftlich und geschlossen anzugehende Krise für eigene politische oder gesellschaftliche Zwecke, Ideologien zu vereinnahmen und zu missbrauchen. Die Liste der Themen, die man im Nachgang zu diskutieren haben wird, ist extrem lang und berührt sehr kritische Punkte, wie etwa die Frage, warum Berufsbilder und Tätigkeitsbereiche, die wir in solchen Momenten als „systemrelevant“ erkennen, im Normalfall fast nahezu ausnahmslos indiskutable Bezahlung und schwer zu unterbietende soziale Anerkennung erfahren. Aber bis dahin wird die Herausforderung sein, mit dieser Situation klarzukommen, mit einem massiv eingeschränkten sozialen Leben, mit täglichen Krisenberichten und einer Entwicklung, deren Ende nicht wirklich abzusehen ist. Damit ist der Bericht über den Februar schon bis weit in den März gerutscht. Mögen die Berichte nach dem laufenden Monat erfreulicher sein. Kommt gut durch die Zeit, bis dahin, wohlbehalten und halbwegs gesund…