Blätter und Licht

Schon wieder Mitte November. Geschäfts- wie auch Kalenderjahr sind quasi vorüber, es ist eigentlich Herbst, aber das Jahr fühlt sich in der Stadt wie Frühling an. Kein Morgennebel über dem Fluß, keine nassen Straßen, keine Stürme und kein Regen; stattdessen sitzen wir mit Hoodie und T-Shirt bekleidet im Hinterhof und schwitzen. Es ist nicht schlimm, daß Mistwetter und Novembergrau uns bislang verschont haben, aber etwas fremd fühlt es sich schon an.

Dekonstruktion

Die ganze Stadt scheint immer noch eine Baustelle, in der Lücken und Alt-Architektur sukzessive geschliffen und befüllt werden. Jüngstes Opfer ist das alte Hochhaus an der Könneritzstraße, unweit meines Büros. Das war schon seit Jahren geplant, aber jetzt wird es ernst: Bäume und Parkplatz sind weg, ebenso die Mobilfunk-Antennen auf dem Dach. Was hier entsteht, ist klar – und in gewisser Weise schade: Der gegenwärtige Städtebau zeigt wenig Fantasie, sowohl im Blick auf Architektur, aber noch mehr auch im Blick auf Art und Nutzung der Gebäude, die in den Bau- und Abrißlücken entstehen. Aber vielleicht gehört diese Veränderung dazu, ebenso wie die permanente Verschiebung von sozialen Gruppen und Bereichen über das Stadtgebiet. Wer die Neustadt kennt und im Laufe der Jahre erlebt hat, weiß, wie sich das dort entwickelt hat. Manchmal würde ich mir dort in der Planung mehr Mut wünschen.

Flickr und die Kostenlos-Kultur

In den letzten Wochen hat Flickr Teile des Netzes aufgescheucht mit der Ankündigung, freie Accounts heftiger als bisher zu reglementieren, sprich dort den unbegrenzten Speicher (von dem ich gar nicht wußte, daß es ihn gab) wegzustreichen und die Menge der vorgehaltenen Bilder auf 1000 zusammenzustutzen. Ab einem gewissen Punkt wurde dieser Diskurs wie bei so vielen Themen dieser Tage sehr anstrengend und nervig. Bottom line scheint mir: Wir schlagen nach Kräften auf werbefinanzierten Diensten herum, nutzen Ad-Blocker und schimpfen darüber, daß diese Dienste nach Kräften Geld mit unseren Daten verdienen, indem sie uns tracken und unser Verhalten beobachten und Dinge mit den Informationen tun, die wir vielleicht gar nicht wissen wollen. Auf der anderen Seite aber sind auch jene Anbieter plötzlich “böse”, die sich bewußt zu alternativen Modellen bekennen mit der Konsequenz, daß Nutzer nicht mehr mit ihren Daten, sondern tatsächlich mit Geld bezahlen. Zwar ist der Preis für Flickr Pro auf den ersten Blick ordentlich, aber wenn man den Leistungsumfang von unbegrenzt Storage, unbegrenzt Bandbreite, einer zweifellos extrem hoch verfügbaren Software-Lösung für Online-Foto-Verwaltung, einer mittlerweile auch ganz brauchbaren mobilen App und vor allem auch der Möglichkeit betrachtet, Bilder bewußt unter Creative Commons – Lizenzen einzustellen und auch über diesen Weg zu finden und zu suchen, dann relativiert sich das schnell. Für all das nimmt Flickr im gegenwärtigen Pro-Account knapp $50 pro Jahr, also reichlich $4 pro Monat. Ich sehe grad nicht, daß sich das etwa in der derzeit immer wieder propagierten Lösung für alle technischen Probleme (Selbst-Hosting) auch nur annähernd zu diesem Preis realisierbar ist. Immer und wieder: Gegen Tracking, Werbeflut und dergleichen helfen nicht Selbst-Hosting und freie Software, sondern nachhaltige Modelle, wie wir solche Dienste betreiben – und der Willen, das auch mit Geld zu unterstützen.

