Zwei-Klassen-Arbeitnehmer?

Zwei Meldungen, die ich in Relation zueinander für interessant halte: Die Online-Ausgabe des Focus berichtet, daß der Mittelstand in Deutschland immer mehr schrumpft, sich die Einkommensschere im Lande immer weiter öffnet. Bei der Konkurrenz gibt es aktuelle Ausführungen zum gegenwärtigen Streit im öffentlichen Dienst, der derzeit das Bus-, Bahn- und Flugnetz in Deutschland zumindest teilweise lahmlegt (und damit auch einen ganzen Haufen gimmick-verliebter Teenager daran hindert, in Hannover auf der CeBit Kugelschreiber mit Firmenlogos abzustauben?)

Die Gewerkschaft ver.di fordert derzeit acht Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. In einem anderen Tarif-Vertrag, der zwischen GDL und der Bahn erst kürzlich vereinbart wurde (nun aber wohl auch wieder in der Schwebe hängt), ist die Rede von 11 Prozentpunkten mehr Geld am Ende des Monats für die Beschäftigten. Und ich frage mich, ob wir langsam, aber sicher in eine Gesellschaft driften, in der selbst der “durchschnittliche Arbeitnehmer” in ein Klassensystem gezwängt ist, welches maßgeblich davon abhängt, wo er Beschäftigung findet?

Warum diese Frage? Prinzipiell sehe ich die Argumentation schon, daß, in Zeiten von wachsenden Unternehmensgewinnen, diejenigen, die diese Gewinne an der “Basis” des Unternehmens erwirtschaften, finanziell beteiligt werden sollten. An sich bin ich auch ein Freund der Mindestlohn-Idee genau aus diesem Grund heraus, und weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, daß jener, der gute Arbeit leistet, auch imstande ist, von dieser Arbeit ohne Hilfe des Staates halbwegs sicher leben zu können. Gewerkschaften und verschiedene andere Gruppierungen wollen eine solche Umgebung für die Arbeitnehmer schaffen, was per se erst einmal gut erscheint.

Nur: Wie realistisch ist das Bild vom Arbeitnehmer, das diesen Anstrengungen zugrundeliegt? Wie weit erreichen solche Ansätze tatsächlich das gewünschte Ziel für alle oder auch nur einen hinreichend großen Prozentsatz der Arbeitnehmer, ohne zugleich desaströse Nebenwirkungen mit sich zu bringen? Hier die Brücke zum Mittelstand und den berühmt-berüchtigten KMUs: Herr Mehdorn und seine Kollegen in den “großen Unternehmen” werden sich vermutlich (natürlich) sperren, den stehenden Lohnforderungen nachzugeben, und vermutlich werden auch (im Hinblick auf Mindestlöhne) viele Unternehmen viele gute Lücken finden, die bestehenden Regelungen etwa bei den Briefzustellern zu untergraben.

Dem Mittelständler oder Kleinunternehmer hingegen nützt das nichts. Anders gefragt: Welcher Ausweg bleibt dieser Klientel, wenn einerseits die Preise für die erbrachten Leistungen, die erzeugten Produkte eine Zahlung von Mindest- oder Tariflöhnen nicht erlauben, andererseits aber der Ausweg, den Großunternehmen wählen würden (“Ausdünnung der Personaldecke” und “Freisetzen von Arbeitskräften”…) nicht machbar ist, ohne den Geschäftsbetrieb insgesamt in Frage zu stellen? Eigentlich bleiben nur wenige gangbare Wege zu vermuten:

  1. Geschäftsaufgabe, weil weitere Arbeit wirtschaftlich nicht möglich ist. Auf diese Weise könnte man zynisch vermuten, die Gewerkschaften würden den Großunternehmen bei der “Marktbereinigung” helfen, indem sie mit Hilfe hoher Tarifabschlüsse und genereller Mindestlöhne Kleinunternehmen beizeiten den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegziehen. Dann stehen die Beschäftigten dort beizeiten vor den Türen der Arge.
  2. Es werden wieder Ausnahme-Regelungen geschaffen, die zum einen garantiert durch die “Falschen” Nutzung finden. Zum anderen rutschen dann die Beschäftigten von KMUs auf der Gehaltsschere immer weiter nach unten, wenn steigende Löhne dank hoher Tarifabschlüsse auch steigende Preise nach sich ziehen.

Ohne deren Engagement grundsätzlich und vollständig wegdiskutieren zu wollen, scheint mir die Frage berechtigt, inwieweit anno 2008 das oftmals augenscheinliche Modell des “Kampfes ums Geld” zwischen dem “großen, gutverdienenden, gierigen Unternehmer” und seinen vielen “gesichtslosen Angestellten”. die nur fordern, was eigentlich ohnehin ihr gutes Recht ist, noch zeitgemäß erscheint. In diesem Modell verlieren die Kleinunternehmer und kleine Mittelständler und ihre Angestellten gleichermaßen. Aber wahrscheinlich sind die vielen in KMUs verstreuten Beschäftigten für die Vetreter von Gewerkschaften schlicht nicht interessant genug…