Sommerblau

Der sechste Monat des Jahres ist vorüber, und mit dem letzten Geburtstag im engeren Familienkreis am letztmöglichen Tag auch die erste Hälfte von 2019. Auch wenn der Monat insgesamt durchwachsen war, wird von diesem Juni die Hitze mindestens in der zweiten Hälfte in Erinnerung bleiben: Tage, in denen es eigentlich zu heiß ist zum Laufen, zum Denken, zum Arbeiten oder für selbst simple Bewegungen. Tage, in denen die Nachbarn abends auf die Balkone ziehen und die Nacht hindurch in den Hinterhöfen lärmen, weil an Schlaf ohnehin nicht zu denken ist. Tage, in denen die Aktivitäten nach draußen verlagert werden, so gut und so weit es irgend möglich ist. Tage, an denen frühmorgens schon eine warme, schwere, mit dem Geruch von Häusern, Stadt, Asphalt geladene Luft durch die offenen Fenster zieht und Abkühlung kaum gelingt. Tage, an denen ein zu warmer Sommer ist, die Art von Sommer, für die ich eigentlich außerhalb der Urlaube im Süden nicht gemacht bin. Die Art von Sommer, die im Alltag zwischen beruflichen Terminen, den Erfordernissen des täglichen Lebens und der damit oft verbundenen Eile deutlich schlechter funktioniert als in der Zeit des Jahres, in der man Dinge freiwillig tut – oder notfalls auch lässt.

Sommerblau

Es fühlt sich manchmal an, als ob es von Jahr zu Jahr wärmer wird. Der Klimawandel. Ich mag hier nicht mehr über Politik schreiben. Derzeit herrscht online kein Mangel an politischen Beiträgen schwankender Qualität, die die Dinge selten voranbringen, und sachliche Diskussion im digitalen Raum scheint ohnehin dieser Tage unmöglicher als je zuvor. Insofern nur die Randnotiz: Vielleicht wäre es an der Zeit, sich grundsätzlicher und umfassender als bisher Gedanken zu machen darüber, wie wir nachhaltiger, rücksichtsvoller, vorausschauender mit den Ressourcen und Gegebenheiten umgehen können, die uns der Planet unverdient zur Verfügung stellt bzw. auf die wir ohne größeres Nachdenken zurückgreifen. Sehr viele Alternativen dazu haben wir nicht. Und: Dies ist nicht nur ein Problem von Wissenschaft und Nachweis bestimmter Kausalitäten, aus denen heraus wir handeln sollten. Auch, aber nicht nur.

Archive

Apropos Wissenschaft: Traditioneller Fixpunkt des Dresdner Juno ist die Lange Nacht der Wissenschaften, die regelmäßig in der Mitte des Monats Interessierten die Chance einräumt, Blicke in Teilbereiche des Dresdner Forschungs- und Wissenschaftsbetriebs zu gewinnen, die sonst eher verschlossen bleiben. Dieses Jahr hat das sogar im Wortsinne funktioniert, der Plan ist aufgegangen: Wir haben die Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek aufgesucht und den Großteil des Abends erlebt in einer langen Führung quer durch die Bibliothek, die normalerweise nicht zugänglichen Magazine, den inspirierenden Makerspace. Wir haben Anforderungen und Prozesse erklärt, Fragen beantwortet bekommen und entlang des Weges für einen Abend einen Einblick in einen Ablauf gewonnen, dessen Zweck neben dem Bereitstellen von Büchern vor allem auch das Sammeln, Konservieren, Archivieren von Wissen ist – über lange Zeiträume und alle irgendwie verfügbaren, veröffentlichten Medien. Insgeheim stelle ich mir seitdem vor, dass man durchaus Erfüllung gewinnen kann aus dem simplen Bewußtsein, jeden Tag seinen Teil dazu zu tun, diesen Stapel an kartographiertem und archiviertem Weltwissen ein Stück größer und vollständiger werden zu lassen. Die beteiligten Mitarbeiter haben diese Begeisterung mehr als nur ein Stück weit ausgestrahlt. Möglicherweise schwingt dort immer ein Stück weit Bibliotheksromantik mit, die im Alltag so nicht vollständig greift, aber abseits davon scheint auch die technische Herausforderung, große Mengen von schriftlich vorhandenen Daten gänzlich verschiedener Qualität und Ausfertigung zu digitalisieren und digital für eine große Allgemeinheit zugänglich zu machen, enorm spannend. So gesehen war die LNdW 2019 intensiver als in den Vorjahren, steht für 2020 wieder das Ansinnen, nicht mehr durch die ganze Stadt zu reisen, sondern lieber an einer Stelle bleiben und sich dort Zeit und Ruhe für Details zu nehmen.

