Nebel über dem Land

Auch wenn er eigentlich durchwachsener und deutlich vielseitiger war: Die Erinnerung an den Oktober wird geprägt bleiben von seinen letzten Tagen. Klarer Himmel. Sonne. Goldener Herbst. Kalte Luft. Ein langsames Zurückweichen des regulären städtischen Lebens in geschlossene Räume, Rückbesinnung auf Kerzen und wärmere Kleidung. Bürgersteige überzogen von einem weichen Teppich aus Laub. Rauhreif auf Dächern und den letzten gelben und orangefarbenen Beeren an den Straßensträuchern. Merkwürdig geformte weiße Blumen inmitten von verdorrten Blättern. Und menschenleere Plätze im Morgennebel, kurz vor Sonnenaufgang. Eine Flut von lose aneinandergereihten Bildern zwischen Sommer und Winter, die angesichts des rasch verstreichenden Jahres ein wenig Wehmut verbreiten, aber mehrheitlich doch schön sind.

Nebelmorgen

Dabei begann der Monat durchwachsen. Selbstüberschätzung, schnell bereut. Abstieg über den Fahrradlenker. Ohne Helm unterwegs. Mit einem blauen Auge davongekommen, zwei Tage unfreiwillig zu Hause. Eigenartige Änderung des alltäglichen Rhythmus, die man spätestens in dem Moment wahrnimmt, in dem man versucht, die Wohnungstür mit dem Büroschlüssel zu öffnen. Wieder einmal. Drumherum: Zeit zum Lesen, zum Schreiben, zum Nachdenken. Zeit für Kaffee, der besser ist als im Büro. Zeit, in der man manches kann, aber wenig muss. Freie Zeit, an die man ungern auf diese Weise kommen möchte, die aber letztlich auch Lebenszeit ist und ihren Sinn hat.

Ein Teil dieser Zeit wurde dem privaten Umgang mit Technologie gewidmet. Konkreter: Update meines täglichen Mobilgeräts auf Android 9. Erfreulich, daß es auch für mein in die Jahre gekommenes Moto G 2015 noch etwas wie LineageOS 16 gibt. Etwas polierter, etwas durchdachter, erstaunlicherweise deutlich flüssiger – und hilft ein Stück weit im Kampf gegen die softwaregetriebene Obsoleszenz von an sich noch funktionierenden Geräten. Währenddessen überlege ich immer noch, aus rein ethischen Erwägungen ein FairPhone 3 zu kaufen. Dass ich mich entlang dieses Prozesses einmal mehr über die unsägliche Tendenz geärgert habe, Endnutzern in langen, euphorisch geschriebenen Artikeln das Neu-Installieren ihrer Smartphones als einfachen und notwendigen Schritt zu “digitaler Selbstbestimmung” verkaufen zu wollen, bedarf leider keiner Erwähnung und ist hier auch keine Vertiefung wert; dazu habe ich alles geschrieben, was ich zu sagen habe.

Apropos Technologie und “digitaler Selbstbestimmung”: Zwischendrin habe ich meinen Feed-Reader ausgemistet. Ja, ich nutze immer noch RSS, weil ich auch immer noch Blog schreibe. Doch manchmal wirkt das wie krampfhaftes Festhalten an einem längst überholten Relikt, für das es weit bessere und leistungsfähigere Alternativen gibt. Ganz gleich, wo man hinschaut: Kommentare, Weiterleiten von Artikeln, Teilen von Artikeln mit Freunden, Synchronisation von Lesenlisten und Lesezeichen zwischen verschiedenen Geräten, am Ende des Tages natürlich auch Finanzierung von Seiten, deren Content man leichthin gedankenlos konsumiert … . Übrig bleibt viel Handarbeit für Lösungen, die weit weniger leistungsfähig, integriert, stabil sind als die Nutzung etwa von existierenden sozialen Netzwerken. Es fällt nicht schwer zu verstehen, warum vielen Menschen Motivation und Wille fehlt, mehr Aufwand zu investieren, um Dinge zu lernen, die sie eigentlich nicht interessieren, und im Endeffekt trotzdem schlechtere Ergebnisse zu haben. Wir als Experten sollten mehr zuschauen, besser zuhören und weniger die Lösungen propagieren, die unseren Vorstellungen gut entsprechen.

Andernorts.

