Städtisches Zwielicht

November. Durchwachsener Monat. Schneller, hektischer Monat. Einmal mehr wie jedes Jahr um diese Zeit Vogelschwärme, die mit Anbruch der Dämmerung wie schwarze Schatten quer über den Stadtteil Richtung Zentrum ziehen. Darunter: Mehr Autos. Mehr Menschen als zu anderen Zeiten des Jahres. Mehr Durcheinander auf den Straßen. Mehr Eindrücke, mehr Bilder mit jedem Tag der verstreicht. Sonnenauf- und -untergänge in allen Farben, die das Spektrum zu bieten hat. Immer wieder sehr kalte Tage, die durch die noch unangemessene Kleidung kriechen und über die Haut kratzen, während man nur wenig später in derselben Woche in Winterkleidung schwitzt. Sporadisch Regen und Nebel, aber das richtige Herbstwetter bleibt noch aus. Das Jahr beginnt ganz langsam auszuklingen. Nadelgehölze finden den Weg in die Auslagen der Blumenläden, Lebkuchen und Süßkram den in die Regale der Supermärkte. Die Nachbarn überbieten sich im Versuch, die grenzwertigste Lichter-Dekoration im ganzen Viertel auf die Balkons zu schrauben. Überall in der Stadt entstehen Buden für Weihnachtsmärkte. Eine Welt mit Glühwein wird wieder vorstellbarer.

(Skylines)

Daneben feiert der Mauerfall in Deutschland seinen 30. Geburtstag – ein merkwürdiges Jubiläum in einer Zeit, in der wieder mit viel Kraft von allen Seiten geistige und tatsächliche Mauern errichtet werden: Zwischen Ländern und Kontinenten. Zwischen Stadt und Land. Zwischen Menschen mit verschiedenen Weltsichten hier wie dort. Zwischen Alt und Jung, zwischen Arm und Reich. Polarisierung und Spaltung statt Einigung und Kompromiss. Und die Erkenntnis: Das tut der Gesellschaft gar nicht gut. Trotz dieser trüben Gegenwart ist es interessant, die Erinnerungen an diese Tage wieder einmal hervorzukramen. Sich an die Veränderungen zu erinnern, die diese Zeit gebracht hat, an die eigenen Wahrnehmungen in den Tagen zwischen zwei Ländern, die Zeit auf einigen jener Montagsdemos. An das ungute Gefühl, zwischendrin, an dem die Stimmung fast zu kippen schien, weil plötzlich offensichtlich wurde: Viele der Initiatoren der “sanften Revolution” wollten gar nicht unbedingt den Weg, den die Geschichte genommen hat. An die erste Fahrt nach “Westen”, ins Bayrische, das stundenlange Stehen in einer endlosen Autokarawane, zu viert im Trabant Kombi – und in der Nacht danach die unsichere, angespannte Tour zurück, mit kaum noch Treibstoff und einer fast kaputten Batterie in klirrender Kälte und im Wissen: Wenn das Auto jetzt erst einmal “aus” ist, dann bleibt es aus. Aber auch Erinnerung an das Gefühl, eine privilegierte Generation zu sein – nämlich diejenige, für die die Wende in einem Lebensabschnitt kam, in dem man das “vergangene” Land noch bewusst wahrgenommen hat, aber mit dessen Eigenarten und Schattenseiten noch keinen Kontakt hatte, und in dem noch sämtliche relevanten Entscheidungen für das spätere Leben offenstanden, zu treffen und zu gestalten waren. Dann und wann habe ich überlegt, dazu mehr zu schreiben. Ich dachte, ich hätte dies gerade getan, aber das ist auch mittlerweile schon wieder fünf Jahre her. Als Kind hat man die Dinge damals entspanner wahrgenommen, und vielleicht ist das auch gut so.

