Sonne und Staub

Der dritte Monat des Jahres ist verstrichen. Die letzten Tage in Dresden-Mitte waren sonnig und mild, eine Stadt erwachend aus einem grauen, aber nicht besonders kalten Winter. Die Demontage des Gebäudekomplexes jenseits der Bürofenster schreitet langsam, aber kontinuierlich voran. Mittlerweile ist aus dem Hochhaus ein Skelett aus Beton und Stahl geworden, Schutt überzieht die Baustelle, und dann und wann erschüttern die Schläge der Abrißbirne und der fallenden Trümmer den Boden. Staubwolken wie Nebel ziehen über die Kreuzung und die Lautstärke ist noch anstrengender an der ohnehin lauten Straße. Wir versuchen eine Webcam einzurichten, Abriss wie auch Neubau werden uns noch eine ganze Weile beschäftigen…

Goodbye Koe25.

Frühjahrsputz

An ruhigen Abenden habe ich, nebenher, mein Smartphone von überflüssigen Apps befreit und entlang dieses Weges begonnen, das verschiedene Zeugs, das ich auf dieser und anderen Domains und bei meinem Provider noch selbst hoste, etwas aufzuräumen. Dabei habe ich viel gespielt, mit anderen Content Management – Systemen, Galerie-Anwendungen und einer Menge ähnlichen Dingen, und für mich die beruhigende und befreiende Erkenntnis gewonnen, das wenigste davon wirklich zu brauchen. Meine Bilder bleiben erstmal in meinem Flickr-Account. Dort hat sich der Pro-Account Ende März wieder um ein Jahr verlängert, und nach dem Eigentümerwechsel und all den Perspektiven, die SmugMug als Neu-Eigentümer dort bislang zumindest verbal eröffnet hat, habe ich mehr denn je wieder ein gutes Gefühl, dort zu sein und zu bleiben. Ein oder zwei andere Anwendungen bleiben für Datei- und Lesezeichenverwaltung, wo ich es langsam zu einem halbwegs robusten Workflow geschafft habe.

Und das Weblog bleibt vorerst auf dem WordPress, auf dem es läuft. Ich habe viel mit statischen CMS und Flat-File-Systemen wie grav oder bludit gespielt und trotz der Begeisterung für die Idee und das anfängliche Gefühl von Leichtgewichtigkeit festgestellt, daß mir eigentlich meine Zeit für den Aufwand eines Umzugs zumindest heute zu schade ist. Umzug des eigentlichen Content wäre dabei noch die leichtere Übung, das hat zumindest im Versuch im mit dem bludit-Wordpress-Importer extrem gut geklappt. Weit weniger gut funktionieren kann und wird indes das offensichtliche Problem, irgendwo im Netz erreichbare URLs zu Posts in diesem Umfeld umzuleiten. Auf diese Übung habe ich zurzeit schlicht keine Lust, zumal der absolute Mehrwert letztlich überschaubar ist. Es wäre nur für den Spieltrieb, aber den möchte ich dann perspektivisch auch lieber für andere Themen aufheben, derer es dieser Tage genug gibt – etwa die ganze Idee von P2P-Netzwerken wie ZeroNet, IPFS oder dat über den Beaker Browser. An vielen Stellen bin ich dem derzeit in einigen meiner Filterbubbles grassierenden Selfhosting-Hype gegenüber eher skeptisch – am Ende des Tages wirkt das wie ein Beharren darauf, lieber die bekannten Probleme in bekannter Weise zu lösen, statt lieber Energie zu investieren, um über den Teller-Rand zu schauen und herauszufinden, wie Nutzerstruktur und Technologiebedarf im Jahr 2019 aussehen, in dem die Mehrzahl der Anwender, die schon “digitalisiert” sind, einen deutlich anderen technischen Hintergrund haben als noch vor einem oder gar zwei Jahrzehnten. Wir werden an der Dominanz von Facebook, WhatsApp oder Google mit Selfhosting absolut nichts ändern, davon bin ich nach wie vor leider überzeugt.