Inmitten von Büchern

In der kleineren Bibliothek zu Hause bleibt unterdessen als Aufgabe das Sortieren von Lektüre für die Sommermonate, die Wochen jenseits von Büro und Arbeit. Ich forste mich durch meinen Stapel begonnener und erworbener, “abgelegter” Literatur. Digital darunter mehrere große Bücher-Pakete von Humble Bundle und StoryBundle, die ich entlang des Weges unregelmäßig kaufe mit der Motivation, die tatsächlich irgendwann auch zu lesen. Man merkt dort schnell, daß ab einem gewissen Punkt nicht mehr die beschränkte Menge verfügbarer Quellen der limitierende Faktor sind. Man merkt (spezieller: ich merke) in diesem Fall auch immer wieder gern: Breite ist schwierig zu bewältigen. Wenn viele Themen begeistern und interessieren, ist Fokus auf einige wenige Themen in der Tiefe problematisch. Dinge bleiben liegen, und der Stapel wird höher. Auch der Analoge, von dem ich zwei Bände in der Ferienbibliothek habe: “Bei Anbruch der Nacht” von Kazuo Ishiguro. Und “Microserfs” von Douglas Coupland, aus verschiedenen Gründen.

“We can no longer create the feeling of an era… of time being particular to one spot in time.”

(Douglas Coupland – ‘Microserfs’)

Netze

Einigermaßen passend zum Microserfs-Thema: Ich habe kürzlich in einer Online-Diskussion das Etikett “Techbro” aufgeklebt bekommen. Nun ja. Schubladen dieser Art sind immer albern und zeugen von einer gewissen Kurzsichtigkeit; noch mehr, wenn man sich so ein Label nach einem drei oder vier Beiträge umfassenden Diskussions-Thread mit Leuten einhandelt, die einen darüber hinaus nicht kennen und augenscheinlich keine Lust haben, auf Argumente einzugehen, die von ihrer Weltsicht auch nur in Nuancen abweichen. Einmal mehr für mich die Erkenntnis, daß die Diskussion im Internet, auch in “alternativen” sozialen Netzwerken, zunehmend kaputt, geprägt von Meinungsstärke, Rechthaberei und Dünnhäutigkeit und mitnichten als Diskurskultur bezeichenbar ist. Wir werfen Technologie auf Probleme, die eigentlich soziale Probleme, Probleme von Menschen im Umgang miteinander sind. Können wir tun. Viel ändern wird sich damit nicht.