Code, Teams und Fokus

Dienstliches Highlight im Herbst, das zweite Jahr in Folge, war das gruppenweite Entwicklertreffen im Berliner Michelbergerhotel. Über 100 Leute aus ganz Europa, zwei Tage Workshops und Vorträge, “soziale Events”, viele Themen, viele Gespräche. Beeindruckend zu erleben, wie die Runde internationaler wird, wie mehr Menschen mit mehr Perspektiven auf die Dinge auch das eigene Weltbild und den eigenen Diskurs erweitern. Somit viel Input, und fast mehr soziale Interaktion als in den ganzen Monaten des Jahres davor. Dazu noch Berlin, die Stadt, die mich immer wieder beeindruckt und überfordert. Was bleibt? Jede Menge angefangene Gedanken. Jede Menge in die Luft geworfene Ideen. Jede Menge Ideen und Anknüpfungspunkte für alles, was folgen könnte – irgendwann in so hoher Folge, daß man fast kapituliert und nicht mehr wirklich verarbeitet und nur noch aufnimmt, was kommt, und irgendwie ablegt mit dem Ansinnen, die Dinge irgendwann später auszuarbeiten, zu konkretisieren, umzusetzen. Der Alltag danach erdet wieder, die Ideen bleiben weitestgehend im Regal. Dann bleiben viele Sätze mit “müsste”. Man müsste innovativer werden. Man müsste sich Freiraum schaffen, um neben dem Alltagskram die Dinge anzufassen, die gleichermaßen interessant und vorwärtsgerichtet sind. Man müsste … . Man müsste herausfinden, was einen bremst, und irgendwie diese Blockade überwinden, die sicherlich mindestens zu einem Stück auch in einem selbst lebt.

Herbstfeuer und bewegte Bilder

Ansonsten haben wir, wie jedes Jahr um diese Zeit, den vorletzten Tag des Oktobers (ja, jenen …) genutzt, um die Feuerschale im Hinterhof in Betrieb zu nehmen, Glühwein und Waffeln zu servieren und mit Freunden und engerer Nachbarschaft in den Herbst zu starten. Musik ist immer dabei, in diesem Jahr auch zum ersten Mal flimmernde Bilder: Wir haben F. W. Murnaus “Nosferatu” von archive.org auf die Leinwand und in den Hinterhof gestreamt, untermalt teilweise mit dem Original-Soundtrack, teilweise mit anderen, dazu passenden Klängen. Vielleicht perfektionieren wir das im nächsten Jahr noch; insgesamt ist es auf dem Weg, eine schöne Tradition zu werden und auch diesen sonst kommerziell und inhaltlich völlig überfrachteten Tag mit anderer, individueller Bedeutung zu versehen. Dieses Jahr hat es zumindest gut funktioniert…

Musik, Blogging, DSGVO und Co.

Apropos Musik und Filme: Diesbezüglich macht Blogging grad keinen wirklichen Spaß. “Früher”(TM) habe ich oft und gern YouTube-Videos eingebunden, weil mir, analog auch zu Tumblr oder myspace oder früheren Websites, die Idee immer gefallen hat, passende Musik im Hintergrund zum Artikel anbieten zu können, Das ist mindestens im Moment nicht schön: Zum einen wird entlang von DSGVO und Privacy-Erwägungen das Einbinden von Inhalten von Seiten wie YouTube eher unerwünscht: Fremde Seite, gehört zu $GROSSEM_CLOUD_DIENST, sammelt Nutzerdaten, macht die Datenschutzerklärung länger, ist “böse” selbstverständlich im Vergleich zu verteilten, ethisch besseren, aber weitestgehend leeren Services wie PeerTube. Und mit der Diskussion um Urheber- und Verwertungsrechte ist es mindestens Grauzone und “fühlt sich schlecht an”, wenn man Musiker und Musik eigentlich eher bekanntmachen möchte, damit bevorzugt auf legaler Weise.

