Warmer Wind

Die ersten zwei Monate des Jahres sind nun schon wieder vorüber, und damit auch der Winterurlaub. Rügen um diese Jahreszeit, das ist gewöhnlich vor allem Kälte, in allen Geschmacksrichtungen, meist verbunden mit Wind, der einem durch die Kleider kriecht, über die Haut kratzt und den Staub aus dem Kopf fegt. In diesem Jahr blieb der Wind ein laues Lüftchen, war die Insel warm wie nie. Heuschnupfensymptome im Februar sind etwas, worauf ich ganz gut verzichten kann. Trotzdem stellt sich nach einer gewissen Zeit jenes ganz merkwürdige Gefühl von Ruhe ein, das man vermutlich nur an Steinstränden mit rauschendem oder plätscherndem Wasser vor sich hat. Man kehrt letztlich irgendwie erholt zurück, und, eigenwilliger noch: Man merkt auf halber Strecke, wie not diese Auszeit tat, ohne sich genau erklären zu können, warum eigentlich. Ich möchte nicht auf der Insel leben, schon weil ich besser, als ich mir wünsche, weiß, daß die meiste Zeit des Jahres das Leben auch hier oben vermutlich hektischer und chaotischer ist, wenn die Städte und Strände von Touristen überschwemmt sind und in aller Deutlichkeit klar wird, warum die Verbindung von Stralsund aus quer über die Insel Schnellstraßen-Ausbau erfahren hat. Aber im Winter erfüllt dies alle Anforderungen, die man an einen Rückzugsort wohl haben kann.

Und das Anreise-Ritual gehört merkwürdig dazu: Richtung Berlin am Nachmittag, über die A20 nordwestwärts am Sonnenuntergang entlang durch flache Landschaften mit Scherenschnitt-Silhouetten von Windrädern. Selten schlechtes Wetter, über zehn Jahre hinweg meist klarer Himmel und ein paar Wolken, und das in den Erinnerungen eingebrannte Bild von trockenem Gras im Wind, durch das die Autoscheinwerfer vom Parkplatz aus blenden, dahinter brachliegende Felder, duftende Erde in Furchen, die sich im Dunkel der voranschreitenden Dämmerung verlieren. Man telefoniert, fröstelt und sieht dort hinten schon das Blinken auf dem Rügendamm, ansonsten ist dieser Moment überlagert mit verschiedenen Erinnerungen, zeitlos, ortlos. In einer lauen Sommernacht, spät abends, könnte er kaum anders sein, pausierend auf dem Weg durch das Irgendwo unter einem offenen Himmel. Am Ende verschwimmen viele der Bilder zu einem schlecht greifbaren, aber wohligen Gefühl. Es ist die Summe vieler solcher Momente, die dazu beitragen, diese Tage besonders werden zu lassen, über sie nachzudenken, wiederholtüber sie zu schreiben.

Bildgeber

Daneben, danach habe ich, aus verschiedenen Gründen, Zeit investiert, um meine Fotosammlung zu durchforsten, konkret all die Dias, die ich aufgenommen habe in meinen Jugendjahren, in einer Zeit, als Kameras (wie auch Computer, nebenbei bemerkt) noch eher Spielzeuge für merkwürdige Sonderlinge darstellten, Digitalfotografie und Langarm-Selbstportraits noch in weiter Ferne lagen und die Kreativität durch materielle Limits enge Grenzen gesetzt bekam: Maximal 36 Bilder pro Film, Kosten für die Filme und Entwicklung, Sortier- und Lager-Aufwand selbst für Dias – das bremst merklich. Ich habe wohl in all der Zeit mit Dia-Filmen so viele Aufnahmen angefertigt wie heute nebenbei in einer Woche Urlaub mit Smartphone und Systemkamera. Freilich ist “mehr” nicht immer “besser”, aber ich bin trotzdem, und auch trotz des Spaßes, den die Praktica DTL-3 mit den zugehörigen Objektiven nach all den Jahren immer noch macht, auch immer noch kein Verfechter der wiederkehrenden Analogfotografie geworden. Zu angenehm ist es einfach, beim Experimentieren mit Positionen, Blickwinkeln, Belichtungen und dergleichen nicht in Größenordungen tatsächliches Material zu verschwenden, nicht dahin zu kommen, daß mehr oder weniger viel später eine Tüte mit Ergebnissen von der Entwicklung kommt, die in der größeren Menge unbefriedigend sind und bei denen man längst vergessen hat, mit welcher Blende und Belichtungszeit die wenigen guten Aufnahmen denn nun eigentlich angefertigt hat – insbesondere wenn die Filme dann nicht “voll” geworden sind und auch schon mal länger in der Kamera lagen. Den letzten derartigen Kandidaten hab ich in 2016 entwickeln lassen, übrigens. Belichtet wurde er 2006, interessanterweise (s.o.) während des ersten Trips gen Rügen. Dass die Qualität des mittlerweile hoffnungslos überlagerten Films überschaubar sein würde, war vorhersehbar. Erinnerungen, trotz allem, und in manchen Perspektiven dann trotzdem auch wieder zeitlos…