Be it. Weg davon habe ich im Netzwerk-Umfeld meine Arbeitsweise, Notizen und Tagebuch zu führen, noch einmal über Bord geworfen und neu organisiert. Vor Jahren habe ich das mit Google Keep begonnen, was ich nicht mehr möchte. Dann habe ich NextCloud Notes probiert und festgestellt, daß das leider hartnäckig und in jeder denkbaren Richtung ein großer Schritt zurück ist. Nach einiger verbrannter Zeit, einigen neuen gelernten Flüchen, einigen weiteren grauen Haaren (und Erkenntnissen der Art, daß etwa dezentrale Lösungen nahezu vollständig ungeeignet für diesen oder irgendeinen ernsthaften Use Case jenseits technischer Neugier sind) bleibt ein Setup, das halbwegs funktioniert: Markor auf Android, Quilter auf dem Linux-Desktop (bestes derzeit verfügbares Tool in dieser Richtung, meiner bescheidenen Meinung nach), NextCloud dazwischen, und Werkzeuge wie Synchronize Ultimate oder den NextCloud-Client für Datei-Synchronisation zwischen dem Server und den verschiedenen Endgeräten. Ganz glücklich bin ich damit noch nicht, insbesondere weil Abgleich zwischen Geräten nach wie vor immer Internet und den Server benötigt und man immer noch viele Teile in der Hand hat, die umfallen und kaputtgehen können. Aber zumindest sind mit Markdown und WebDAV die verschiedenen Schnittstellen hinreichend klar beschrieben – möglicherweise ist das das Beste, was derzeit zu erreichen ist. Einer immer mehr auf Bedienbarkeit, Nutzerfreundlichkeit und breite Märkte ausgelegten Menge an Cloud-Diensten steht eine nach wie vor (bzw. in Zeiten von github und Co. noch mehr als vorher) fragmentierte und unfokussierte Open-Source / Software-Libre – Community gegenüber, die sich im Zweifelsfall in technischen, politischen, philosophischen Detaildiskussionen und -streitereien verliert und dabei die Endnutzer immer mehr großen Playern überlässt, die sich gut beschimpfen lassen, denen man damit aber eben nicht effektiv Paroli bieten kann. Damit sind wir bei einer anderen Dimension des oben schon angerissenen Problems verschiedener Zielgruppen und unversöhnlicher Diskussion um Prioritäten und Ziele – in einer Echokammer, die einen immer kleiner werdenden Prozentsatz derer darstellt, die Technologie überhaupt nutzen. Wir haben Arbeit vor uns, keine Frage.

Geräusche

Gegen Ende des Monats geschah etwas, das ich mittlerweile fast für unmöglich gehalten hätte: “Solidarity”, das neue Album der Moskauer Melodic Death Metal – Formation Seducers Embrace, erblickte nach langer Aufnahmezeit und mehreren verschobenen Terminen doch noch das Licht der interessierten Welt. Und … obgleich ich die russische Interpretation dieser Stilrichtung nach wie vor schätze, lerne ich einmal mehr: Solche Musik braucht Kühle, solche Musik funktioniert für mich im Sommer nicht. Das merkwürdige Gemisch aus Empfindungen und Wahrnehmungen, Erinnerungen und Situationen, in denen man für gewöhnlich mit Musik in Kontakt kommt, sorgt seit jeher dafür, daß ich mich im Sommer mit anderen Klängen wohler fühle. Dazu gehören etwa der wavige Post-Punk auf “Virtual Analog Tears” von Geometric Vision. Oder das für meine Verhältnisse eher schräge Goa-Zeugs auf “At The Mountains of Madness” von Proxeeus. Oder sommerlich-hitzige Klänge wie von Kyuss (“100 degrees” scheint der Titel des Monats) oder Psychotic Waltz. Nun ja.

Darüber hinaus gab es im Juno die zweite Auflage des “Come To The Woods” – Sommer-Open-Airs in Dresden. Auch diesmal sehr gut, wenn auch natürlich etwas anders. Woods Of Birnam, denen die Veranstaltung faktisch “gehört”, sind immer eine exzellente Live-Band. Überraschung des Abends in diesem Jahr war das “elektro-akustische Set” von Hundreds aus Hamburg, irgendwo zwischen Trip-Hop, Electronica und Piano-Pop, dominiert von Evas sympathischen, unglaublich präsenten Auftritts. Schöne Sommerabend-Musik. Und ein schönes Ritual, wenn es über die Jahre hinweg bestehen bleiben kann.

Hundreds live at Come To The Woods

Rauschen

Viele Fotos sind wieder entstanden, unter anderem auch zuhauf Wolkenfotos, bevorzugt an den Randbereichen der Tage im differenzierteren Licht. Viele Bilder sind wieder einmal nach Spielerei mit Vignette entstanden, der ersten Android-Foto-App, die ich jemals gekauft habe und die ich auch nach all den Jahren immer noch sehr gern verwende. Es war wolkig, mehr als nur einmal, in diesem Juni, auch wenn die Wolken sehr selten Regen zur Folge hatten.

