Brücken-Erbe

Mittlerweile wissen es eigentlich alle, insofern nur nochmal für jene, die im Urlaub oder (wie auch immer) vollständig von Nachrichten abgeschnitten waren: Dresden und das Elbtal stehen auf der “Roten Liste”. Der Titel “Weltkulturerbe”, den die Landschaft entlang des Flußlaufes seit einigen Jahren erst trägt, wird massiv gefährdet durch den Streitpunkt in der Stadtpolitik überhaupt, die Waldschlößchenbrücke.

Das Thema geistert seit Jahren durch die Presse, ist sicherlich vielschichtig und nicht sinnvoll in ein paar Sätzen abzuhandeln. Ich habe mittlerweile für mich selbst einige sehr interessante Erkenntnisse gewonnen zu diesem Thema und der Art und Weise, wie dieser ganze Prozeß funktioniert:

  • Als Autofahrer sehe ich durchaus, daß eine Stadt am Fluß Brücken braucht. Das halte ich für unstrittig, und hier teile ich uneingeschränkt die Meinung der Befürworter. Was mich maßlos ärgert, ist, daß in der Diskussion um die Brücke Alternativen (nein, es gibt nicht nur den Tunnel-Plan, obwohl – wieso schafft es Meißen, seine Altstadt zu untertunneln, und Dresden scheitert an der Planung einer Elbunterquerung?), die entweder konsequent demontiert oder “totgeschwiegen” werden. Der Diskussionsart vieler “Befürworter” kann man momentan entnehmen, daß die Waldschlößchenbrücke nicht nur als wichtig, sondern überhaupt die einzige irgendwie sinnvolle Lösung einer Flußquerung gesehen wird – solches Denken halte ich persönlich für reichlich kurzsichtig, zumal: Was passiert mit der Verkehrslast am Blauen Wunder, die von außerhalb der Stadt kommt und das Problem hat, daß in dieser Richtung die nächste Brücke in Pirna liegt? Wollen wir diesen ganzen Verkehr noch weiter in den Ort hereinziehen? Wäre hier nicht eine zusätzliche Brücke hinter dem Blauen Wunder deutlich hilfreicher? Leider liegen die meisten Alternativkonzepte nicht online…
  • Ein Bürgerentscheid sollte ernstgenommen werden. Ähnlich der Pro-Brücken-Argumentation halte ich den, der in dieser Sache gelaufen ist, allerdings für reichlich geistfrei, weil auch hier die “Waldschlößchenbrücke-oder-keine-Brücke” – Alternative ins Rennen geworfen wurde. Daß hier zumindest das Gros der Autofahrer, die den Fluß queren muß, für die Brücke stimmt, ist eindeutig klar, sagt aber an sich nichts darüber auß, ob die Bürger diese Brücke wollen (sondern nur darüber, daß die Bürger nunmal über den Fluß müssen).
  • Wenn ich mir die Argumentationen von Befürwortern und Gegnern ansehe, dann bietet sich ein Bild, was man leider auch an vielen anderen Stellen sieht: Während die Gegner eine Vielzahl durchdachter, detailliert ausgearbeiteter Gegenargumente, Zahlen- und Rechenbeispiele, Alternativen und Fakten ins Rennen werfen, beschränkt sich die Seite der Befürworter augenscheinlich auf dem gebetsmühlenartigen Re-Iterieren altbekannter Aussagen. Diskussion? Um Sachthemen? Eher weniger… Sachdiskussion ist wohl mittlerweile insofern schon nicht mehr machbar, als daß die ganze Angelegenheit nunmehr eine Diskussion mit parteipolitischem Anstrich geworden ist, in der Vertreter der verschiedenen Fraktionen nicht vor markigen Statements scheuen.
  • Auf der Seite der Gegner stört mich, daß hier der “Feind” teilweise auch in den eigenen Reihen sitzt: Es gibt etliche Argumente gegen die Brücke, die man diskutieren sollte. Daß diese von einigen Vertretern in einem ganz bestimmten Stadtteil genutzt werden, um Verkehr aus dem eigenen Viertel fernhalten zu wollen, ist enorm häßlich, weil die Diskussion, die eigentlich zu einer guten Lösung für die Mehrheit der Dresdner führen sollte, somit unter dem Vorzeichen persönlicher, drastisch formuliert egoistischer Motivationen geführt wird, die so eigentlich nicht akzeptabel sind: Auch in diesem Teil der Stadt haben die Leute Autos, und auch diese Autos müssen irgendwo fahren, also braucht es Straßen. Punkt.

Insgesamt bin ich neugierig, in welche Richtung die Diskussion noch weitergeht… und hoffe irgendwie, daß sich die momentan verhärteten Fronten endlich ein wenig lockern, daß das wuchtige und überteuerte Projekt Waldschlößchenbrücke ad acta gelegt und ersetzt wird durch eine Lösung, die schnell und effektiv das Verkehrsproblem der Stadt löst, ohne das Elbtal (welches aus guter Berechtigung den Titel “Weltkulturerbe” trägt und in dieser Form innerhalb einer Stadt wohl einmalig ist) allzu sehr zu verschandeln. Mal sehen, was noch kommt…

5 Kommentare

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  2. Zwei Dinge.

    Erstens: Du hast da was falsch verstanden. Meissen hat nich seine Stadt untertunnelt, sondern “nur” einen Granitberg Richtung Riesa auf B6 Seite. Da sind nur Gärten drauf. Wirklich stark bewohntes Gebiet wäre so “einfach” nicht untertunnelbar gewesen.

    Zweitens: Du hast recht. Ist dir schon mal aufgefallen, dass Bilder der Brückenbefürworter prinzipiell leicht von oben und mit einem angenehmen hellblau, und Bilder der Brückengegner prinzipiell aus der Maulwurfperspektive auf den größtmöglichsten Pfeiler mit Blick fast senkrecht zum Himmel ohne Sonnenschein und mit schwergrauer Brückenfärbung dargestellt sind?

    🙂

    Propaganda der feinsten Sorte. Auf beiden Seiten.

  3. @Ralf: Die Elbe ist aber auch kein wirklich “bewohntes” Gebiet. Und wenn ich mir Projekte wie den City-Tunnel in Leipzig angucke – dort geht es um ganz andere Dimensionen… 😉

  4. Wobei man als Bürger aber eher die Bodenperspektive sieht. Ich werde voraussichtlich nicht so oft mit dem Hubschrauber fliegen, wie ich da entlang gehe …

  5. @Rene: Na ja, dann setzt du halt einfach mal die bleigraue Brille ab und sparst dir die Spaziergänge bei Regen und unternimmst diese stattdessen bei Sonnenschein… 😉

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