Beim Durchschauen der alten Bilder indes hab ich mir mehr als einmal EXIF-Tags und Geo-Informationen auf den Bildern gewünscht. Viele Orte und Augenblicke lassen sich bestenfalls noch grob zuordnen. Viele Ansichten ähneln sich in der Rückschau. Manche Aufnahmen sind, ohne daß dies jemals beabsichtigt gewesen wäre, zu Zeitzeugen geworden, die Jahre später eine gänzlich andere Realität zeigen. Manche haben dank der Jahre die Optik von Vintage-Filtern angenommen, und manche sehen von Motiv, Blickwinkel und Gestaltung schon so aus, wie ich sie jetzt auch noch aufnehmen würde. Interessant zudem ist, daß das Fotografieren von Menschen, Wegbegleitern, Familie überproportional zugenommen hat. Aufnahmegeräte für Bilder sind allgegenwärtig, auch in Momenten, in denen man das früher nie gewagt hätte. Anfertigen von Aufnahmen, auch unter mistigen Lichtverhältnissen in geschlossenen Räumen mit bewegten Motiven, funktioniert weit besser als mit analogen Gerätschaften – mindestens wegen der Kontroll- und Wiederholungsmöglichkeit. Die Aufnahmen sind nicht nur zahlenmäßig mehr, sondern auch unmittelbarer, mutiger, experimenteller, näher geworden. Technik tritt in den Hintergrund. Selbst Unschärfe wird irgendwann verzeihlich. Nicht mehr das perfekte Foto zählt, sondern der Moment, auf den man sich irgendwann besinnen kann und der dadurch in global gesehen freilich sehr bescheidenem Maße konserviert wurde. Es bleibt offensichtlich, daß diese Aufnahmen vermutlich mittelfristig die Bilder sind, die einem wichtiger sein werden als andere. Bilder, die zu Erinnerungen an sehr konkrete Momente werden, auch ohne EXIF- oder Geo-Informationen. Arbeiten mit Erinnerungen berührt.

Memorabilia

Arbeiten mit Erinnerungen… Neben den Dias hab ich eher beiläufig auch andere Sachen aufgeräumt, die ich seit Ewigkeiten nicht in der Hand hatte. Kein besonderer Anlaß – eher eine passende Gelegenheit. In solchen Momenten merke ich, daß ich nicht besonders gut organisiert oder diszipliniert bin. In solchen Momenten ist mir manchmal der Schwall an Gedanken, die über mich hereinbrechen, schlicht zu viel, um ihn zu sortieren und in Form zu bringen. Andererseits scheitere ich meist daran, Schnipsel einfach “nur so” festzuhalten, und irgendwann sitze ich dann vor einem leeren Textfenster und erinnere mich nur vage an all die Dinge, die ich seit ebendiesen Augenblicken vergessen habe. Ich sollte meine Notiz-Sammlung überdenken, aber vielleicht spielt es auch keine große Rolle. Im Wesentlichen habe ich in Größenordnungen geübt, Dinge wegzuwerfen. Und darüber hinaus alte Konzert-Tickets aus den wilden Jahren durchgeblättert und wieder verstaut. Und die Erinnerungsstücke, die dazugehören: Signierte Poster, Plektren von Helloween oder Running Wild, der schartige Drumstick von Nevermore. Zu jedem dieser Dinge gibt es Geschichten, gedankliche Bilder, Orte. Jenseits der Jahrtausendwende ist in vieler Hinsicht etwas Ruhe eingekehrt, sind die Tage geordneter, geregelter geworden. Nie mit Musik, aber viel mit neuen, anderen Klängen. Manches von der Musik von damals ist aber immer noch in meinem Player, meinem Kopf und meinem Herzen, und ich bin irgendwie glücklich darüber.

Ab irgendeinem Zeitpunkt sind die Konzertbesuche weniger geworden, und die Gründe dafür fehlen mir gerade. Viele der Hallen von damals habe mittlerweile dicht gemacht oder neue Betreiber und dienen einem anderen Zweck. Aber es scheint, daß im digitalen Zeitalter auch die Reichweite und großes Reisen durch die Welt nicht mehr so ausgeprägt sind. Oder man ist durch die eigene Orientierung schlicht auf Bands und in Musikrichtungen gekommen, die tendenziell eher Alben veröffentlichen, als offensiv den Weg vor Publikum in der Breite zu suchen. Vielleicht ist das auch so in Ordnung. Dinge haben ihre Zeit, und manches ändert sich entlang der verstreichenden Jahre. Auf jeden Fall war es lustig, und auch wenn man keine 20 mehr ist, schadet ein kleiner Ausbruch in dieser oder jener Richtung mitunter wohl nicht.

