Freiheit und Mainstream

ravenhorst schreibt über den “Tod der Freiheit im Internet”, insbesondere auch im Hinblick auf die Ereignisse in Italien. Paßt ganz gut, vor einigen Tagen erst hab ich wiedermal Barlow’s Declaration of Independence of Cyberspace (deutsch bei telepolis) gelesen und mit wohl einiger Ernüchterung festgestellt: Gescheitert, wenn man’s genau nimmt:


Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.

Zivilisation des Geistes? Nun ja. Anno 2007 ist der “Zustand des Internet” vermutlich nicht ganz so rosig: Zwar gibt es (immer noch?) viele Enthusiasten, Weblog-Schreiber, Content-Erzeuger, …, die versuchen, diese Idee (von wegen “Zivilisation des Geistes” und so…) hochzuhalten. Und daneben? Wenn ich mich unter den Internet-Nutzern um mich herum umschaue, die ich eher dem “Mainstream” zuordnen würde, bleibt davon nicht viel. Dort ist die Welt begrenzt, sind Sites wie amazon, eBay oder (schlimmstenfalls) B*ld Online die Ziele, die man ansteuert, wenn man schon mal “im Netz” ist. Dort wird das Internet nahezu ausschließlich als das wahrgenommen, als was es von den Marketing-Abteilungen der großen ISPs und der kommerziellen Online-Dienstleister dargestellt wird – als riesiges, knallbuntes Warenhaus, in dem jeder mit hinreichend dicker Leitung noch sehr viel bequemer konsumieren kann als jemals zuvor. Dort schlagen dann ganz plötzlich auch die (fragwürdigen?) Sichtweisen der “realen Welt” zu, die in vielen Fällen Verbote und Zensur aktiver Aufklärung und der Vermittlung von Medienkompetenz vorziehen und lieber “unbequeme” Dinge ausblenden, anstelle die Menschen zu motivieren, sich damit auseinanderzusetzen, dazu eine Meinung zu bilden. Dort greifen die Ansichten all jener, die der Meinung sind, soziale Konflikte durch Zensur, durch Einschränkung und Überwachung von Kommunikation, im Zweifelsfall auch nur durch die Angst vor ebensolchen Eingriffen zu beherrschen, und denen schwer vermittelbar ist, daß sich bei Zensur eines Mediums die Kommunikation nur andere Wege suchen wird. Dort zeigt sich ganz plötzlich, daß der “Cyberspace” mitnichten unabhängig ist, sondern sich nunmehr auch die Mechanismen der “realen Welt” dorthin erstrecken, nicht zuletzt auch dorthin gebracht durch jene, die sich dort völlig ziel-, plan- und ahnungslos bewegen, ohne gegen dort existente Gefahren und Bedrohungen halbwegs gewappnet zu sein.

Die Zivilisation des Geistes würde Wissen, Neugier, Interesse und Offenheit voraussetzen. In einem kommerziellen Mainstream-Medium kann man vermutlich nichts davon erwarten, wenn der Drang nach maximalem Konsum (von beiden Seiten – Anbietern wie Verbrauchern) das einzige ist, was noch zu zählen scheint. Und Freiheit… bleibt die Frage, ob das Interesse der Masse an “Freiheit” wirklich nennenswert hinausgeht über Reisefreiheit und die Freiheit, zwischen McD****d’s und jener anderen Burger-Kette wählen zu können.

Schade eigentlich. Die Idee selbst war doch gar nicht so schlecht…