Februarschnee

Der zweite Monat des Jahres sieht in Dresden den ersten richtigen Schnee des Winters. Die Straßen sind matschig, die Autofahrer nervös, die vereinzelt auch in dieser Jahreszeit durchhaltenden Radfahrer auch. Nichts Neues also. Für die nächste Zeit ist schon wieder wärmeres Wetter angekündigt. Die Tage werden länger, man hat wieder eine Chance, den Weg von und zum Büro bei Sonnenlicht hinter sich zu bringen, was nicht ohne Einfluss auf Stimmung und Gemüt bleibt. Ich schwanke zwischen Freude über den immer noch gelegentlich auftretenden Frost und Hoffnung auf einen bald wiederkehrenden Frühling.

Rolle zurück.

Hoffen auf Tauwetter und Frühling ist insgesamt ein gutes Thema, im Moment. In den nächsten Tagen findet der INF-Rüstungskontrollvertrag, der irgendwann einmal den Umgang mit nuklearen Mittelstreckenraketen zwischen Ost und West zu Zeiten des Kalten Kriegs reglementiert hat, vermutlich sein schmerzhaftes Ende – über drei Jahrzehnte nach Inkrafttreten. Ein merkwürdiges Gefühl, dieses Ereignis zu sehen in dem Jahr, in dem sich in Deutschland und Europa die friedliche Revolution ebenfalls zum 30. Mal jährt. Geopolitik ist eine befremdliche Angelegenheit, neutrale Standpunkte oder gar “Wahrheit” sind schwer zu finden; im Zeitalter einer allgegenwärtigen Informationsflut und ebenfalls allgegenwärtiger Mengen an ebenso widersprüchlichen wie von sich überzeugten und meist im Ton aggressiv und harsch vorgetragenen Standpunkten ist man mehr als einmal versucht, diese Themen auszublenden und sich auf die mentale einsame Insel zurückzuziehen, auf der ganztägig Sommer (oder Winter, je nach Stimmungslage) ist und diese Fragen allesamt nicht existieren. In der Zeit abseits der Insel bleibt die Hoffnung, der Folge-Generation eine Welt zu hinterlassen, die trotzdem noch irgendwie besser ist als manches, was Kinder der 1980er jetzt noch dann und wann aus ihren schwereren Erinnerungen hervorkramen.

Akustische Eskapaden

Ein Weg, mit solchen Themen klarzukommen, war und ist für mich schon immer Musik, und das Frühjahr 2019 macht dort keine Ausnahme. Die Playlists auf dem Mobilgerät sind wie immer gemischt. Erwähnenswerte Veröffentlichungen an der Grenze der Jahre bleiben “FIERCE”, das jüngste Album von Hélène de Thoury respektive Hante. , sowie “Eternelle Nostalgie” des Trios Opale. Zweimal Musik zwischen Elektronik, Cold Wave, Dark Wave und Synth, zweimal Frankreich. Hante. ist in den letzten Jahren sehr präsent gewesen und schafft es immer wieder gut, innerhalb ihres Stils und Genres sehr angenehme und originelle Musik zu veröffentlichen. Bei Opale sieht das deutlich anders aus: Seit spätestens Frühjahr 2015 war das Projekt faktisch im Tiefschlaf, abgesehen von “Sleepless”, das es zwischenzeitlich locker auf die Liste meiner All-Time-Favoriten der Nachtmusik geschafft hat. “Eternelle Nostalgie” knüpft dort fast nahtlos an und wird stilistisch wie akustisch im Sommer vermutlich noch besser funktionieren als an kalten Wintertagen. Ich bin gespannt, wohin die Reise hier geht.

Darüber hinaus unbedingt erwähnenswert: Nach etlichen Jahren gänzlicher musikalischer Abwesenheit gibt es mit “Ophelia” unter dem Bandnamen Behind Your Fear auch wieder einmal ein Album, auf dem der Gesang der wunderbaren Stefanie Duchene (ehemals Flowing Tears) zu hören ist. Sicher nicht nur für ehemalige oder immer noch hartnäckige Anhänger ihrer “alten” Band interessant:

Ansonsten verweigere ich mich nach wie vor Spotify, kaufe nach wie vor Musik bevorzugt bei bandcamp – und merke insbesondere beim Graben durch meine alten Musikkassetten immer wieder, daß viele der Sachen aus Teenager-Tagen noch funktionieren, aber der Fokus auf einige wenige Bands oder Stilrichtungen um Laufe der Jahre immer und immer mehr verschwunden ist. Ich bin weniger über diesen Umstand froh als vielmehr darüber, daß ich das nie bewußt wahrgenommen und mir auch nie groß Gedanken dazu gemacht habe. Warum sollte man auch, wenn man in der Playlist Thrash Metal mit Cold Wave mischen und daran Freude haben kann?