Passend dazu: Ich habe wieder im Netz über Politik zu diskutieren versucht und es wieder bereut. Irgendwann lerne ich vielleicht wirklich, es bleiben zu lassen. Richtig verstehen kann ich es aber immer noch nicht. Eigentliche, eigene Erwartungshaltung wäre: Ich möchte Menschen, die mich von ihrer Perspektive zu überzeugen versuchen. Ich möchte mit Menschen kommunizieren, die mich herausfordern in meiner Weltsicht und meinem Vermögen, diese zu erklären, weil man nur an solcher Diskussion gedanklich wächst und auch nur in solchen Diskussionen Erkenntnisse darüber gewinnt, wie andere Menschen warum über welche Themen denken. In der digitalen Realität passiert das nicht. Es ist wohl einfacher, die jüngste Verfehlung der jeweiligen Feindgruppe (ganz gleich, ob das Auto-Industrie, Energie-Lobby, Digitalkonzerne sind) in immer derselben empört-aufgeregten, lauten Sprache in die eigene Filterblase zu brüllen und sich an endlosen “Diskussionen” zu erfreuen, in denen letztlich doch nur Leute mit derselben Weltsicht bestätigen, wie rücksichtslos und kriminell alle sind – und wie blind und dumm jeder ist, der das nicht von selbst sieht. Aus Letzterem erwächst wohl offensichtlich auch die Selbstverständlichkeit, mit Menschen gänzlich oder teilweise abweichender Meinung gar nicht erst zu reden, sondern der Einfachheit halber sehr schnell zu Beschimpfungen und Beleidigungen überzugehen, den Störenfried dann einfach zu blocken und sich das nach Wunsch und Belieben schönzureden: Schließlich ist es sinnlos, mit “toxischen” Leuten zu kommunizieren. Meinetwegen. Mehr muss ich nicht wissen. Und dass diese Art des Umgangs miteinander nicht auf den immer wieder als garstig und unmenschlich verrufenen großen Plattformen passiert, sondern auch in alternativen Netzen wie Mastodon oder dem Fediverse, das macht die Dinge eher schlimmer als besser. Vielleicht passen Online-Öffentlichkeit und differenzierte Politik auch wirklich nicht zusammen, vielleicht eignet sich das Medium hier nur für Propaganda und Polemik…

(Grenzen)

… oder eben für unverfänglichere Dinge. Kunst. Musik. “Onirica” von Fjords ist neu in meinem Player, nach längerer Vorbestellung: Epischer, melodischer Progressive Metal mit abwechslungsreichem Gesang, der auch Death-Metal-Growls nicht scheut. Musik, die originell und gut genug gemacht ist, um sie stundenlang zu genießen. Das Album ist durchweg hörens- und empfehlenswert. Randnotiz: Mit Fjords-Gitarristen Ben Sizer habe ich früher in diesem Jahr auf Twitter länger und intensiver zur EU-Copyright-Richtlinie gestritten. Der Umstand, daß wir dort keinen Konsens gefunden haben, ändert nichts daran, daß ich seine Musik sehr schätze; und der Umstand, daß er als Musiker dort eine klare Position vertritt, gibt mir (der ich mehr Techie bin und Musik eher höre als erzeuge, geschweige denn davon leben muss) in meiner Welt auch zu denken. Ansonsten gab es im November noch “Одержимость“. Die zugehörige Band heißt Mirny, stammt aus Samara. Artem Tyganov von Supruga singt, und musikalisch bewegt sich das Quintett in ähnlich düster-schwerem Fahrwasser. Ein dunkler Ritt durch postmoderne Lebens- und Gedankenwelten, der durch den russischen Gesang noch intensiver wird. Dort kommt hoffentlich noch mehr. Ansonsten, wenn auch gänzlich andere Richtung, hatte es Opale wieder viel in meine Playlist gespült; deren warm-dunkle Elektronik funktioniert insbesondere in Nächten ganz wunderbar. Und ich habe gelernt, daß, nach Ausflügen der Musiker in andere Projekte, Linea Aspera nach sechs Jahren zumindest wieder zusammen auf die Bühne gehen. Vielleicht gibt es dann ja auch neue Musik, irgendwann.