März-Desktop: Immer noch elementary, terminal, Musik-Player

Ansonsten bleibt beim Aufräumen der Wechsel auf Brave als Haupt-Browser zumindest auf den Android-Geräten zu erwähnen. Dort bin ich aus verschiedenen Gründen etwas zerrissen. Einerseits ist Brave irgendwie auch ein modifizierter Chromium, was der Vielfalt des Web gegenüber einer Chrome-/Chromium-Monokultur nicht gut tut. Andererseits haben wir, wie mittlerweile hinlänglich bekannt sein dürfte, im Web durchaus ein sehr schmerzhaftes Problem mit Finanzierung von Inhalten, und Brave gehört für mich zu den wenigen Playern, die dem ernsthafte Alternativen entgegensetzen wollen – ungeachtet, wie gut die sind. Die Mozilla Foundation, die ich ansonsten sehr schätze, könnte in dieser Richtung deutlich aktiver und vor allem auch deutlich visionärer auftreten, und der Umstand, daß zumindest Teile des Mozilla-Budgets aus Werbe-Einnahmen mit Google stammen, stimmt mich zunehmend skeptisch. Schlußendlich indes ist Brave auf meinen Android-Geräten der Browser, der mit erheblichem Abstand am stabilsten und performantesten funktioniert, für beliebig komplexe Seiten. Speaking of Android: Quasi nebenbei habe ich meinen Launcher gewechselt und bin, nach wiederholtem Probieren, dann doch bei Niagara Launcher hängengeblieben. Ähnlich wie bei elementaryOS auf dem Desktop schätze ich den Umstand, daß viel Funktionalität, die schön, aber eigentlich nicht notwendig ist, hier schlicht fehlt. Die interessante Erfahrung war, daß sich (wenig überraschend) mein Motorola G seitdem wieder deutlich flotter anfühlt, ich aber von den vielen Features anderer Launcher vorher (überraschender) eigentlich nichts vermisse und weniger Zeit mit Konfiguration und Bastelei verbringe. Das ist gut.

Geschichtsbereinigung

Im Rahmen des Aufräumens habe ich ansonsten die Aufgabe anzufangen gewagt, Posts auf diesem Blog aufzuräumen und zu löschen. Insgesamt ein irrsinniges, aber zumindest in Teilen belustigendes Unterfangen. Vor reichlich 13 Jahren habe ich mich in einem in der Rückschau relativ angefressen klingenden Kommentar darüber echauffiert, daß irgendein Typ sich im Rahmen des Diskurses zu irgendeinem Thema nicht entblödet hat, Blogger und Autoren im Netz ebenso hart wie verallgemeinernd als Kritzler an der virtuellen Toilettenwand abzutun. Das war im Januar 2006, noch bevor es Dienste wie Twitter überhaupt gab, und zu einer Zeit, als Begriffe wie Shitstorm erst noch erfunden werden mussten. Mit vielen Jahren Abstand wirken viele der Artikel von damals gleichermaßen unterhaltsam und belanglos; eine Handvoll von Artikeln habe ich nach kurzem Überfliegen schlicht gelöscht. Andererseits ist zu sehen, daß gewisse Themen immer und immer wieder gekommen sind. Überwachung. Softwarepatente. Der Streit um Urheberrecht und dessen Implementierung in Europa (wo die Lektüre der Artikel, die ich dort angesammelt oder verlinkt habe, heute Wasser auf die Mühlen der Argumentation gibt, daß Urheber zwar möglicherweise nicht gegenüber Plattformen wie YouTube, aber im “Großen Ganzen”(TM) immer schon besser vernetzt und mit einer größeren politischen Lobby versehen waren als der Technologiesektor. Erinnert sich noch jemand an die Streitigkeiten um IPRED2? DADVSI? Die ersten dank DRM auch in manchen regulären Szenarien – etwa CD-ROM-Laufwerken – nicht mehr nutzbaren Audio-CDs? In der Rückschau ist dies ein seit den frühen 2000ern andauernder Streit nicht nur um die Freiheit des Internet (das klingt mir, aus sehr vielen Gründen, viel zu pathetisch und überhöht), sondern eher um Nutzer- und “Kunden”rechte in einem Markt, der anbieterdominiert ist und in dem die Politik die Regeln so ordnet, daß sie in erster Linie für die Anbieter, nicht für die Nutzer arbeiten.