Ferner habe ich mich wieder einmal über Minimalismus geärgert. Jemand in meinem Dunstkreis hat mir Videos von diesem Herrn hier in die Inbox gespült, und ich war verwegen genug, die nicht unbesehen zu löschen, sondern halbwegs durchzuklicken. Jetzt habe ich so viele Fragen… zum Beispiel, wieso Minimalismus als Reduzieren der Menge von Besitztümern nahezu ausschließlich in Videos von Menschen demonstriert wird, bei denen die Grenze zwischen Minimalismus im Sinne von “wenig besitzen” und Minimalismus im Sinne von “wenig besitzen und dabei gut aussehen” sehr fließend ist. Oder wie Leute, die Minimalismus üben, so etwas wie Gastfreundschaft praktizieren können. Wie kannst Du viele Menschen bekochen, bewirten, bei Dir empfangen, wenn all Deine Besitztümer ein Glas, einen Teller, einen Stuhl und einen Satz Besteck umfassen? Ist Minimalismus hier ein auf die Spitze getriebener Egoismus? Oder: Wo heben solche Leute Fotos, Tickets, all die Dinge auf, die nicht-digital vorliegen und die andere Menschen in einer Kiste unten im Schrank sammeln, um irgendwann, dann und wann, durch die Dinge zu blättern und kurz in Erinnerungen unterzutauchen? Vieles des gegenwärtigen Lifestyles des “digitalen Minimalismus” wirkt aus diesen Perspektiven wie ein Leben, das viele möglicherweise relevante, auch menschliche, Aspekte ausblendet, ignoriert oder unmöglich macht. Ich bin schon ein Freund davon, Minimalismus zu praktizieren in Form von Verzicht auf Unnötiges, aber diese Herangehensweise fühlt sich traurig und an wichtigen Stellen leer an. Aber vielleicht bin ich auch die falsche Zielgruppe.

Wolken, Symbolbild.

Darüber hinaus: Ich habe neue graue Haare gesammelt und viel geflucht. Wie so häufig. Wir waren über mehrere Tage offline, weil unsere Internet- und Rechenzentrumsanbindung umgefallen ist und unser Provider mehrere Tage benötigt hat, das stabil wieder in Gang zu bringen. Dabei ist eigentlich einmal mehr alles schief gegangen, was irgendwie schiefgehen konnte. Es ist müßig, über die genaue Ursache des Problems, über mögliche Vermeidungsstrategien der Störung in dieser Tragweite zu sinnieren, über Vorsichtsmaßnahmen, die man hätte treffen können und so jetzt gehalten ist, im Nachgang umzusetzen. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Der Begriff Internet Service Provider ist an vielen Stellen offensichtlich eher missverständlich. Für Geschäftskunden und die damit verbundene Erwartungshaltung kann hier von “Service” im Wortsinne keine Rede sein: Hotlines, die zwar Störungen entgegennehmen, aber nicht priorisieren können und nirgendwohin eskalieren können. Vertriebsmitarbeiter, die einem mehr oder weniger ruppig ihre Nicht-Zuständigkeit für solche Schwierigkeiten verdeutlichen und die völlig außerstande sind, akut Alternativen zu offerieren – in dem Falle hätten wir ohne lange Diskussion sofort Geld in die Hand genommen, hätten wir die Abarbeitung und Behebung der Havarie damit beschleunigt. Als Gipfel der Frechheit der Hinweis, die Störung könne nicht so dringlich sein, sonst hätte man schon vor Jahren die angebotenen Fallback-Lösungen beauftragt. All das sind Dinge, die ich im Geschäftskundenmarkt so nicht erwarte und eigentlich so auch nicht akzeptieren möchte. Und doch treibt mich manchmal die dunkle Sorge um, dass dies in DE bei anderen Anbietern auch genau so und nicht anders läuft. Das ist sehr bitter. Darüber ist noch zu sprechen.

Ansonsten bleibt auch diesen Monat ein Stapel an begonnenen Entwürfen, eine lange Änderungshistorie in diesem Artikel, viel gelöschter Text auf der Strecke. Viele Themen sind durch die Monate wiederkehrend, beschäftigen immer wieder, regen mehr auf als an. Es kostet eine gewisse Kraft, sich dieser Dinge zu entledigen und nicht beständig über diesselben schiefen Sachen zu schreiben, an denen sich wenig bis nichts ändert … und die, mit etwas Abstand und Perspektive betrachtet, auch nicht die Wichtigkeit haben. Vermutlich ist vieles belangloser, als wir annehmen.