state of confusion

Langsam verziehen sich die Wolken der zurückliegenden Nacht, färbt die Dämmerung den Himmel wie eine Explosion in Zeitlupe. Sanfte Morgensonne trocknet die Reste nächtlichen Regens auf seiner nackten Haut; längst schon spürt er nicht mehr die Kälte, die Müdigkeit, die scharfen Kanten der Steine unter seinen Knien. In der Ferne glänzen die Türme der Stadt im Licht des neuen Tages, und ein milder Wind von irgendwo treibt Staub und Blätter vor sich her. Stille der äußeren Welt, ein willkommener Gegensatz zum lauten Chaos in seinen Gedanken und Gefühlen, seine Tage durchdringend, seine Nächte heimsuchend bis in die Tiefe seiner Träume, seiner fernsten Ängste. Längst, so scheint es ihm, hat er vergessen, wie lang er nun schon an dieser Stelle verweilt, kniend auf der kleinen Anhöhe vor seinem stillen Refugium, die Augen nach vorn, den Blick nach inne gerichtet, Wind, Wetter, Zeit vorüberstreichend.

Wie noch zur Ruhe kommen, als durch den Versuch, eins zu werden mit der Ruhe selbst? Wie die Balance zurückfinden, wenn das System in seinen Koordinaten ächzt und stärker zu schwingen scheint als jemals zuvor? Er atmet durch, tief, kaum befreit. Die Sonne zieht langsam ihre Bahn, unbeirrbar, und er mustert die Fliege, die auf seiner geöffneten Handfläche Platz genommen hat, bevor sie weiterfliegt, in den neuen Tag hinein. Im Großen scheinen die Dinge irgendwie stabiler zu sein als im Kleinen, die Ereignisse verläßlicher, die Antworten … vorhersehbarer, wie auch die Fragen, die sie beantworten?

Meditation, ohne allzu großen Erfolg. Reflektion, kreativ, fast desktruktiv – ebenso. Helfende Substanzen – vielleicht, aber diese Zeiten sind lange vorbei. Selbst der Griff in religiöse Erklärungsmodelle nurmehr ein weiterer Schritt in das Pendeln, in Ambivalenz: Ein Engel? Vermutlich. Aber woher? Aus dem Dunkel, auf dem Weg, ihn zu versuchen, vom Kurs abzubringen, abzuleiten ins Nirgendwo, durch Blumenfelder in ein unwegbares Ödland ohne Wiederkehr? Oder aus dem Licht, gesandt, an ihm zu rütteln, ihn abzubringen von einem Weg, den er, unbeirrlich folgend, seit so langer Zeit niemals in Frage gestellt hat?

Neue Situation, neue Gedanken… Verwirrung, auf breiter Front, und kaum Antworten, nicht einmal Ruhe. Aber immerhin Fragen… Er erhebt sich unsicher… taumelnd, schwindelnd, innehaltend, bis die Muskeln wieder ihre Arbeit zu tun scheinen… und schreitet auf die schwere Holztür zu, heraus aus dem Tag, der sich längst hell, warm, unter einem hochblauen Himmel um ihn herum entfaltet hat. Auf der anderen Seite: Wird geschehen, was zu geschehen hat? Kann er verhindern, was passieren soll? Die Zeit wird es zeigen… Eine Wolke streift sanft den blauen Himmel, während die Tür hinter ihm ins Schloß fällt…