Oktober ist darüber hinaus immer Herbst-Urlaub. Diesmal anders als eigentlich geplant nicht im Süden, sondern in Norden. Bremerhaven mit Freunden, danach Usedom. Erwartungsgemäß jede Menge Eindrücke. Die Stadt mit dem großen Hafen. Schwere Container-Schiffe, Hunderte von Metern lang, und Überlegungen zu Energieverbrauch und Schadstoff-Ausstoß dieser Giganten. Dazu militärisches Gerät im Frachthafen, Lkw an Lkw, eine nicht enden wollende Reihe, und nebenan zivile Pkws auf dem Weg in aller Herren Länder. Dann: Der Blick vom Atlantic Sail-Hotel über Häuser und Wasser. Das Klimahaus 8° Ost, ein beeindruckender Trip rund um die Welt, durch Hitze und Kälte und mit viel mehr Wissen gefüllt, als man in kurzer Zeit aufnehmen oder verarbeiten kann. Man liest punktuell einige Tafeln, nimmt einige Aspekte wahr – etwa, daß Brennstoff für europäische Kernkraftwerke unter grenzwertigen Bedingungen in Afrika abgebaut wird, und daß die streng hierarchische Gesellschaftsordnung in Samoa eine der höchsten Selbstmordraten weltweit nach sich zieht. Einzelne Dinge, die einen aufmerken lassen und die man mitnimmt. Außerhalb des Museums die Weite des Meeres bei Ebbe. Wind auf dem Deich, Kunst an der Promenade, welkende Wiesen, verlassene Zeltplätze mit dem letzten rostigen Camper an einem trüben Nachmittag, wie eine Szene aus einem Streifen von Kaurismäki oder Lynch. Was bleibt in der Touristenregion, wenn die Gäste die Zelte abgebrochen haben, der sprichwörtliche Zirkus weitergezogen ist…?

Küsten.

Einige Stunden weiter Strand, Sand, Wellen, Möwen. Mir wird die Ostsee wohl immer lieber als die Nordsee bleiben, und Rügen als Sehnsuchtsort näher als Usedom. Über allem aber steht der unmittelbare Gewinn durch Zeit am Meer. Mit dem Blick nach draußen über die Wellen hin zu jener Linie der Grenze zwischen Wasser und Himmel verliert das, was man hinter sich nicht sieht, kurzzeitig an Bedeutung. Man wird ganz frei, klein und ruhig, für Augenblicke eins mit der Welt um sich, seltsam zufrieden in diesem Zustand. Das Gefühl vom Laufen durch den Sand, Wind, der durch das Gehölz der Dünen streift. Ein Gefühl des Angekommen-Seins, jedes Mal wieder.

Später: Spurensuche auf Usedom in zwei Dimensionen. “Dienstlich” durch einen Besuch des Historisch-Technischen Museums Peenemünde. Insgesamt eine eher beklemmende als beeindruckende Angelegenheit, die den Ingenieur mit jeder Menge unbequemer, schwer zu beantwortender Fragen wieder entlässt: Wie weit können wir uns der Verantwortung für das entziehen, was mit den Ergebnissen unserer Arbeit getan wird? Inwieweit müssen wir uns Gedanken machen, wofür Menschen und Organisationen politisch stehen, die uns helfen können, unsere Arbeit und Forschung voranzubringen? Inwieweit müssen wir uns selbst auch stark machen und engagieren dafür, daß die Dinge, die wir erschaffen haben, auch in einer Art und Weise zum Einsatz kommt, die mehr Menschen hilft als schadet? Mit einem Schritt zurück haben wir seit Alfred Nobel immer wieder diesselben Fragen vor uns – und keine davon annähernd sinnvoll beantwortet. Und im Blick auf “Digitalisierung” als ebenso interessantes wie vages Unterfangen kommen dort noch jede Menge neuer Themen auf uns zu, die wir bislang gänzlich außer Acht lassen. Merkwürdig positiv-bittere Erkenntnis in diesem schweren Umfeld: Der nördliche Teil von Usedom, über lange Zeit durch verschiedene militärische Träger genutzt, ist mittlerweile lebendiges Naturschutzgebiet. Eingezäunt mit Schildern, die vor Lebensgefahr durch ungeborgene Munitionsreste warnen. Am Ende des Tages haben die Folgen unseres eigenen Treibens der Natur zu einem Ruheraum verholfen, in den kein Mensch mehr freiwillig seine Schritte lenkt. Ist es das, was von unreflektiertem, unmenschlichem Einsatz von Technologie bleibt…?

