Der Stadt beim Schlafen zuhören.

Kalter Stein unter seinem Rücken. Er liegt auf der obersten Terasse und starrt in den Himmel. Geisterhaft die Welt unter ihm, der wuchtige Bau dieses abgeschlossenen Mikrokosmos. Giebel, Türmchen, Innenhöfe. Stein, durchsetzt von Rasen, Büschen, Bäumen, umgeben von massiven Wällen, übermannshoch. Wenige Tore, schwer, ebenso massiv. Geschlossen, meistens.

Früher war dieser Ort wie ein Leuchtturm vor der Stadt. Hoch auf dem Land. Breite Dünen. Das Meer zu sehen, aber trotzdem hinreichend weit weg. Doch das ist lange her. Längst ist aus der Erhebung eine Insel geworden, umwogt, eingeschlossen, umbrandet von der Stadt, die mittlerweile noch viel weiter ins Hinterland vorgedrungen ist. Die Mauern halten, schaffen Abschluß und Zuflucht, halten draußen, was draußen sein muß, und bieten Raum für das, was drin sein soll. Die Mauern, tief unter ihm. Hier oben ist die Luft dünn, der  Himmel scheinbar nah wie eh und je. Aber es ist ein anderer Himmel. Dunstig. Sternlos, seit langem. Überdeckt von derselben vertrauten natriumdampflampenfarbenen Dunstglocke. Die Stadt ist da – hat vieles vertrieben, das war, ersetzt durch anderes. Nicht unbedingt weniger lebendig, nicht unbedingt feindselig oder abweisend, aber auf jeden Fall andersartig, unvertraut. Fremd. Unheimlich, in Teilen. Und unverständlich, vielleicht auf lange Zeit.

Folglich bleibt er, wie es ihm scheint, noch häufiger als früher hier drin, im Schatten der Mauern und Bäume, hinreichend weit weg von all dem Fremden, mit dem er nur schwer zurechtkommt, oder noch mehr: Mit dem Fremden, das mit ihm nur noch schwer zurechtkommt. Schöne neue Welt. Schöne, neue, sternenlose, homogene Welt, in der es noch weniger verschiedene Farben, noch weniger verschiedene Facetten von Grau gibt als tatsächliche, weiche, warme, nächtliche Dunkelheit. Aber es gibt Ausnahmen. In Nächten wie dieser liegt er gern hier oben. Atmet still, Augen geschlossen. Verloren in Geräuschen. Ebensowenig wie es jemals richtig dunkel wird, wird es jemals richtig still. Sprechen, Schreien, Rufen. Musik. Menschen, die in Hinterhofen lachen, Kinder, die auf Straßen spielen. Autos, Bahnen, Lautsprecher. Nachts scheint es nur leiser zu werden, weniger dicht. Lautstärke, sich reduzierend auf den Pegel an der Grenze des Hörbaren, sich in ein allgegenwärtiges, niederfrequentes Summen verformend. Ein Teppich von Ton, ebensowenig einzeln identifizierbar wie die einzelne Lampe in der gleißenden Skyline, wenn er in Richtung des Horizontes schaut. Jetzt ist die Stadt nicht mehr das brandende Meer, sondern eher ein großes, friedliches Wesen, das im Schlaf leise schnurrt.

Manchmal regnet es. Und er liebt diese Momente. Die vielstimmigen Gesänge des Wassers – das Rauschen des Regens, dicht und intensiv. Das Gurgeln und Glucksen der Schleusen in den Rinnsteinen. Das unterirdische Tosen der Wassermassen, auf dem Weg zum Fluß, zum Meer, zu den Wolken. Danach ist es noch stiller als zuvor. Danach hat der Regen vieles weggeschwemmt, die Straßen und die Luft gewaschen, selbst das nächtlich-städtische Licht wieder zum Glänzen gebracht. Dann wandert er manches Mal sogar durch die Straßen. In den Schatten. Verstohlen und still. Immer noch darauf bedacht, jenen, die er dort antreffen könnte, eher aus dem Weg zu gehen. Und wird er doch einmal gefragt, was er um alles in der Welt dort tun möge, nachts und bei diesem Wetter, antwortet er vorsichtig, fast verschüchtert.

Nichts weiter.

Ich höre nur der Stadt beim Schlafen zu.

Und manches Mal gelingt es ihm sogar einzugestehen, daß, bei aller Fremdheit, von diesem Geräusch eine gewisse Ruhe ausgeht…

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