Künstliche Sternenhimmel

Dezember. Zeit des künstlichen Lichts, während die Tage noch immer kürzer werden. Es ist kalt – tageweise tatsächlich im Sinne von Frost, teilweise nur gefühlt. Eben Dezember. Weihnachten. Winter. Die Städte werden wieder voller, die Hotels teurer. Plätze sind mit Buden und Tannenbäumen zugestellt. Schwere Beton-Elemente blockieren Zufahrtsstraßen. Über all dem hängen Tausende künstlicher Sterne wärmeren und kälteren Lichts. Dazwischen wuseln Menschen hin und her. Menschen, die sich entspannt auf diese Tage einlassen. Menschen, die in Hektik und mit großen Taschen und Tüten bepackt durch die früh einsetzende Dunkelheit eilen. Menschen, die mit blinkenden Mützen und Rentier-Geweihen dekoriert, Becher mit Glühwein und Grog in den Händen. Tage, Abende mit Freunden und Familie. Weihnachtsfeiern. Geschenke, Kalender vorbereiten. Fotos und Gedanken des Jahres sortieren. Kurze Tage, kurze Nächte. Plötzlich ist Weihnachten, und die nach dem Treiben davor ungewohnte Ruhe in mancher Hinsicht zuerst Durchatmen und erst danach Besinnlichkeit. Aber irgendwann ist sie es. Tage zwischen den Jahren. Zeit, in denen man, einmal mehr, viel kann und wenig muss. Zeit, in denen man Gedanken, Menschen, Themen Raum geben kann, für die das Alltägliche oft zu schnell und überladen ist. Zeit, die zurückblickend ebenso schnell vergeht wie die Wochen davor, aber intensiver, erfüllter, erfüllender in Erinnerung bleibt. Zeit, in denen man auch robust genug ist, die vielen Widersprüche und Klischees der Vorweihnachtstage hinter sich zu lassen und diesen Tagen die Bedeutung zu geben, die man selbst in ihnen sehen möchte. Vielleicht ist es das, worauf es am Ende ankommt.

Vorzeitige Weihnachten in 2019 haben mir Good Old Games beschert: Seit der zweiten Dezemberhälfte gibt es, nach langem Warten, endlich eine auf neuen Rechnern plattformübergreifend spielbare Version von Blade Runner. Meine alte Original-4CD-Version aus 1997 steht zwar aus Nostalgie-Gründen immer noch in meinem Regal, aber die vermochte ich nie wirklich mit aktuellen Systemen zum Laufen zu bringen. Die aktuelle Variante funktioniert auch auf meinem Linux-System tadellos. Und ich bin beeindruckt, daß das Spiel nach über zwei Jahrzehnten zwar im Blick auf Grafik und Effekte schon etwas gealtert ist, aber nichts von seiner Stimmung und Intensität eingebüßt hat. Mit Blade Runner kommt auch wieder ein wenig Muße und Motivation auf, Spiele als gelegentliches Instrument der Zerstreuung und Unterhaltung zu verwenden, auch wenn die Zeit dafür eher knapp ist. Und, einer der Vorsätze für 2020: Ich muss mir endlich mal Blade Runner 2049 anschauen. Nachdem der erste Teil für mich prägender Meilenstein der Filmgeschichte ist, war und bin ich immer noch skeptisch, ob es eine Fortsetzung thematisch oder ästhetisch geben kann.

Ansonsten gab es im dunkel-hellen Monat natürlich auch wieder Musik. Dezember: Konfuse Auswahl. Auf der einen Seite hat es, wie so häufig in dieser Jahreszeit und in gewissem Kontrast zu den erleuchteten Vorweihnachtstagen viel Dark Ambient aus den Katalogen von Cryo Chamber und Black Mara in meine Playlists geschafft. Das funktioniert oft, aber nicht immer. Begeisternde Neu-Entdeckungen daneben, gänzlich anderer Art: Michelle Gurevich, deren Musik ich schlecht beschreiben kann. Das Etikett „dark chanson“ passt möglicherweise ganz gut, ansonsten gehört die Dame in die Schublade von Künstlern, die mich berühren, ohne dass ich erklären könnte, warum. Ferner: NNHMN aus Berlin, die sich leichter beschreiben lassen (Cold Wave, Dark Wave, Minimal Synth), aber genau so überzeugen. Und Ghum aus London, die ich unbeschreiblich gut finde in ihrer energischen Mischung aus Rock, Goth, Indie und Post-Punk. Hoffentlich folgt dort noch sehr bald sehr mehr…

