Septembersonne

Der Spätsommer ist heiß in diesem Jahr. Wir haben lang Federball gespielt, bis wir die letzten Bälle ins Dickicht entlang des Platzes geschlagen haben und in der Dämmerung nicht mehr wiederfinden konnten. Nur an den kürzer werdenden Tagen spürt man den frühen Herbst. Die Hinterhöfe sind immer noch voll Musik, die Autos holpern immer noch krachend laut über die Straße vor den offenen Fenstern, die Häuserfront gegenüber ist immer noch dunkel, weil die Menschen irgendwo sind – unterwegs, in den Ferien, draußen am Fluß. Ich versuche zu schreiben, lösche, schreibe, lösche wieder. Es ist zu warm für alles, zu warm, sich zu bewegen, zu warm zum Denken. Zu warm zum Arbeiten. (Sollte man jenseits der Dämmerung überhaupt noch arbeiten wollen?) Stattdessen blättere ich in Büchern, mehr oder weniger kreuz und quer. Danielewski. Houellebecq. Jaccottet, Pessoa. Kaum mehr als Fragmente, unkonzentriert, aber immer noch besser als andere Medien, denen man sich aussetzen kann dieser Tage. Ein paar der Fragmente bleiben hängen, bringen mich auf andere Gedanken in dieser warmen, voranschreitenden Nacht. Bringen vielleicht auch wieder Inspirationen für Dinge, in die es sich lohnt, Zeit, Kraft und Energie zu investieren. Bringen vielleicht Inspirationen und Anstöße, ohne nurmehr abzulenken…

Complexity and the book.

Spent most of the evening trying to track down an InstantiationException thrown in some arcane branch of a procedure way too long to handle, let alone understand. Grown software. A large, fragile complexity, step by step built by adding small, simple changes, straightforward and in a disputable understanding of pragmatism. Documentation is tough. Tough when it comes to writing, maybe even thougher to read. That’s the very moment you end up with many thousand lines of code and hundreds and hundres of pages of text and pictures hyperlinked all across your intranet, making even simple problems incredibly difficult – such as where, for gods sake, to even start reading?!

That’s where your reading habits gradually change, time being the limiting factor with a continuous massive influx of input and information on virtually all channels. There’s a growing load of books partially read or unread at all piling up next to my bed. There’s an even larger bunch of books read once or twice, filling shelves just vaguely sorted, anything but a library as one would expect it. And there are megabytes and megabytes of digital books stored on hard drives or removable media. Collecting things, knowing it’s hard to actually do anything with them. You’ll never ever actually read most of these books, but it feels good to know you could, doesn’t it? The digital representations seem to make some things easier. Keeping them around is easier. Finding something in there is easier, if you’re not about just reading books for the sake of it but then and now keep track of quotes, inspiring moments and paragraphs that might prove useful for whatever purpose in whatever short-term future. Not reading them, actually, is easier.

Getting rid of it all is easier … after all you just remove entries from a file system index, in most cases not even caring about purging each and every bit of your digital book. Just forget it’s been there and let it be overgrown and ultimately replaced by new information, the same bits in another order representing something else. You will never have to go through the painful process of discarding actual books, those that still bear your liner notes, those that still have traces and scratches of sand on their covers, memories of earlier holidays sunny beaches. Those that still bear the smoke of your nightly cigarettes, reading through gloomy poetry in early twenties late summer nights. Those that helped you earn a living while guiding you through your first technical projects, all of a sudden figuring out that there’s a mismatch between theory and real-world problems, sending you back to re-learning things you thought you learnt ages ago. But how to attach such memories to digital data? Your bits surely don’t bear any of these, no matter how hard you try…

But reading technical documentation is nowhere near the joy of reading books for the sake of it. Yet, at times and in my world I sort of envy people who are into writing such books. Sit down, follow your flow, work and write and come up with something. Review it. Edit it. Review it again. Edit it again. Shape that stone until you’re happy – and then just publish it and leave it like this. No digging into ten year old story lines to fix logical errors. No need to repeatedly and frequently rewrite parts of the story while making sure the logic and the flow of the rest of the text still works and makes sense. Things are always so much easier to an ignorant outsider.

