Am Rand …

Mittlerweile ist tiefe Nacht geworden. Er hat den Weg aus dem Keller gefunden, vor einigen Stunden schon, und sitzt jetzt oben auf der weiten Terasse. Die harten Steine, den mittig angeordneten fluoreszierenden Kreis aus Symbolen, deren Bedeutung er irgendwann einmal kannte, hat er grob von Blättern und Unrat gereinigt. Jetzt liegt er halb in einem alten Gartenstuhl, Füße auf der Brüstung, schaut dann und wann in die Ferne.

Er hat Stunden zugebracht, unten so etwas wie Ordnung zu schaffen. Unrat von noch irgendwie Bewahrenswertem zu trennen. Und schlußendlich einige Jahre des Sammelns in Kisten irgendwo noch weiter hinten verstaut, weil er sich nicht von den Dingen trennen mochte. Anachronismen, wohin er gegriffen hat. Die alten, komplex vernetzten Rechner. Die harten Tastaturen, die riesigen Bildschirme. Ausgedruckte und mit Stift korrigierte … Dinge. Programmcode. Textfragmente. So viel Zeug. Nurmehr Nostalgie – lang nicht in der Hand gehabt, lang  nicht benötigt. Das Gerät auf seinem Schoß, zu dem das noch schwach leuchtende Display gehört, kann mehr, ist schneller, präsenter, weniger aufdringlich und auch dann da, wenn die Keyboards mit dem festen Klickpunkt meilenweit weg, die Röhrenmonitore viel zu sperrig und schwer waren.

“We all create stories to protect ourselves.”
— Mark Z. Danielewski, House Of Leaves

Viele der letzten Augenblicke sind darin vergangen, Kommunikation und Kontakte zu löschen. Wischen mit dem Finger auf einem Bildschirm, von links nach rechts. Wie Durchstreichen mit einem Stift. Früher. Und danach sehen, wie das Objekt sich diskret ins Graue und Weiße verabschiedet. Viele Fäden, die hier zusammenliefen, sind lose geblieben, und er hat es nicht geschafft, nicht gewollt, sie alle wieder aufzunehmen. Freunde und Bekannte, die eine Zeitlang Begleiter waren und dann irgendwohin verschwunden sind, Kontakte aus der Zeit vor der verlinkten Allwissenheit, unauffindbar im analogen Leben versteckt. Freunde, die plötzlich aus dem Blickfeld verschwunden sind und nach deren Verschwinden man lernen musste, sie eigentlich nie wirklich gekannt zu haben. Und jede Menge Namen, Gesichter, die um einen waren. Irgendwann.

Er blickt über den Garten, die Mauer. Vieles ist anders geworden. Wehmütig erinnert er sich an den Anblick der weiten Fläche zwischen ihm und der fernen Stadt. Das bunte Sammelsurium an Zelten, gezimmerten Häusern und Buden, Jurten, geodäsischen Domen, umzäunten Zirkuswagen, wie perfekt eingepaßt in die leicht hügelige Ebene, die hohen Bäume, das dornige Gestrüpp. Bunte Sprenkel auf Grün bei Tag, ein Gewirr aus kleinen warmen Lichtpunkten unter einem hohen, sternenübersäten Himmel bei Nacht. Eines Tages irgendwann muß die Sonne wohl zum ersten Mal den Morgennebel durchdrungen und auf eine leere Weite geschienen haben, auf der nur noch einige Spuren und vergessenes Strandgut an die ehemalige Besiedlung erinnern.

Er hätte es vermutlich gesehen, wäre er zu diesem Zeitpunkt nicht dort gewesen in der Stadt. Arbeit. Leben. In der Zwischenzeit sind hier alle verschwunden… der verwirrte Schamane und sein nicht weniger verwirrter Stamm. Die Hardware-Hacker, die alles reparieren konnten, was irgendwie kaputtzugehen vermochte, und die aus allem und jedem Stück Unrat noch Brauchbares zu fertigen wußten. Der Bäcker. Der Schneider mit den schrägen Kleidern. Die Tänzer und Sänger und Künstler, der Tischler, die Schmiede und die Clowns. Die Puppenspielerin… Heute reichen die Hochhäuser und Straßenzüge bis kurz hinter den Grünstreifen jenseits seiner Mauer. Das Licht ist greller geworden, die Welt lauter, die Sterne sind unter nächtlichem Dunst verschwunden. Die Stadt ist hier, die er liebt und hasst. Die Stadt, in der so viele den Lauten und Schrillen hinterherlaufen und die Stillen, Nachdenklicheren irgendwo in den Seitenstraßen unauffindbar geworden sind. Einmal mehr fröstelt ihn. In Momenten wie diesen, in denen Anspannung, Nervosität des Alltags und permanenter Input ein wenig von ihm abfallen, spürt er, wie müde er manchmal ist. Es ist so viel anders geworden, hier am Rand …