Unwort im Januar: “Jugendkriminalität”

Alles neu in 2008, und ich habe für dieses Jahr schon die eine oder andere Idee, diese Seiten mit neuem Inhalt zu füllen, auf den ich, nun, teils Lust habe, der sich aber teilweise auch aufdrängt. Dazu gehört, daß ich fürderhin versuchen werde, anlehnend an die regelmäßig (nun, jährlich 🙂 ) wiederkehrende Aktion Unwort des Jahres, Kandidaten von Begrifflichkeiten zu finden, die im jeweiligen Kalendermonat den Sprachgebrauch in besonders massiver Weise geprägt haben.

Und für den ersten Kandidat muß man gar nicht so weit suchen – hier reicht es dieser Tage eigentlich schon aus, eine beliebige Nachrichtensendung in einem beliebigen TV-Programm einzuschalten: Der Begriff “Jugendkriminalität” fällt garantiert in den ersten fünf Minuten, und fast durchweg in Ausführungen, warum wir strengere Gesetze, “härteres Durchgreifen” oder auch mehr Überwachung brauchen.

Dumm in dieser Hinsicht, daß in Deutschland dieses Jahr die eine oder andere Wahl ansteht. Damit sind die Konsequenzen vorhersagbar: Das Problem wird für den Wahlkampf thematisiert in einer Art und Weise, die ich persönlich ausgesprochen eklig und abstoßend finde: Gar keine Frage, Übergriffe wie jener gegen einen Fahrgast in der Münchener U-Bahn kurz vor Weihnachten 2007 sind kein Spaß, und daß die Menschen angesichts derartiger Entwicklungen in Sorge leben, ist berechtigt. Somit sollten Aktivitäten mit dem Ziel, derartige Dinge perspektivisch zu unterbinden, zunächst begrüßenswert erscheinen.

Was mich indes (abseits der widerwärtigen Art und Weise, wie in der Kampagne des Herrn Koch Stimmen gesammelt werden, indem man die Angst in der Bevölkerung konsequent schürt und dann die Lösung in der Forderung nach deutlich härteren Strafen anbietet, um die Masse der Wähler hinter sich zu hoffen) an dieser Diskussion am meisten stört: Wieso denkt eigentlich keiner darüber nach, wie man (angesichts der Tatsache, daß wir hier über Teenager, teilweise noch Kinder reden) konsequenter dafür sorgen kann, daß aus jungen Menschen gar nicht erst Gewalttäter werden? Diese heranwachsende Generation ist die Zukunft unseres Landes, unserer Gesellschaft, und strenggenommen würde das Land ihre Kreativität, ihre Energie, ihre Inspirationen und Ideen dringend brauchen. Woran hakt es also? Fehlende Chancengleichheit schon im Schulsystem? Eine zunehmende Zahl von Kindern, die auch im grundsätzlich reichen Deutschland in Armut aufwächst, einschließlich aller Konsequenzen für Bildung, Gesundheit und Anerkennung in einer Umgebung, die auf materielle Aspekte nicht eben wenig Wert zu legen pflegt? Chancenverlust im Schul- und Erwachsenen-Alter, weil aufgewachsen unter Dauerberieselung statt Begeisterung für Dinge, Stärkung der kindlichen Neugier zur Erzeugung von Interesse an Wissen und Bildung oder allgemein einfach nur Förderung durch Eltern und Familie?

Sicherlich sind all dies keine ausschließlichen Gründe oder gar Rechtfertigungen für Gewalt. Aber es sind genau so gute Argumente wie die immer wieder gern zitierte Aussage, daß das Strafrecht eher Täter- denn Opferschutz betreibt, oder eben die Idee des Herrn Koch, durch harte Strafen und Abschreckung Gewalttäter von ihrem Tun abzuhalten: All das sind pauschalisierende, sträflichst vereinfachende Argumente und Ansätze, die kaum imstande sind, einen komplexen Sachverhalt hinreichend zu erklären oder zu behandeln. Hier wünscht man sich einfach, daß zu verantwortungsvoller Politik auch differenzierendes Denken und Kommunizieren gehört. Und das sollte, auch in Wahlkampfzeiten, über das plumpe Bedienen stupid-populistischer Thesen ohne Sinn und Substanz hinausgehen.