Patenter Urheberrechtlicher Irrsinn

Alles andere als glücklich, im laufenden Monat, bin ich über die fortgesetzten und immer schriller geführten Diskussionen zu Urheberrecht, Zensur und Filterung in Europa. Die Diskussion strengt an, aus mehrerlei Sicht. Auf der einen Seite sieht man hier, leider, schon seit vielen Jahren einen Kampf “alter” gegen “neue” Lobbies, die versuchen wollen, in neuen Medienlandschaften Macht, Einfluß, Einnahmen zu sichern. Unschön ist, daß dieser Diskurs mit allen denkbaren und undenkbaren Mitteln, vor allem aber sowohl seitens der Gegner als auch der Befürworter der diskutierten Regulierungen, mit einer gehörigen Portion Unsachlichkeit und Schimpfen auf den vermeintlichen “Feind” geführt wird. Das Schlimme daran: Beiderseits fallen valide und wichtige Argumente einem platt-verallgemeinernden Schimpfen zum Opfer. Natürlich haben Künstler, Musiker, Kreative (und übrigens nicht nur die) ein Problem in einer Zeit, in der an nur allzu vielen Stellen diese Art von Kunst als “kostenlos” betrachtet und angenommen wird – im Netz gibt’s ja schließlich alles, und Kopieren ist so einfach wie “Speichern unter…”.

Das haben “wir”, diejenigen, die beredt und enthusiastisch das freie Internet und eine bessere Zukunft durch Digitalisierung und Kommunikation propagieren, nie richtig geordnet, und eine ganze Reihe großer Strukturen, deren vorrangiges Ziel mit Sicherheit anders gelagert und weniger idealistisch sind sind, haben mit dieser Nicht-Ordnung in den letzten Jahren (milde formuliert) gutes Geld verdient. Daß darüber Frust entsteht, ist nachvollziehbar und berechtigt. Auf der anderen Seite haben wir mit dem Internet zumindest technisch Möglichkeiten gewonnen, die unsere kühnsten Träume übersteigen könnten, wären wir nur imstande, sie sinnvoll anzuwenden. Aber statt das zu tun, versuchen wir lieber, neue Kanäle auf Krampf so anzupassen, daß sie den bestehenden Strukturen und Anforderungen gerecht werden, statt andersherum eine plausible Balance zu finden, die beides irgendwie vereint.

Daß der gegenwärtige Richtlinien-Entwurf möglicherweise recht weit weg von einer solchen Balance ist, legen die teils vehementen Wortmeldung gegen einige seiner Bestandteile ebenso nahe wie der Umstand, daß auch diejenigen, die eigentlich ausdrücklich damit geschützt werden sollten – also die Kreativen, die künstlerisch und geistig Schaffenden – mitnichten geschlossen überzeugt hinter dem Text stehen. Im Endeffekt haben kommunikativ alle Beteiligten versagt: Die Gegner der Richtlinie müssen sich vorwerfen lassen, sich häufiger vor den Karren falscher Freunde haben spannen zu lassen, als es dem Diskurs zuträglich gewesen wäre, und insgesamt in der Diskussion bezüglich “Meinungsfreiheit” vs. knallharter wirtschaftlicher Eigeninteressen zu unscharf und inkonsequent zu sein, etwa wenn man auf die bereits jetzt verbreitete Unsitte von YouTube ContentID verweist, die auch heute schon in Ansätzen maschinell “zensiert” und von beispielsweise den YouTubern billigend in Kauf genommen wird. Die Befürworter der Richtlinie ihrerseits haben durch (mit Verlaub gesagt) völlig geistfreie Öffentlichkeitsarbeit, einschließlich Beschimpfung der Kritiker wahlweise als “Bots” oder “Mob”, durch fehlende Trennung zwischen Lobby und politischer Institution (an dem Punkt, an dem das Europäische Parlament undifferenziert ein mitnichten neutrales Video in dieser Sache in Umlauf bringt, gefertigt von einer klar positionierten Organisation) und durch zeitliches Taktieren (etwa das Ansinnen, die Abstimmung angesichts nennenswerter Proteste zumindest in de_DE von Ende auf Mitte März vorzuziehen) allen Gegnern die Steilvorlage gegeben, aus einer an sich völlig gerechtfertigten Diskussion über eine dringend notwendige Anpassung im europäischen Urheberrecht (auch in Balance von Interessen kreativer Einzelner gegen die Interessen wirtschaftlich starker Plattformanbieter) eine Diskussion über Politik “Alt gegen Jung”, über grundlegende demokratische Umgangsformen in der EU zu machen, haben den massiven Anschein hinterlassen, ein Regulierungsvorhaben “gegen Widerstände durchdrücken” zu wollen, und dies kurz vor einer Europa-Wahl, bei der viele Menschen aus der Zielgruppe der potentiell negativ Betroffenen das erste Mal Kreuzchen auf Stimmzetteln machen werden. Das ist hanebüchen. Beide Seiten haben mehr als genug Argumente, um in einen sachlichen Dialog einzusteigen und zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen – wenn sie es denn wöllten. Das scheint derzeit nicht der Fall.

