few and far in between

Manchmal, so meint er, scheint die ganze Welt auf dem Kopf zu stehen… was in dieser Situation zutreffender kaum sein könnte: Rauh und hart umklammert das Tau seine Knöchelgelenke, hält ihn hier oben in jenem alten Gebälk, das durch die vorbeistreichende Zeit trocken und schwarz geworden ist. Gelegentlich reißt eine beißend-kalte Böe an ihm, läßt ihn schwanken in der freien Luft, läßt ihn einmal mehr den Blick nach unten richten, dorthin, wo der Fuß des Turmes in der Erde wurzelt, einige dürre Grashalme den Weg durch die abgetretenen Steine gefunden haben. In die andere Richtung blickend, sieht er grau-schwarze Wolken über sich hinwegrasen, ein bedrohliches Muster, allgegenwärtig und doch mangels fester Form kaum greifbar. Über der Stadt, die sich in der Ferne als schwarze Silhouette gegen das Grau des Unwetters wie eine Welt aus Scherenschnitt abhebt, durchzucken die ersten Blitze das Inferno. Wieder einmal schmeckt die Welt nach Rauch, und für einen Moment überlegt er, was er eigentlich hier tut… Nun ja… Vermutlich gibt es einen eigenen Weg für jeden, jeden von “uns”… der den einen dazu treibt, in der schwarzen Tiefe eines Brunnens unsicheren Schrittes an der Grenze zwischen Realität, Fiktion, Wahrnehmung und Wahnsinn entlang zu balancieren, nur um irgendwann abzurutschen, endlos zu fallen… den anderen zieht es nach oben, zieht es zur Erkenntnis in tatsächlichem, deutlichem, körperlich fast schon schmerzhaft fühlbarem Abstand zu der Welt zu gelangen, aus der Entfernung Einblicke zu gewinnen, die im alltäglichen Trott durch Grau ewig verborgen bleiben.

Längst hat er es aufgegeben, feststellen zu wollen, wo der Unterschied liegt zwischen Grashalmen, die ein wenig im Wind zittern, bevor die herbstliche Dürre, der kalte Winter kommt, und den endlos vielen Lemmingen in menschlicher Gestalt, ihrem Weg durch ein hoffnungs-, traum-, gedankenloses Laufrad, eingeklemmt zwischen Scheuklappen und dem überzüchteten Selbsbewußtsein, mit dem Weg einer Masse im Zweifelsfalle immer dem richtigen Weg zu folgen. Nicht, daß es ihn wirklich interessieren würde… außer vielleicht, wenn die Lemming-Seuche wieder einmal einen wichtigen, nahen Menschen aus dem eigenen Leben schneidet, ein scharfes Loch zurücklassend, hinter dem nur kosmische Leere zu herrschen scheint. Wie kann man nur so kapitulieren, sich selbst so plötzlich so abschalten, so unfaßbar leicht wegwerfen, was gestern noch wichtig und heilig gewesen ist?

Fragen? Antworten? Er versucht, die Gedanken abzuschalten, baumelt im Wind, während das Unwetter langsam voranschreitet. Fahl flackert das Licht der Blitze in seinen Augen…

Ein Kommentar

  1. lass uns ein bisschen tanzen über die kalten steine, am besten barfuß – oder auch mit klappenden sohlen, wenn es dir lieber ist!
    Die Fragen sind wichtig, die Antworten manchmal hilfreich aber nie nötig. Du brauchst bass.

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