Ferner: Private Spurensuche in Zinnowitz: Sechs Wochen Kur dort, als Zweitklässler in den frühen 1980ern. Ich fand einen Ort ohne Erinnerungen. Das Erich-Steinfurth-Sanatorium ist das einzige mögliche Objekt, auf den Zeitraum und inhaltliche Beschreibung passen. Und die Anlage ist seit 1991 verlassen, verfallen, in Teilen mehrfach ausgebrannt. Ein Lost Place wie aus dem Bilderbuch. Das Gelände zugänglich, aber verwildert. Rostige Zäune. Dahinter maroder Beton. Zerbrochene Fenster. Eingefallene Dächer. Verkohltes Holz. Dazwischen die Schäden von Vandalismus, leere Sektflaschen, Kippen und sonstige Überreste gelegentlicher Besucher und später Einwohner am Rande der Legalität. Eine einstmals beeindruckende Architektur in einem bedauernswerten Zustand. Und nichts, an dem sich wirklich verläßlich Erinnerungen festmachen ließen. Vielleicht die Spur einer Ahnung beim Blick in den Gang, der zu den Bädern führte, oder angesichts des engen Treppenhauses in einem der nunmehr namenlosen, zwecklosen Gebäude. Ich habe keine Gespenster gefunden – weder tatsächliche noch solche aus meinem eigenen Leben – und überlege, warum ich überhaupt dorthin wollte. Immerhin war es wenigstens aus fotografischer Sicht einen Exkurs wert.

Ton und Text.

Mediennutzung im zehnten Monat des Jahres: Für die Jahreszeit ungewöhnlich dominiert durch Elektronik. Viele obskure Dinge aus der Historie von aufnahme+wiedergabe, die immer wieder durch spannende Veröffentlichungen auffallen. Mit “Spectre” von Figure Section kommt auch meine Neuentdeckung des Monats von dort. Musikalisch und geographisch ähnlich, und ähnlich empfehlenswert: Reality’s Despair. Musik, die sehr wie früher klingt. Ich muss mich wieder einmal in belgischen EBM und artverwandte Genres eingraben. Ansonsten erwähnenswert ist “Private Life” von Tempers: Elektronisch, kühl, düster. Die Fortsetzung des film noir mit anderen Mitteln, und an vielen Stellen für mich wieder intensiver als “Junkspace”, das Vorgänger-Werk, mit dem ich leider nie richtig warm geworden bin.

Ansonsten haben wiederentdeckte interessante Klänge den Herbstbeginn begleitet: The Morningside aus Moskau erzeugen wuchtigen, melancholischen Doom Metal, der auf “Yellow” nicht nur mit den Referenzen zu Kurt Vonneguts “Schlachthof Nr. 5” für den Dresdner eine ganz eigene Dimension bekommt. Zu Tor Lundvall habe ich vor Jahren einmal ein Review für medienkonverter.de geschrieben. Sein Verständnis von entrückt-geisterhaftem Ambient nimmt auch Jahre später noch sehr wirkungsvoll mit auf mentale Reisen – und bringt mich zu der Frage zurück, warum ich damals eigentlich aufgehört hatte, über Musik zu schreiben… Nun ja, und VNV Nation haben eine neue Veröffentlichung am Start, schon seit über einem Jahre. “Noire” ist mir bislang komplett entgangen und hat diesselben Qualitäten wie alle Vorgänger – eine Handvoll potentieller Klassiker, die von der ersten Minute funktionieren, und etliche Tracks, die gar nicht funktionieren. Das ist wohl auch eine Art von Kontinuität.

Blattwerk

Daneben im Podcatcher auf meinem Gerät erfuhr in den letzten Wochen (nach Unterbrechungen) das Philosophische Radio wieder mehr Zuwendung. Ich habe die Sendungen immer punktuell nachgehört, zu gleichen Teilen, weil mir während des Pendelns selten eine ganze Stunde Zeit zum Hören zur Verfügung steht, und zum anderen, weil mich manche Themen mehr interessieren als andere. Dem sollte ich wieder regelmäßiger Zeit widmen; abgesehen von den bisweilen ernsthaft anstrengenden Hörer-Anrufen lohnt sich die Auseinandersetzung mit Fragestellungen außerhalb des regulären persönlichen Horizonts durchaus. Zumal: Mein Konsum technisch-fachlicher Podcasts hat in den letzten Monaten eher abgenommen. Nicht, daß es an interessanten Themen mangeln würde. Das Kernproblem bleibt aber: Worauf kann man sich fokussieren? Und was von den Dingen bringt einen wirklich irgendwie weiter, weil man eine Chance hat, konkrete Probleme damit zu lösen? Konkrete Probleme gäbe es freilich genug, aber die Lösungsmöglichkeiten werden eher schwerer denn leichter, stückweise, mit jedem Monat.