Eigentlich weiss man an diesem Stand nicht mehr, was man sich wünschen soll. Vielleicht so viel: Es bleibt zu hoffen, dass am Ende ein Kompromiss übrig bleibt, der die Interessen der Kreativen wahrt, aber mindestens dem mehr als strittigen Artikel 13 in einigen seiner mehr als grenzwertigen Interpretationsmöglichkeiten etwas die Klauen stutzt. Aber, um mit einigen der Befürworter der Richtlinie zu sprechen: Was weiß ich schon von Urheberrecht…

Hochgeschwindigkeitsmeditation

Jenseits all dieser Unwägbarkeiten, über die man sich viel zu oft und letztlich wohl viel zu sinnlos ärgert, gehen die Dinge ihren gewohnten Gang. Nicht immer befriedigend. In der Zusammenfassung, gleichermaßen bis an die Grenzen ausgelastet und trotzdem in vielen fachlichen Belangen unterfordert zu sein, wiederhole ich mich, aber letztlich ändert sich auch an diesem Status Quo derzeit wenig. Der Schreibtisch liegt voller wenig inspirierender Aufgaben, und wo die herkommen, gibt es noch endlos viel mehr. Die interessanteren Projekte, auf die man sich sofort mit Energie, Kreativität und Herzblut stürzen könnte, landen entweder auf anderen Tischen, werden in ihrem Fortgang oder auch nur Beginn eingefroren in den Mühlen der organisatorischen Umgebung, die dafür den kommunizierten und akzeptierten Rahmen schaffen würde – oder sind zu groß, um sie in allein in Eigenregie dort, wo ihre Ergebnisse dringend notwendig wären, umzusetzen. Aber vielleicht ist es auch eine Frage der Bewertung der eigenen Komfort-Zone und des Erkennens der richtigen Herausforderung. Don Quichotte hatte vermutlich auch kein langweiliges Leben, und Fahren mit angezogener Handbremse kann auch reizvoll sein, abhängig von den Fragen, die man beantworten müsste.

Aber vielleicht gibt es am Ende des Tages weder richtige noch falsche Fragen: Ist es besser, dort zu wirken, wo man steht, und die Probleme, die man auf dem Tisch hat, jeweils mit aller Hingabe und Energie zu lösen? Oder ist es besser, darauf zu drängen, die Kraft und Inspiration, die einem zur Verfügung steht, möglichst effektiv für möglichst viele Menschen einsetzen zu wollen und einen klaren Umgang mit allen Dingen zu finden, die einen daran hindern? Wie ordnen sich dort Begriffe wie Zufriedenheit oder Undankbarkeit ein – wissend, dass letztlich viele dieser Erwägungen Grübeln auf einem vergleichsweise hohen Lebensstandard sind? An solchen Punkten wünscht man sich auf die Insel, an den Steinstrand, in den eiskalten Wind zurück, wo diese Fragen zwar auch nicht beantwortet, aber zumindest im Wechselspiel der Elemente besser überhörbar werden.

So schließt sich der Kreis. Die Natur auf der Insel war auch in diesem Jahr beeindruckend, gewaltig, erhaben, ehrfurchtgebietend. Und auch hier ist, Jahr um Jahr, zu sehen, wie wenig sich dort ändert, wo die Zivilisation in ihrem Wirken weitestgehend außen vor ist und die Dinge sich in ihrer eigenen Geschwindigkeit entwickeln. Das Haus, das schon seit Jahren ganz knapp an den Brüchen der Steilküste steht, steht immer noch, auch wenn in diesem Jahr ein Stück Straßenbeleuchtung etliche Meter weiter unten liegt. Es gibt neue Bäume, einige neue Steine, aber im Grunde nichts fundamental Verändertes. Den Dingen wohnt eine gewisse Ruhe und Bestimmtheit inne, und ich betrachte es jedes Jahr wieder als eine Art Sport, zu versuchen, ein Stück dieser Ruhe in den Alltag mitzunehmen. Dinge, die Erinnerungen binden. Dinge, an denen man sich in kurzen Meditationen im Alltag entlanghangeln und abarbeiten kann. Steine, über die man während der Spaziergänge entlang der Küste stolpert, bieten sich dafür an. Es gibt wohl Schlimmeres als solche kleinen Rituale… 🙂