Zweieinhalb mal zehn.

Zweieinhalb Jahrzehnte… Eine der großen runden Zahlen, die das ganze Jahr schon dominiert. Und dazu Bilder, Momentaufnahmen, Videos. Kerzen und Menschen auf der Straße. Ein überfüllter Botschaftsgarten. Züge von Prag über Dresden gen Westen. Menschen, die auf der Mauer tanzen und dies Wochen zuvor vermutlich noch nicht zu ahnen gewagt hätten. Vermutlich sind wir, die wir zwischen Mitte und Ende der 1970er in der DDR geboren sind, eine Art Brückengeneration im Blick auf die Umbrüche des Jahres 1989: Wir sind alt genug, um noch vage zu wissen, wie es sich anfühlt, aufzuwachsen zwischen zwei Systemen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen in einer scharf geteilten Welt, auf einem scharf geteilten Kontinent, in einem Land unmittelbar an dieser Teilung, an einer harten, gnadenlosen, militarisierten, eigentlich unüberwindbaren Grenze. Wir sind alt genug, um aus der Schule noch dunkel Begriffe und Denkmuster aus dieser Zeit einordnen zu können. Aber wir sind auch jung genug, um damals, im Herbst 1989, nahezu alle relevanten Entscheidungen im Leben – Schule, Ausbildung, Lebensentwurf, Liebe – noch fast komplett vor uns zu haben. Wir sind jung genug, um bis dahin noch nicht wirklich richtig in Konflikt mit dem herrschenden System gekommen zu sein, um Einschränkungen wie Reise-, Meinungs- und Pressefreiheit wirklich als ernstlich und schwerwiegend wahrgenommen zu haben. Wir wurden in gewisser Weise “frei”, von einen Tag auf den anderen, vermutlich ohne zuvor wirklich viel Unfreiheit empfunden zu haben…

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