The source of InstantiationException has been pinned down and hopefully fixed. Minor changes, adding to the overall complexity. Another new path on the way through a vast structure of a system. And yet the usual flow. Edit. Build. Commit. Deploy. See it come up again, see it make through the tests to, at some point, just work. For a certain period of time at least. And I’m about to be a writer now again. Things are so much easier …

tool/suspend()

Schweres Knirschen, als sich die Tür endlich, Millimeter für Millimeter, aufstemmen läßt, weit genug für ihn, sich durch den schmalen Spalt in das Dunkel zu zwängen, das Dunkel hinter jenen massiven Holzplanken, die den Durchgang seit dunklen Tagen wohl versperrt haben. Langsam nur finden seine Augen Halt in der Finsternis, die noch solider, dichter, undurchdringlicher wirkt als die schweren Steinmauern, die sie umgeben.

Subtile Geräusche, schwer zu fassen, irgendwo in der Tiefe des… Raumes?

Lichter. Gedämpft, kaum wahrzunehmen, und doch präsent? Irrlichter, Trugbilder der Augen im verzweifelten Versuch, der Dunkelheit Bilder zu entringen? Rot, grün, Blinken. Mehr als eine Halluzination. Sich nähernd, als er sich langsam vorwärtstastet, immer wieder über ungesehen Unrat stolpernd, Kratzer und Schnitte spürend wie von Klauen, mit der Verborgenes nach ihm greift. Die Lichter – fast in Reichweite… Schließlich fahren seine Finger durch weichen Staub auf hartem Kunststoff, gleitet seine Hand über abgegriffene Tasten, dekoriert mit eigenartigen, nach Gebrauch und Zeit fast unkenntlich gewordenen Symbolen. Ein kurzes Spannen von Muskeln, der Klick einer Taste, ein kurzes elektrisches Surren, Leben, als unzählige Bildschirme verschiedener Größe, in scheinbar zufälliger Weise aneinander aufgetürmt, den Raum in vielfarbiges, aber gleichmäßig kaltes Licht zu tauchen beginnen. Noch mehr Symbole, Bilder. Unheimlich darin, gleichermaßen eigenartig vertraut und eigenartig fremd zu sein. Er zerschlägt einige Minuten damit, Knöpfe zu drücken, zu beobachten, wie sich Symbole, Muster, Farben auf den Bildschirmen neu anordnen, miteinander verschmelzen, verschwinden, nur um wieder zu erscheinen. Lebens-Automat, Conway, nur auf höherer Komplexität?

Der Stuhl vor den Monitoren ist alt, abgenutzt, abgewetzt wie die Tastatur selbst… wie er selbst? Schwach nur die Reflexion seiner Züge in einem der dunkleren Displays, über das in monotonem Rhythmus Zahlenkolonnen in dunkle Tiefen fallen. Das Bild, sein Bild – vertraut seit Kindertagen, und doch anders. Falten, Furchen hat die Zeit in seine Haut gedrückt, mit spitzem Pinsel und stoischer Beharrlichkeit graue Linien in seine Haare gemalt, begonnen, die Spuren der Jugend langsam, aber sicher zu verwaschen. Does it matter? Does it change anything?

