Plagiate statt Originalität

Zu Dresden, der Stadt, in der ich seit einigen Jahren lebe, habe ich ein geteiltes Verhältnis, wie ich immer wieder merke: Manchmal fühle ich mich richtig wohl hier, habe ich den Eindruck, an einem inspirierten und kreativen Ort zu leben, der Stadt und trotzdem irgendwie gänzlich unstädtig ist. Und manchmal… manchmal stelle ich mir einfach nur Frage und neige zu der Aussage, daß ich “nur” hier wohne, ohne wirklich “Dresdner zu sein”. Jüngstes Beispiel für letzteres: Die Pläne um den Bau eines neuen Gewandhauses am Dresdner Neumarkt. Ambitioniertes Projekt, origineller Entwurf, interessantes Gesamtbild für den Platz, eigentlich könnte alles ganz schön sein…

… wenn nur nicht, wie eigentlich zu erwarten war, auch hier die Verhinderer, diesmal unter dem plakativ-dämlichen Motto “Barock statt Beton”, nur einen Steinwurf weit von der Baustelle entfernt wären. Die Argumentation ist altbekannt:


Wir alle, alt wie jung, spüren diese Unvergleichlichkeit und makellose Schönheit, die das Herz unserer Stadt für uns alle wieder öffnet. Der historische Wiederaufbau unseres Neumarktes ist eines unserer wichtigsten Anliegen. Dies ist uns bis heute geradezu beispielhaft gelungen. Unseren Neumarkt als sinnstiftenden Ort, als Zentrum unserer Heimatstadt weiter in diesem historischen Flair zu entwickeln, ist das Gebot der Stunde.

Und ich wundere mich, warum eigentlich niemand einmal andere Fragen stellt. Zum Beispiel:

  • Wie sähe Dresden heute aus, wenn genau diese Einstellung zu “aktueller” Architektur, zu neuen Stilen und Entwürfen, auch schon zu Zeiten des Barocks dominiert und schlußendlich alles verhindert hätte, worauf wir heute so scheinbar stolz sind?
  • Wäre es wirklich eine Würdigung, eine Verneigung vor den großen Baumeistern der Stadt, in unmittelbarer Nähe ihrer Werke Gebäude wie das “Quartier Frauenkirche” zu errichten, hochmoderne Bauwerke mit einer kitschig auf “alt” getrimmten Fassade, die im Vergleich zu den Originalen doch nur wie eine uninspirierte und belanglose Kopie wirkt?
  • Wollen wir in die Geschichte eingehen als das Zeitalter, das, inmitten von falsch verstandener Bewahrung kulturellen Erbes (während im gleichen Atemzug erstaunlicherweise diesselben Menschen an anderer Stelle des Ortes gern zu zeigen bereit sind, wie wenig ihnen an ebendiesem scheinbar gelegen ist) und Orientierung aufs “Gestern”, völlig außerstande war, einen eigenen architektonischen Stil und Ausdruck zu entwickeln?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte nichts davon, Städte gedankenlos “zuzubauen”. Aber einem fähigen Architekten sollte es möglich sein, Strukturen und Objekte zu entwerfen, die sich in ihre Umgebung einpassen, originell und ansprechend und interessant wirken, ohne eine bloße Kopie von Existierendem zu sein. Hoffen wir inständig,daß sich hier nicht wieder die üblichen Bedenkenträger behaupten können mit Argumentationen, bei denen man sich einfach nur noch Fragen stellt. Ein Hoch auf die Ewig-Gestrigen – armes Dresden!

3 thoughts on “Plagiate statt Originalität”

  1. Sehr traurig, da leider sehr wahr. Meine bessere Hälfte will ja nun auch mal “Stadtzubauerin” und -umgestalterin werden, doch gerade bei der Entwicklung in Dresden ist es fraglich, ob es für (Landschafts-)architekten überhaupt Sinn macht, neue Wege zu gehen, neue Designideen zu entwickeln (die ja gern mit bestehender zubstanz einhergehen)..oder ob man siich doch “nur” der Denkmalpflege widmet.
    Warum wurde der Neumarkt eigentlich nicht mit Einschußlöchern in den FAssaden wieder hergerichtet? Immerhin st das auch historisch :-/

  2. Als zugezogener Dresdner fasziniert mich diese Stadt ebenfalls. Diese Stadt bietet eine sehr hohe Lebensqualität. Was aber noch größer scheint, ist diese Verhinderungsmentalität. Jeder, aber auch jeder Änderung im Stadtbild wird ersteinmal widersprochen. Sei es die “Brücke” oder das Stadion, die Gläserne Manufaktur oder seinerzeit das Bioinformatikzentrum im Garten des Lingnerschlosses für dessen Erhalt somit gesorgt wäre.. Nein das moderne Glasgebäude hätte 5 Meter über das Schloß gereicht. Das hätte den Blick verschandelt. So gammelt das Schloss halt weiter vor sich hin und liegt der Stadt auf der Tasche, die es gerade so vor dem Ruin bewahrt.
    Es ist bedauerlich welche Mentalität hier zu Tage tritt. Wäre die gläserne Manufaktur nicht ein Projekt größter Tragweite gewesen, würden heute noch die Messen in einem runterkommenen Messegelände am Straßburger Platz stattfinden.
    Zu erreichen ist in dieser Stadt nur etwas mit hohem politischem Druck, und selbst das reicht manchmal nicht aus.

    Traurig. Aber dennoch bin ich doch gerne Dresdner und lebe gern hier. Als Anwohner der Waldschlösschenstraße begrüße ich den Bau der Brücke, da ich nach Abschluss der Bauarbeiten in einer verkehrsberuhigten Zone wohnen werde. Das Konzept ist sehr stimmig, ich freue mich auf die Brücke, da ich dann mit dem Fahrrad zu meinen Freunden in Striesen und Blasewitz komme.

  3. @U.W.: Als ebenfalls mehr oder weniger Waldschlößchenbrüchen-Nachbar könnte ich mir an dieser Stelle eine Flußquerung gut vorstellen, allerdings hat diese aus meiner Sicht in ein schlüssiges Gesamtkonzept zu passen, was sowohl Argumente wie Umweltschutz und Welterbe und verkehrstechnische Anforderungen einschließt als auch die verschiedenen Fragen, die ich gegenüber dem derzeitigen Brücken-Entwurf sehe (Notwendigkeit, Nutzen der Dimensionierung, Finanzierung des nicht aus Fördertöpfen bezahlten Teils der Baukosten sowie der laufenden Wartung etc.). Dafür ist aus meiner Sicht der gegenwärtige Entwurf denkbar ungeeignet.

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