Spätsommermorgen

Irgendein weiterer Montag, Wochen nach dem Urlaub, im ausklingenden Sommer, beginnt mit einer unruhigen Nacht, einem übernächtigten Industriestadtmorgen: Grauer Dunst, rote Sonne, hochsommerlich schwül. Mechanisch Kaffee kochen und trinken. Ich bin schon durchgeschwitzt, nachdem ich das Fahrrad nur aus dem Keller geholt habe. Im Erdgeschoss raucht der neue Nachbar seine erste Zigarette. Ich sehe ihn dabei selten ganz, nur die Spitzen seiner Schlappen und den Rauch hinter der Hausecke. Er scheint seit Wochen mit dem Einziehen beschäftigt, dabei ist seine Wohnung gar nicht so groß. Aber die junge Generation raucht wieder, selbstbewußt. Selbst in aller Öffentlichkeit. Selbst mit Kindern.

Es tut gut, auf dem Rad zu sitzen an diesem Morgen, und der Fahrtwind kühlt zumindest vorübergehend etwas. Vera steht im stickigen Fahrstuhl, später. Wir tauschen einen flüchtigen Gruß und ein paar Belanglosigkeiten auf dem Weg nach oben. Ich verbanne einige Gedanken in meinem Kopf weit nach hinten und stelle fest, daß das mit dem Smalltalk ganz gut klappt, manchmal. Wenigstens etwas. Vera heißt eigentlich gar nicht Vera. Ihren richtigen Namen hab ich immer wieder durcheinandergebracht, gottweißwarum. Hab sie versehentlich auch mal als Vera angesprochen, vor Jahren. Jetzt steigt sie ein Stockwerk früher aus, wirkt viel ruhiger und entspanner als damals, als sie noch bei uns war. Ich versuche nichts daraus zu schlussfolgern. Viele Sommer ist das schon her.

Oben schreibe ich flüchtig ein paar Dinge auf, während der zweite Kaffee des Tages durchläuft. Ich mag es nicht, Gedanken zu vergessen, die ich nicht lang genug um Kopf hatte, um mich an sie zu gewöhnen und ihrer überdrüssig zu werden. Mein Posteingang leert sich rapide, der Tag beginnt. Willkommen im Jetzt…