Ich bin dort gedanklich fast ‘raus und will eigentlich weder auf DGSVO noch die verschiedenen Ansätze zum Urheberrecht eingehen. Eigentlich nervt das alles nur. Und es ist extrem und unerklärlich peinlich, daß ich den Anwendungsfall “Einbinden von Musik auf privater Website” auch im Jahre 2018(!) immer noch nicht rechtssicher und datenschutzfreundlich abbilden kann. Dort (siehe obigen Abriß zu Flickr und Co.) wäre ich ja durchaus auch bereit, Geld dafür zu bezahlen, selbst als “nichtkommerzieller Privatblogger” auf einem Blog ohne Werbung jeglicher Art. Aber ich möchte das unbürokratisch und auch datenschutzfreundlich für mich als Anbieter haben; ich möchte dafür nicht meine sämtlichen Kontaktdaten und Nutzerzugriffe und dergleichen irgendeinem fragwürdigen Dienstleister übergeben. Aber momentan habe ich, auch mit Blick auf die gegenwärtigen Ideen zum Schut von Urheber- und Leistungsrechten, fast keine Hoffnung, daß sich das in absehbarer Zeit bessert. Bis dahin binde ich Musik von bandcamp ein in der Hoffnung, damit rechtlich nicht völlig abwegig unterwegs zu sein. Zum Beispiel diese hier, Replicant aus Chicago:

Weil wir gerade bei Blogs und DSGVO sind: Einige der Pessimisten im Umfeld haben entlang der neuen Datenschutzrichtlinien prophezeit, daß sich damit die unabhängige Landschaft von Websites, Weblogs, … neben den großen Plattformen massiv ausdünnen wird, weil viele Beteiligte die Anforderungen der neuen Gesetzgebung schlicht nicht werden erfüllen können (oder wollen) und sich insofern lieber noch mehr auf die großen Plattformen verlassen, die ihnen diesbezüglich mehr Rechtssicherheit bieten. Aus der eigenen Perspektive: Das ist ausgeblieben… Die meisten Blogs und unabhängigen Websites in meiner Leseliste haben schon vor vielen Jahren das Zeitliche gesegnet oder sind schlicht eingeschlafen, weil den Autoren Zeit, Lust, Interesse daran abhanden gekommen ist. Das, was passiert, passiert jetzt eben in Facebook oder Twitter oder dort, wo die Publikation ebenso viel einfacher ist wie die Interaktion mit Nutzern. Daran wird sich, auf lange Sicht und trotz aller Kritik an den großen Plattformen  und ihren Nebenwirkungen in mannigfaltiger Hinsicht zwischen Datenschutz, Populismus und Filterblasen, nichts ändern. Die DSGVO ermutigt derzeit keine Alternativen, leider. Und die Vertreter strafferen Datenschutzes merken leider überhaupt nicht, daß sie im Umgang mit Werkzeugen zu einer Elite gehören und Möglichkeiten haben, die der überwiegenden Mehrheit der Nutzer mitnichten auch nur ansatzweise gegeben sind…

Nachtrag

Genug dazu. Während ich diese Zeilen schreibe, hat es doch zu regnen begonnen, auch wenn der Herbst immer noch warm ist. Draußen wird es langsam stiller, und ich muss mich zurückhalten, nicht wieder über schlafende Städte zu sinnieren. Ich war im Fluß, deswegen habe ich wiedermal geschrieben. Auf Deutsch, diesmal wieder – zu gleichen Teilen weil mir die Sprache letztlich immer noch leichter fällt, und weil es bei der Zahl regelmäßiger Besucher hier letztlich irrelevant ist, ob die Leute deutsche oder englische Texte nicht lesen. Mittlerweile ist dieses Blog mehr denn je ein Experiment denn ein Kanal, irgendwelche echten Inhalte zu transportieren. Manchmal schadet es nicht, die Erwartungshaltungen an sich selbst herunterzuschrauben, zu experimentieren – und ein Stück weit zu merken, was “Inhalt” ist und was “Werkzeug”…