Aus denselben Gründen lese ich derzeit auch weniger Fachbücher oder -artikel als früher. Es fehlt irgendwie. Aber es ist auch nicht schlimmer, als Dinge zu lernen, mit denen man nichts tun kann. Daneben: Technologie-Bibliothek ausgemistet, zuhauf Bücher freigelassen und mir geschworen, daß ich Fachbücher nur noch digital kaufe. Die Menge an Papier, die mit sehr kurzlebigen Informationen bedruckt wird, tut jedes Mal wieder weh. Und digitales Entrümpeln geht im Zweifelsfall deutlich schneller. Gegenwärtige Lese-Empfehlungen: “Atari Inc: Business Is Fun” – ein spannender, sehr locker zu lesender Abriß der Geschichte von Atari mit all ihren Höhen, Tiefen, Ideen und wichtigen Namen. Und “Traumwelten”, eine wunderbare Mischung aus Memoiren und Biographie von und mit David Lynch, das nicht unbedingt hilft, seine Werke zu erklären, aber zumindest dazu beiträgt, ihn als Person und Künstler zu erfassen und zu verstehen. Amerikanische Idylle in all ihrer Widersprüchlichkeit, Klein- und Vorstadtleben, Pfadfinder und jede Menge Ideen – bislang bin ich nicht über die Jugendjahre hinausgekommen und kann das Werk trotzdem schon uneingeschränkt nahelegen.

Lose Enden.

Darüber hinaus läßt der Monat wenig Berichtenswertes zurück. Wie gesagt: Eine Flut an Bildern, in warmen Farben ind letztlich mehrheitlich irgendwie schön. Dazwischen die Themen, die unverändert offen sind. Gedanken im Kreis um Worte. Dankbarkeit. Unzufriedenheit. Wachstum. Stagnation – insbesondere dabei das Gefühl, dauerhaft blockiert zu sein, damit in einem sich schnell ändernden Umfeld andere überholen und Startpositionen sichern können. Bodenständigkeit, Pflicht, Vertrauen, Verläßlichkeit, Langeweile, Wertschätzung, Selbstwahrnehmung, Selbstrespekt. Große Worte, bei denen schon die Definition eine Herausforderung für sich darstellt. Im Wesentlichen zudem die Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Ansätzen und Optimierungszielen in einem Rahmen, der zumindest neutral als optimierbar bezeichnet werden darf. Vielleicht ist es ein guter Weg, sich einen Zeitpunkt zu setzen und diese Fragen irgendwann grundsätzlich, systematisch zu betrachten und zu lösen – oder ad acta zu legen; der geistigen Gesundheit und dem eigenen Seelenfrieden sind Dauerzustände dieser Art mitnichten zuträglich. Noch weniger übrigens, wenn man merkt, mit diesem Durcheinander nicht allein zu sein, und sieht, daß auch Menschen betroffen sind, die man eigentlich in solchen Situationen ab- und auffangen, begleiten, motivieren müsste. Der Punkt, an dem man plötzlich Teil des Problems wird mit den Fragen, die man selbst nicht gelöst bekommen hat.

Our problem isn’t that we’re individualists. It’s that our individualism is static rather than dynamic. We value what we think rather than what we do. We forget that we haven’t done, or been, what we thought; that the first function of life is action, just as the first property of things is motion.

(Fernando Pessoa)

Nun ja. Zwischenzeitlich ist das Aufschreiben von Fragmenten eine angenehme Ablenkung, hilft gänzlich andere Perspektiven einzunehmen in dem Versuch, den Teil der Welt zu greifen, der starke Bilder hinterläßt, ohne fotografiert werden zu können. Und, auch wenn es sich bisweilen anders und fremd anfühlt, so übt es im Umgang damit, Dinge zu tun, ohne vorrangiges Augenmerk auf Sinn, Zweck, Ziel zu legen. Vielleicht ist das auch eine Fähigkeit, die man dieser Tage schlicht braucht und erlernen muss – neben dem Vermögen, jenseits allen Geredes von Authentizität, Gelassenheit und sonstigen Phrasen so durch die Tage zu gehen, daß man mit sich selbst und seiner Eigenwahrnehmung im Reinen ist. Aber was weiß ich schon… 🙂️