//..//
Like pieces of myself
Cut off in desperation
As offerings to thee
I keep them on a shelf
They’re good for conversation
Over a cup of tea…
//..//

Und durch sein inneres Auge blickt er auf sich selbst, in jenem Stuhl sitzend, weit weg in der Zeit, die Hände über die Tasten fliegend, formend an einem Universum aus Mustern, Metainformationen, Semantik, Code… Allmachtsfantasiererei angesichts der eigenen Rolle in diesem unwirklichen Schöpfungsakt? Der Stuhl ist jetzt leer, die Symbole fremd, das Universum wächst weiter… Gibt es Werkzeuge, Ausdrucksformen, Kommunikationen, die nur ganz kurz wichtig sind, für einen scheinbar endlos langen und doch kaum greifbar begrenzten Zeitraum einem unerkannten Zweck dienen, um danach ebenso wenig greifbar in der dunklen Bedeutunglosigkeit vergessener Erinnerungen zu versinken? In seinen Gedanken durchstreift er Vergangenes, Plätze, Städte, Universen, stets begleitet von jener fremdartigen Vertrautheit, die ihn so sehr gefangenhält, seitdem er diese Tür mit aller Kraft aufgeschoben hat. Zu welchen Resultaten wohl jenes Werkzeug führt, wieder gefunden, in die Hand genommen, neu verstanden nach langer Zeit, neu eingesetzt mit all den Erkenntnissen, die im Staub der vergangenen Zeit zurückgeblieben sind? Ist das universale Erschaffen jemals abgeschlossen?

Die Menge der Fragen war schon immer größer als die Menge der Antworten, und wenige Wege tatsächlich erfahrbar. Der Monitor reflektiert ein mattes Lächeln auf seinem Gesicht, als er, zögernd und doch entschlossen, auf dem Stuhl Platz nimmt. Zeit verstreicht, und das Universum wartet nicht…

bridging the gap…


You peel all the layers of forever
You start the beginning of the end
Breathing is bridging the gap
Between black and light

And now you feel alive!
And now you learn to dive you know!
Breathing is bridging the gap
Between black and light

(The Gathering – “souvenirs”)

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beyond within

Nur schwach trägt das hektische Rumoren der Stadt bis in den Innenhof, wo die Schatten uralter Bäume schwarze Kerben in das Licht des Tages schneiden, ein sanfter Wind Staub auf den Wegen vor sich her treibt und mit dem fast schon greifbaren Schweigen in den ehrwürdigen Säulengängen spielt.

Er kniet in der Mitte des freien Platzes, aufrecht, entspannt, den Blick fest in einer Welt außerhalb der sichtbaren. Linien, Kreise, ein mattes Glühen umranden ihn. Wie viel Zeit hatte er im Verlauf der Reise damit verbracht, das Symbol zeichnen zu lernen, den Kreis, die Pfeile, in der richtigen Länge, den richtigen Proportionen. Auf Knien war er durch Sand, über Schlamm und Stein gerutscht, hatte mit Stöcken, Farbe, Blut gezeichnet, wieder ausgelöscht, neu angefangen, unter brennender Sonne, in strömendem Regen, unter den Stürmen der äußeren Welten. Aus der Tortur war irgendwann Routine, die Zeit immer kürzer geworden, bis er die schwarzen, matten Steine an die richtigen Stellen legen, sich im Zentrum niederlassen, das erwachsende Glühen der Linien und ihr Flackern beobachten konnte, geheimnisvoll einem seltsamen Rhythmus folgend.

Mehr als einmal hatte ihm das Ritual Stärke gegeben, auf den Wegen, über die ihn seine Reise geführt. Und mehr als einmal hatte er sich niedergelassen, innezuhalten, zu sich zu finden in Momenten, in denen es erstrebenswert schien, gewissen Dingen erst einmal zu entfliehen. Er atmet tief, gleichmäßig, in den Punkt hinein, an dem er anzukommen im Begriff ist. Die sinkende Sonne verschiebt die Schatten des wuchtigen, Gemäuers langsam in seine Richtung, der Wind nimmt im nahenden Abend an Stärke zu, während die äußere Welt langsam still wird. Mit der Dunkelheit würde ihm Zutritt gewährt werden zu diesem Ort, Einblick in die Geheimnisse hinter den dicken, steinernen Wändern mit den trüben Fenstern und die Bewohner dieses Refugiums.

Er fröstelt, als die Schatten länger werden…