Neben der digitalen Welt: November war Projekt Garten. Völlig unerwartet und überraschend begonnen, nach Jahren des Wartens und Suchens. Im Dresdner Norden, nur wenige Haltestellen von zu Hause. Viel Grün, ein verwinkeltes und verwunschenes Grundstück mit kleiner Laube inmitten alter Bäume. Ausgleich, Abenteuer, Ruhepol. Und Erwägungen über verstreichende Zeit und Zeiträume: Die Vorbesitzerin gibt das Objekt auf, nach 27 Jahren. Mit fast 90 Jahren fehlt die Kraft, die Fläche und die Hütt weiter selbst zu bewirtschaften. Unweigerlich kommt das Rechnen – mit dem eigenen Lebensalter und jenen 27 Jahren. Und mit merkwürdigen Gedanken dazu. Vielleicht verfliegen die erst, wenn zum ersten Mal die eigene Feuerschale ihre Funken in einen lauen Abendhimmel schickt und man ein in der Stadt ein Stück weit weg von der Stadt ist. Oder wenn man im Frühsommer merkt, etwas mehr Ruhe für sich zu haben als beim Grillen am Fluss, das in den letzten Jahren zunehmend schwieriger und unerfreulicher geworden ist. Es bleibt viel Arbeit, eine ganze Menge davon durchaus herausfordernd. Es bleibt aber auch die Perspektive, den Kopf ein Stück weit frei und für andere Dinge umgewidmet zu bekommen. Vermutlich gibt es Schlimmeres.

(Der Herbst und der Garten.)

Daneben: Viel Bewegung in der dienstlichen Sphäre. Monatsanfang: Jährliches Entwicklertreffen. Berlin. Das Michelberger-Hotel, bunt, schrill, inspirierend, eigenwillig, mit einem endlos freundlichen Team. Dazu viele Menschen, viele Gespräche. Viel Inspiration, viel Motivation, fast zu viel soziale Interaktion für die kurze Zeit. Nach zwei Tagen fühlt man sich gleichermaßen übervoll, euphorisiert, inspiriert – und restlos erschöpft. Dann holt einen zudem der Alltag sehr zurück in das Klein-Klein und man bereut nach den ersten zwei Tagen im Stoß des Liegengebliebenen fast, überhaupt gefahren zu sein. Man merkt, daß all die Inspirationen und Ideen noch nicht weitertragen. Man merkt, daß wenig Handfestes mitgenommen wurde, daß man im Alltag gänzlich andere Probleme zu lösen hat und das nach wie vor im Alleingang passieren muss. Man merkt, daß man für die Dinge, die man gern tun würde und als Ideen mitnimmt, keinen Arbeitsauftrag hat und Gefahr läuft, umsonst Enthusiasmus, Kraft und Zeit zu investieren, während andernorts Entscheidungen in gänzlich andere Richtungen getroffen werden. Ein sehr merkwürdiges und unbefriedigendes Gefühl. Insgesamt lag über der Veranstaltung in diesem Jahr mehr denn je der Eindruck großer Veränderungen und ambitionierter Visionen. Wenig davon ist leider bislang konkret greifbar. Es bleiben viele Fragezeichen, vor allem auch hinsichtlich der offensichtlichen Lücke zwischen Ziel- und Ist-Zustand, die irgendwann irgendwie überbrückt oder umlaufen werden muss.