Rechentechnik

Darüber hinaus hat der Januar ein Upgrade dienstlicher Hardware gesehen: Ich gehe meinem Tagesgeschäft mitterweile auf einem InfinityBook 14 von TUXEDO nach. Kauf einer Hardware, die nicht nur Linux-kompatibel, sondern “für Linux optimiert” ist, stellt eine gänzlich neue und bislang weitestgehend sehr positive Erfahrung dar, auch wenn mit einem Gerätewechsel immer Reibungsverluste eingehen. Detailliertere Berichte dazu werden sicher noch folgen; erste Erkenntnisse sind: InfinityBook mit ElementaryOS ist eine wunderbare Kombination für tägliches Arbeiten, Thunderbolt-Docks ergänzen das recht gut, und DisplayLink-Treiber für ebensolche verursachen auf Linux-Systemen einiges an Schmerzen. Vielleicht gibt es dort noch Optimierungspotential.

Apropos ElementaryOS: Im Blick auf mein Blog ist mir aufgefallen, daß ich das Projekt schon seit über fünf Jahren verfolge, bislang aber immer nur damit gespielt habe. Die aktuelle Version, “Juno”, bietet einiges an Politur, Verbesserungen und Liebe zum Detail, und letztlich habe ich mir die über eine Autor von forbes.com gestartete ElementaryOS 5 Challenge zum Anlass genommen, das System in aktueller Version noch einmal aus der Nähe zu begutachten. Auch hierzu muss ich sicher zwei Zeilen mehr schreiben. Vorab gefällt mir, daß Elementary mit dem “pay-what-you-want” – AppStore und -Download die erste mir bekannte Linux-Distribution ist, die sich dem Problem der Finanzierung von Software Libre insbesondere im Blick auf kleine Entwickler annähert, und daß die Entwickler sehr viel Wert auf einen extrem ansprechend gestalteten, halbwegs schlanken, intuitiv und weitestgehend “konfigurationsfrei” funktionierenden Linux-Desktop gelegt haben, der möglichst nicht in die Quere kommen soll und das, bis auf ganz wenige Punkte, auch nicht tut. Ob die Begeisterung langfristig bleibt? Man wird sehen.

Someone’s wrong on the internet!

Was war sonst noch? Ach ja, ich habe meinen ersten Nutzer in einem sozialen Netzwerk geblockt. Hat sich blöd angefühlt, insbesondere weil die Person eigentlich Werte vertritt, die ich auch teile – dies aber in einer Art und Weise tut, die unfreundlich, aggressiv und für die Sache im Endeffekt eher schädlich als nützlich ist. Und ich habe gemerkt: Diskussion im Internet fällt zunehmend schwer. Nicht nur, aber auch auf Plattformen wie Twitter, Mastodon, Facebook, Diaspora. Nahezu alle Themen, von Radfahren, Zensur, nachhaltiger Energie über Technologie und Datenschutz bis hin zu Weltpolitik, werden dort augenscheinlich (s.o.) von der Wahrnehmung dominiert, daß lautes und derbes Schreien, undifferenziert und möglichst polemisch “gegen” den jeweils mutmaßlichen “Feind”, zielführender ist als inhaltliche Auseinandersetzungen oder gar differenzierte Betrachtungen. Die zu überwindende Hürde ist jene, solche Diskussionen und die Beteiligten möglichst frühzeitig schlicht zu ignorieren. Davon wird freilich nichts besser, aber man spart sich Kraft und Konzentration für Dinge, die zielführender und erfolgversprechender sind – also so ziemlich alles. Schade bleibt: Dieses Werkzeug hätte so viel Potential für Kommunikation in einer breiten Masse, wenn es nur sinnvoller genutzt werden würde. Und: Nein, der Umstand daß Facebook, Twitter und Co. letztlich kommerzielle, auf Werbe-Umsatz und Auswertung großer Datenmengen (um es milde zu formulieren) optimierte Dienste sind, ist nicht der ausschließliche Grund für diese Misere. Vieles ließe sich in kleinen Schritten ändern, einer davon könnte sein, weniger bis keine Nachrichten mehr zu lesen oder zu kommentieren. Aber augenscheinlich will kaum jemand. Stattdessen schaffen wir lieber technische Alternativen, in die wir alles, was in den bestehenden Systemen schlecht und unfreundlich ist, spiegeln. Wir sollten gelernt haben, daß soziale Probleme nicht mit Technologie oder Werkzeugen lösbar sind – und das Kommunikationsverhalten in sozialen Netzwerken *ist* ein soziales Problem. Ich lese immer mal wieder über und empfehle in allen unpassenden Momenten Passagen aus Douglas Rushkoffs “Program or be programmed” und ärgere mich, daß das Buch nach wie vor nur auf Englisch erhältlich ist, was die Zugänglichkeit für die Zielgruppe, der ich es gern empfehlen würde, erheblich erschwert.