Ansonsten Erkenntnisse entlang des Wegs: Netlabels sind leider quasi tot – die meisten diesbezüglichen Links führen ins Leere, wie leider auch die Mehrzahl der Links in meiner Blogroll – erinnert sich noch jemand an den Term? OpenSolaris ist als Plattform leider fast vollständig verschwunden, was ich mir doch dann und wann anders gewünscht hätte. Sun Microsystems sind denselben Weg gegangen, Java und der gesamte Stack drumherum “gehört” jetzt Oracle. Instant Messaging ist nicht tot, sondern – viel schlimmer – untot, weil noch sehr viel präsenter im Alltag bei einer sehr viel größeren Menge sehr viel weniger technischer Nutzer, die sich dank Netzwerkeffekt und Umfeld noch schwerer für offene, privatsphärenfreundlichere Systeme begeistern lassen als früher. Ferner: Meine Hoffnungen und Bestreben, mit FLOSS-Technologien eine bessere Mausefalle (bzw. einen besseren produktiven Software-Stapel für ein bestimmtes fachliches Problem) zu bauen, dürfen aus verschiedenen technischen und politischen Änderungen entlang des Weges als gescheitert und irrelevant betrachtet werden. Das allein ist schon etwas bitter – schlimmer indes noch: Einige der Komponenten sind durchaus Teil unseres produktiven Stacks, aber nie wirklich richtig integriert oder gewartet worden, mit dem Ergebnis, daß sie mittlerweile technische Schulden darstellen, fortgesetzt für Frust sorgen, aber ihre Möglichkeiten nie wirklich vollends ausspielen konnten. Ansonsten: Das Jahr des Linux-Desktops gab es wahlweise jedes zweite Jahr wieder – oder eben noch gar nicht (abhängig davon, worauf man schaut). Nun ja. Und ich habe festgestellt, daß ich mich viel zu oft viel zu heftig über Dinge ereifert habe, die zwar durchaus relevant waren, bei denen aber das Meckern auf einem Blog eigentlich keinen Zweck hat(te). Schmidtl hatte recht: Noch eine weitere Lanze für Herrn Quichotte. Aus demselben Grund habe ich mich übrigens auch dazu durchgerungen, einen längeren Passus zum letzten Stand in Sachen Urheberrecht in der EU zu löschen. Dazu ist alles gesagt, leider – sowohl im Blick auf den Inhalt als auch in bezug auf die Art und Weise, wie diese Richtlinie auf die Straße gekommen ist. Durchatmen, meditieren, bis zehn zählen – und ansonsten wieder mehr beginnen, Vereine und Verbände aktiv zu unterstützen, die sich jenseits von Parteigrenzen und politischen Lagern an kluger Sachpolitik versuchen.

Pseudoschnee, Reisemusik, Spätwinterkrach

Darüber hinaus waren wir wieder einmal in Wittenberg, wie immer ein sehr inspirierender Ausflug. Es ist wunderbar, an der Grenze zwischen Winter und Frühling durch Abenddämmerung zu fahren, wenn in den Senken und an den Bächern und Tümpeln Nebel über die Wiesen ziehen und die Sonne über noch braunen, langsam wieder erwachenden Feldern untergeht. Die Jahreszeit nimmt man erst dann wahr, wenn man begreift, daß der weiße Schleier über den Bäumen, hier und dort, kein Schnee und auch kein Rauhreif, sondern die ersten Blüten des voranschreitenden Jahres sind. Die Fahrt durch den frühen Frühlingsabend wird begleitet von Musik, wie so häufig; diesmal liefern Opale aus Frankreich (deren jüngste EP ich, glaube ich, in den letzten Monaten schon gefeiert habe) den Soundtrack, der die Stimmung des Moments perfekt einzufangen vermag.

