Muster und Pillen

Manchmal, an milden Tagen wie diesem, läßt er sich den Wind ins Gesicht blasen hier oben auf dem Dach, sitzt auf dem breiten Giebel hoch oben über den massiven, kühlen Mauern und der beruhigenden Dunkelheit dahinter, und läßt seine Gedanken treiben mit dem Blick auf die Skyline der fernen Stadt. Er sieht die Türme aus Glas und Beton, die in den ständig trüben Himmel ragen, die schnellen Lichter des Flugverkehrs dazwischen, die Kegel der Suchscheinwerfer der Sicherheitsdienste, die als scharfe, helle Schwerter dann und wann das vom diffusen Großstadtlicht eingefährbte Grau zerreißen, sich an den hohen Fassaden tausendfach spiegeln und brechen… und er denkt an Muster…. Die Welt mag Wolkenkratzer, die großen, zentralistischen Strukturen. Sie schätzt ihre Sicherheit, das “gute Gefühl”, durch die Lobby eines solchen Turmes zu wandeln, die eigene Sphäre in einer solchen Welt einzurichten, ganz gleich, wie klein sie auch sein mag. Man gehört dazu, man ist “gut aufgehoben” und fühlt sich im Rahmen des Möglichen “gut untergebracht”. Und man hat die Glasfassade, das klimatisierte Treppenhaus, das Grundstück hinter der Stacheldrahtmauer, das einen von Chaos und Unsicherheit der umgebenden Welt abschirmt.

Ein Großraum-Jet durchfliegt für Sekundenbruchteile als glänzende Relexion einen der Lichtkegel, und er denkt an die vielen Wolkenkratzer, auf die ihn seine Monitore tief unten in den Kellern und Gängen dieser stillen Zuflucht blicken lassen. Große Strukturen, geschaffen von Immigranten in einer unkörperlichen, digitalen Welt… ein Versuch, auch dort das Durcheinander zu ordnen, die wirr und unübersichtlich wirkende Umgebung in bekannte Formen zu bringen, um sich heimisch fühlen zu können?

Und er denkt an den Blick auf die “ganze” Realität als Alternative zur Sicht auf die bequeme Illusion von Ordnung. Welches Entscheidung ist besser? Die blaue Pille, die die gegebene Sicht zur absoluten Sicht macht, endgültig und umfassend? Oder die rote Pille, die den Horizont nennenswert erweitert? Die es erlaubt, dort in der Stadt in der Ferne auch in die Tiefe zu blicken, die kleinen, selbstorganisierenden, aus Zweck und Not heraus dezentralen Strukturen zu sehen, und zu erfahren, daß dieser Teil der Realität sehr viel größer ist als jener in den Türmen? Die Pille, die es erlaubt, auch in den digitalen Welten die denzentrale, umfassende, locker vernetzte, offene Realität zu erkennen als älter, stabiler und viel umfassender als jene wenigen digitaler Echos der City-Skyline?

Der Wind wird stärker, treibt Regen und Lärm der Stadt in seine Richtung… Düster die Türme im Wassernebel am Horizont, ein letzter Blick, bevor er die Dachluke hinter sich schließt…

// inspiriert durch thingnextdoor…

4 Kommentare

  1. ich kann nur zustimmen. der text ist unheimlich gut und er trifft genau den punkt. denke mal, wenn man schon auf zentrale strukturen zugreift – immer mit nem gehörigen sinn für die eigene realität… und mit dem angemessenen (schwarzen) humor. man sollte sich immer türen offenhalten, wenn man einen der wolkenkratzer betritt…es gibt viele gründe, eines dieser konstrukte zu betreten und eine zeitlang dort zu verweilen. der hauptgrund ist wahrscheinlich geschäftliches interesse. dann noch eventuell unterhaltung, ohne wirklich alles ganz ernst zu nehmen. die beiden gründe lass ich für mich gelten. doch anvertrauen…sich quasi auszuliefern…das käme mir selbstmörderisch vor. nur zu oft wird auch ein vermeintlich sicherer wolkenkratzer zerstört. oder das konstrukt erweist sich als finanzielles disaster und wird deshalb aufgelassen. wenn du dann dort eine zweite wohnung geschaffen hast, ohne rückzugsmöglichkeit, bist du wirklich schlimm dran. ich seh das ganze als grosse seifenblase, die irgendwann sicher platzen wird.

  2. Merci. 🙂 Sicher, Du hast recht – das Gros dieser Strukturen ist irgendwie, nun, “wackelig” und vergänglich, wie wir dieser Tage immer wieder spüren. Insofern läuft es wahrscheinlich (einmal mehr?) in der Tat darauf hinaus, die Dinge bewußt zu nutzen, selbst so gut wie möglich zu machen zu versuchen, aber auch dafür zu sorgen, daß möglichst viele Rückzugsmöglichkeiten bleiben, wo auch immer die sein mögen… vielleicht muß ja auch manche Seifenblase platzen, um wieder Raum für das Entstehen einer neuen, stabileren, besseren(?) Struktur freizugeben… 🙂

  3. wieder mal hier gelandet und gelesen. bilder geguckt. nachgedacht. vielleicht hast du die welt ihres schönen scheins entkleidet und das darunterliegende freigelegt. trotzdem ist so viel schönheit geblieben. die dunkelheit beruhigt mich immer wieder, und das brummen der stadt. fast wie ein herzschlag, den ich immer wieder hören möchte.
    ich wünsch dir schöne tage…

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