Und sonst so…?

Dienstlicher Kurztrip nach München im Januar zum jährlichen Kick-Off. Es ist jedes Jahr sehr schön, verschiedene Kollegen zu treffen, aber ich werde mit der Stadt nicht richtig warm, und der immer größer werdende Teilnehmerkreis sorgt dafür, daß die Tage durchgetaktet und tiefergehende Interaktionen mit Beteiligten eher Zufallsgespräche denn tatsächlicher Austausch mit den Leuten ist, mit denen man sich eigentlich intensiver austauschen möchte. Dafür bleibt jede Menge inhaltlicher Nachbereitung zu ordnen für das laufende Jahr. Nach den Tagen schwirrt mir immer wieder der Kopf, und ich nehme sehr viel mehr Input mit, als ich in überschaubarer Zeit ordnen kann. Was bleibt, sind jede Menge lose Fäden – und an einigen Stellen das ärgerliche Gefühl, immer mehr Zeit und Kraft zu investieren und trotzdem immer weniger damit zu bewirken, weil Reibungsverluste in einem hinreichend komplexen System immer relevanter werden, weil es entlang dieses Weges zunehmend schwieriger wird, das Rauschen im Alltag unter Kontrolle zu bekommen. Erste Vermutung: Damit wird es zumindest nicht langweilig. Indes: Nein, langweilig wird es nicht, aber die Tage laufen Gefahr, mit Myriaden an sich uninteressanter Kleinigkeiten vollzulaufen, so daß eine merkwürdige Mischung aus Überforderung (wegen des schieren Volumens dieser Dinge, aus dem mehr als nur einmal fast Handlungsunfähigkeit erwächst, weil man überall anfangen könnte und trotzdem den Berg nicht sinnvoll abgetragen bekommt) und Unterforderung (wegen des weitestgehenden Fehlens inhaltlichen Anspruchs oder kreativer Möglichkeiten bei deren Umsetzung) entsteht. Vermutlich bedarf das dann und wann einer Justierung in der Balance.

Darüber hinaus kämpfe ich mit Browser-Tabs und mehr oder weniger sinnvollen Ansätzen zur systemübergreifenden Verwaltung von Lesezeichen und Artikeln, wo ich zwischen einem Shaarli und Mozillas “Pocket”-Dienst schwanke – und damit einmal mehr wieder an der Grundsatzentscheidung: Dienst selbst hosten oder für einen nützlichen Dienst in gewissem Umfang Geld bezahlen? Beide Ansätze haben wohl ihre Berechtigung, und ich bin nach wie vor nicht überzeugt, daß der Do-It-Yourself – Weg zwingend der bessere, stabilere oder auch nur sicherere, vertrauenswürdigere, nachhaltigere ist, von der reinen Zeit der Beschäftigung mit diesen Aspekten (im Vergleich zu jenen, die “einfach” die Tools von Google nutzen) ganz zu schweigen. Die Tage haben eben nur so viele Stunden – Zeit, die ich damit verbringen kann wahlweise, um bis in die Nacht Werkzeuge zu vergleichen, oder eben, um mit Werkzeugen Dinge zu tun. Eigener Betrieb von Werkzeugen, Self-Hosting, schlägt auf dieser Skala deutlich zuungunsten der eigentlichen Nutzung von Tools aus, weil der Aufwand dafür, sie erst einmal halbwegs robust verfügbar und dauerhaft stabil in Betrieb zu haben, einfach nennenswert höher ist, wie ich nach dem letzten misslungenen Upgrade meiner NextCloud-Installation und folgendem Sichern und Wiederherstellen von Daten und Konfiguration auf Server und mehreren Endgeräten lernen durfte. Eric Steven Raymonds immer noch sehr lesenswertes “How to become a hacker” führt eine Passage an, die mir in diesem Kontext immer wieder durch den Kopf geht:

“Creative brains are a valuable, limited resource. They shouldn’t be wasted on re-inventing the wheel when there are so many fascinating new problems waiting out there.

To behave like a hacker, you have to believe that the thinking time of other hackers is precious — so much so that it’s almost a moral duty for you to share information, solve problems and then give the solutions away just so other hackers can solve new problems instead of having to perpetually re-address old ones.”

www.catb.org/esr/faqs/hacker-howto.html#believe2

Etwas, worüber es sich dann und wann lohnt, nachzudenken. Wie der gesamte Artikel, der sicherlich lesenswerter ist als die zurückliegenden Paragraphen. Mittlerweile ist die Sonne über Dresden aufgegangen, und es ist an der Zeit, sich den Aufgaben des Tages zu widmen. Nebenher kämpfe ich mit WordPress und dem Umstand, daß entlang irgendeines Updates der Gutenberg-Editor bei mir wohl kaputtgegangen ist. Soviel zum Werkzeug… Stay tuned, more to come.