Ferner … trage ich knappe Ideen für mehr geistige Gesundheit in 2020 mit mir herum: Weniger tagesaktuelle Nachrichten lesen. Einmal mehr die Eingänge in den üblichen Kanälen ausdünnen und schauen, welche Quellen es wert sind, Zeit in sie zu investieren (Theorie: die wenigsten). Weniger bis kein Engagement in Online-Diskussionen – aus genau diesem Grund. Insbesondere bei kritischen Fragen wie Klimawandel, Datenschutz, Mobilität; Aufregungskultur, fehlende Kommunikationsfähigkeiten und das absolute Unvermögen vieler Beteiligten, über den eigenen Tellerrand zu schauen, machen das weitestgehend sinnlos.

Damit einhergehend: Weniger Nutzung von „kostenlosen“ werbe- und datenverwertungsfinanzierten Diensten. Weniger Konsum, mehr nachhaltiger Konsum, der auch Geld kosten darf. Perspective Daily als bezahlte Info-Quelle, zumindest erst einmal für ein Jahr – wir brauchen mehr Websites, die Nachrichten liefern und ohne Adblocker nutzbar sind. Flickr Pro als primäres Ziel für die Ablage von digitalen Fotos. Möglicherweise demnächst FairApps für Dienste wie Meeting, Chat oder Boards, die ich eventuell nutzen, aber selbst nicht hosten möchte. Weniger Nutzung von Facebook-Diensten, allen voran WhatsApp und Facebook selbst. Vielleicht auch: Das Weblog mehr nutzen auch für kürzere Schnipsel von Dingen, die ich glaube ins Weltnetz werfen zu müssen. Was immer noch fehlt: Soziale Netzwerke, die nach diesem Muster operieren. Und Betriebssysteme für Mobilgeräte, wenn man nicht Android oder iOS, aber trotzdem Konzepte unterstützen möchte, die nachhaltigere Modelle als Freiwilligkeit und Spenden zugrundelegen. Schön wäre es, wenn in 2020 sich hier Dinge ändern würden, aber eigentlich glaube ich momentan nicht daran.

Auch für geistige Gesundheit: Wieder mehr Bücher lesen. Mein Lesestapel wächst, und damit das Problem, Dinge zu priorisieren und tatsächlich durchzuhalten. Immer schwankend zwischen der Idee, jedes begonnene Buch auch tatsächlich lesen zu wollen, und dem Wunsch, möglichst wenig Zeit zu verschwenden an Lektüre, die sich eher schlecht anfühlt und die einen weder menschlich noch geistig weiterbringt. Vielleicht kann ich mich auch dazu durchringen, gelesene Bücher irgendwo in Dresden freizulassen; bis auf Fachliteratur tu‘ ich mich damit momentan eher schwer, mit offensichtlichen Konsequenzen. Vielleicht ist „Ordnung schaffen“ in dieser und manch anderer Hinsicht ein ganz gutes Ober-Motto, das weiter trägt, als man auf den ersten Blick denkt. Es gibt immer genug zu ordnen.

Damit wird es Zeit, final (und mit zwei Wochen Verspätung) das vergangene Jahr ad acta zu legen. Sicher gäbe es noch mehr zu berichten. Zu neuen, vor allem aber auch zu bekannten Themen, die die letzten Monate schon dominiert und im Endspurt des letzten Jahres Fortsetzung ohne Abschluss gefunden haben. Sei’s drum. Längst ist der Dezember Geschichte, hat die Dresdner Stadtreinigung die Überreste der Silvesterfeier von den meisten Kreuzungen und Fußwegen gekehrt, werden die Tage ganz zaghaft wieder länger, vage gesteckte Neujahrsvorsätze schon brüchig, der Geist langsam wieder reif für Urlaub. Von 2019 bleiben Gedanken, Erinnerungen, Momente, viele schön, manche frustrierend, andere ärgerlich. Einige davon habe ich hier an dieser unbedeutenden Stelle gesammelt – und sei es nur, um sie aufgeschrieben zu haben und irgendwann hier zu vergessen. Vermutlich werde ich das in 2020 ähnlich handhaben … aber das ist eine andere Geschichte. 😉