Monatsende dazu: Alte Firma, neuer Name. Gänzliche strukturelle Auflösung am Horizont. Positiv (und realistisch) betrachtet ist das seit Jahren absolut überfällig. Ein Geflecht aus kleinteiligen, in Kultur, Herangehensweise, Produkt und Selbstverständnis extrem heterogenen Unternehmen ordnet sich nicht von selbst. Irgendwann will man sich nicht mehr darauf verlassen, daß eine langfristige, sinnvolle Strategie automatisch entsteht infolge des zufällig “richtigen” Handelns einiger problemsensibler Enthusiasten in allen Teilen der Organisation, die damit schlimmstenfalls gegen ihre eigentlichen Aufgaben handeln. Irgendwann will man nicht mehr akzeptieren, daß Kommunikationsprobleme und unaufgelöste Konkurrenz-Situationen zwischen Teilen der Struktur eine gemeinsame, langfristige Entwicklung im Tagesgeschäft wieder und wieder konterkarieren und unterbinden. Eine neue, andere Organisationsform kann ein Einstieg sein, grundlegendere Probleme endlich richtig anzugehen. Indes: Für viele ändert sich wenig – was auch nicht nur gut ist, weil es durchaus ein paar Änderungen bräuchte, um Motivation und Begeisterung am Leben zu erhalten. Für andere ändert sich mittelfristig alles. Und letztlich verschwinden 17 Jahre Identifikation mit einer nicht immer nur einfachen Umgebung, die aber letztlich trotzdem immer nah zusammen agiert, effektiv funktioniert hat und sehr weit ihres eigenen Glückes Schmied war. Es war klar, worum man ringt, wofür man teilweise auch unschöne Kompromisse eingeht, wofür man über viele Jahre regelmäßig sehr viel mehr Kraft, Zeit, Engagement investiert, als man eigentlich geschuldet hätte. Diese Klarheit weicht. Die eigene Arbeitshistorie, Erfahrung und Leistung der letzten Jahre verschwindet aus dem Kontext, die Ergebnisse dieser Leistung bleiben “Ballast”, der noch mitgeführt werden muss, weil er eben Geld verdient, aber der keine weitergehende Perspektive mehr hat. Sichtbarkeit, Gestaltungsspielräume, Möglichkeiten der Mitbestimmung der gemeinsamen Zukunft werden kleiner oder verschwinden ganz. Der alte Rahmen, der das vorher zusammengehalten hat, bröckelt. Der neue ist größer, noch sehr wackelig, in seinen Grenzen und seinem Ziel ebenso unklar wie in der eigenen Einordnung in diesem Ganzen. Vielleicht werden nicht alle Dinge besser, wenn sie sich ändern. Vielleicht müssen sich die Dinge aber ändern, um besser werden zu können. Die Aufgaben der nächsten Jahre sind nicht einfach. Es bleibt interessant, und ich bin gespannt, wie ich in einem sinnvollen Zeitfenster auf die Änderungen zurückschauen werde.

(Laubhimmel)

Und sonst: Der Monat endet krank. Grippaler Infekt. Fieber, Husten, das ganze Programm. Passiert gelegentlich, vorrangig an den Grenzen der Jahreszeiten, war aber diesmal anstrengender, langwieriger als sonst. Standardantwort der Hausärztin: Das ist derselbe Infekt, der derzeit alle quält. Es hilft: Ruhe. Und Akzeptanz dafür, daß die Dinge Zeit brauchen. Dabei sollte es dann auch bleiben. Handlungsträume. Albträume. Schlaflosigkeit, Ruhelosigkeit. Das Scheitern im Zählen des Atems, aber das Beobachten eigener psychischer Eigenheiten zwischen Mitternacht und Dämmerung. Ich fresse mich an schnellen, fliehenden Gedanken fest, die ich in alle Richtungen drehen, wenden und beleuchten muss und von denen ich nicht ablassen kann, versacke im nächtlichen Zwielicht in Überlegungen, die nach nirgendwo führen, gleichwie auch in einigen Augenblicken geradezu erschreckender Klarheit, vor deren Erkenntnissen ich mich in gewisser Weise fürchte. Ich könnte Seite um Seite beschriften mit Ideen und Ansatzpunkten, hängenden Fäden und losen Enden. Manche Dinge werden klarer dadurch. Aber nicht alle. Und mit dem Schritt zurück in den Büro-Alltag endet jener elfte Monat des Jahres. Die Zeit läuft weiter. Die Bilder bewegen sich weiter. Auf in den Advent.

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