Wittenberg selbst ist ansonsten immer wieder eine Stadt, die man schwer fassen kann zwischen der ganzen Dominanz der Geschichte und einer unscharfen Gegenwart, zwischen Luther, Cranach, Melanchton, den wunderbaren Hinterhöfen und teilweise beeindruckenden Museen, dem Woolworth, dem sehr heterogenen Straßenbild und jener merkwürdig unpassenden Shopping-Mall mitten im Stadtkern, direkt neben dem beeindruckenden Museum der Klosterkirche. Entwicklung scheint stattzufinden, sowohl in Richtung Vergangenheit als auch in Richtung Zukunft, wobei die konkrete Ausgestaltung der Zukunft noch nicht gänzlich klar ist. Erkenntnisse immer wieder: Es ist schön, Orte aufzusuchen, an denen man auf liebe Menschen trifft. Städte mit Wasser sind immer etwas Besonderes, ganz gleich, ob fließendes Wasser oder Seen und Teiche oder beides. Und: Die Stadt hat einige sehr angenehme Restaurants und seit neuestem eine zunehmende Zahl an wunderbarer Street-Art in den Straßen, von der nur zu hoffen ist, daß sie alle Ansinnen von Revitalisierung und Innenstadt-Entwicklung der nächsten Jahre zu überstehen vermag. An ambitionierten Plänen herrscht augenscheinlich zumindest kein Mangel. Wir werden wohl sehen.

Chemiepavillon

Weg davon, noch zurück zur Musik, die ich vorhin schon angerissen hatte: Neben Opale hat lautere Musik den späten Monat geprägt, haben Ultar aus Krasnoyarsk mit Pantheon MMXIX ein beeindruckendes zweites Album in Umlauf gebracht, ein wunderbarer Soundtrack für (ausklingende) Wintertage, etwas weniger “Post-” und mehr Metal als die vorangegangenen Veröffentlichungen, dicht, intensiv und auch diesmal wieder quer durch die gesamte Laufzeit gespickt mit Referenzen an H.P. Lovecraft und die dunklen Welten seiner Fantasie. Gibt es, wie fast alle Musik, die ich dieser Tage höre, bei bandcamp und darf dort gestreamt, alternativ natürlich auch gekauft werden…

Stau

Ansonsten habe ich zurzeit hier im Blog einen Schreibstau. Oder eine Blockade. You name it, eigentlich ist es unwichtig. Viele Artikel liegen als Schnipsel angefangen in den Entwürfen, aber bei den meisten fehlt mir Zeit oder Motivation, das tatsächlich “fertigzuschreiben”: 30 Jahre Web und die Unwägbarkeiten, die heute daraus erwachsen sind. Die ersten Monate mit elementaryOS und einige Erkenntnisse, die ich dabei gewonnen habe. Gleichermaßen die ersten Monate der Arbeit mit dem Tuxedo InfinityBook, das noch ein Review verdient. Und jede Menge locker formulierter Gedanken links und rechts des Weges, einige auch für die abwegigeren Rubriken, die ich irgendwann separat in einem anderen Blog geführt habe und bei denen ich wieder überlege, die von hier weg zu verschieben, an eine Stelle, an der sie sich besser anfühlen – manchmal möchte ich insgesamt ohnehin mehr Abwegiges schreiben, wieder. Einige der Themen werden sich bestimmt entlang der Zeit von selbst erledigen, bei anderen schaffe ich es vielleicht ja doch irgendwann zu einem Ergebnis. Es ist ein gutes Gefühl, daß davon derzeit letztlich nichts abhängt. Und vielleicht findet sich ja entlang des Weges auch wieder einmal die Chance für einen weiteren Versuch, eine bessere Mausefalle zu bauen. Mit besser geordneten Werkzeugen, diesmal. Und besseren Ergebnissen. Einmal mehr: Man wird sehen.

Leave a Comment

* Checkbox GDPR is required

*

I agree