Blinder (Un)Glaube?

Vor einiger Zeit schon bin ich über den Schockwellenreiter und das Brights-Blog auf eine Kampagne gestoßen, die den Atheismus zugunsten religiöser Ansichten und Werte propagiert in Anlehnung an eine ähnliche Aktion in Großbritannien. Nun ja… An sich könnte es mir ja egal sein; ich habe zum Thema Religion und Wissenschaft meine eigenen Standpunkte, die ich mir schwerlich von jemandem (ganz gleich, ob “dogmatischer Theist oder dogmatischer Atheist”) vorgeben lassen werde. Ein paar Fragen dazu stelle ich mir dann allerdings doch…

Voranstellen möchte ich, daß ich des Schockwellenreiters Ansatz und Motivation an sich voll und ganz unterstütze: Aus meiner Sicht sind religiöse, spirituelle, … Sichten eine individuelle, persönliche, intime Angelegenheit, mithin gehört Religionsunterricht im Sinne einer bestimmten Kirche oder Glaubensgemeinschaft nicht an Schulen; man sollte die Zeit besser für Ethik- oder Philosophie-Unterweisungen verwenden oder (was ich ebenfalls begrüßen würde) vergleichenden Religionsunterricht, der die Sichten verschiedener Kirchen und Konfessionen gegenüberstellt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeitet und den Schülern zumindest Werkzeuge mit auf den Weg gibt, um zu wissen, worum es Christen, Muslims, … in ihrer Glaubenswelt geht.

Darüber hinaus aber frage ich mich, wen die Atheisten-Kampagne tatsächlich erreichen wird/soll? Jene, die überzeugt und gefestigt in ihrem Glauben sind, werden sich vermutlich nicht nennenswert an den bunten Bannern und Bussen stören, sich dadurch nicht in ihren Überzeugungen beeinflussen lassen. Jene, die ebenso überzeugt der Meinung sind, daß Glaube und Religion redundant sind, werden durch die Kampagne keine neuen Erkenntnisse gewinnen (außer vielleicht der Einsicht, daß sie mit ihrer Meinung nicht allein sind, was sie vermutlich aber ohnehin schon wußten). Jene, die Religion und Glauben institutionell-dogmatisch betreiben, werden sich vermutlich durch die Aktion ebensowenig beirren lassen, weil sie zumindest in gewissem Rahmen Macht auf ihrer Seite wissen. Und die Unsicheren? Jene, die einerseits nicht so recht glauben, andererseits aber fürchten, daß an dem, was institutionelle Religionen im Hinblick auf Hölle, Sünde etc. predigen, doch etwas dran sein könnte? Die werden plötzlich noch mehr zwischen “zwei Stühlen” sitzen, noch mehr verunsichert sein, weil sie sich zwischen zwie konträren Sichten finden, die beide gleichlaut und gleich blind schreiend diesselben Dinge verkünden.

Blindheit… damit sind wir eigentlich bei dem aus meiner Sicht interessantesten Punkt an der ganzen Sache. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Menschen versuchen, gegen (aus ihrer Sicht) ignorante, manipulierende, dogmatische Religionen anzukämpfen, und sich dabei in Hinblick auf Ignoranz und Dogma um kein Jota von dem unterscheiden, was sie eigentlich kritisieren. Ich frage mich, ob es wichtig ist, daß/ob man Gott wissenschaftlich beweisen kann oder nicht, oder ob sowohl Vertreter von Religion im Hinblick auf die Wissenschaft als auch Vertreter der Wissenschaften im Hinblick auf die Religion gefestigt genug sein sollten, um zu akzeptieren, daß man selbst nicht im Besitz der exklusiven Wahrheit ist? Was ist so schwer an Toleranz für andere Weltsichten, ungeachtet der Frage, ob man diese nun teilt oder nicht? Warum um alles in der Welt ist es hier sowohl dogmatisch-ignoranten Vertretern von Religionen als auch den dogmatischen, “erleuchteten” Vertretern eines naturalistisch-wissenschaftlichen Weltbildes unmöglich, lieber inhaltliche Gemeinsamkeiten (die Suche nach Erkenntnis, wenngleich auch mit verschiedenen Mitteln und auf verschiedenen Wegen) zu akzeptieren, anstelle auf den Unterschieden herumzuschlagen? In diesem Punkt empfinde ich etwa den Ansatz der Baha’i zum Thema ‘Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion als überaus interessant. Zudem bleiben für mich noch zwei Fragen offen: Zum einen ist mir unklar, wie die Wissenschaft imstande sein soll, “Gott” zu widerlegen, der als Idee und Konzept per definitionem als außerhalb des wissenschaftlich Faßbaren angesiedelt ist? Und, zum anderen: Es zeigt sich, daß wissenschaftliche Erkenntnisse stetig voranschreiten, einhergehend mit technischen Entwicklungen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war es per Stand der Technik und Wissenschaft unmöglich anzunehmen, daß jemals ein menschliches Wesen, den Vögeln gleich, fliegen würde – heute können wir dies und sind dabei sogar imstande, zu essen oder zu schlafen. Noch viel früher davor gab es nicht nur Vertreter der Religion, sondern auch solche der Wissenschaft, die die Meinung postulierten, die Erde stände im Mittelpunkt des Universums und alles andere (Sonne eingeschlossen) würde sich darum herumdrehen. Eingedenk dieser auch in der Wissenschaft permanenten Änderungen: Welche Aussagekraft hat es überhaupt, wenn wir heute festhalten, Gott wissenschaftlich nicht beweisen zu können? Insofern müssen sich Leute wie Richard Dawkins, ungeachtet ihrer unstrittigen wissenschaftlichen Kompetenz, letztlich den Vorwurf gefallen lassen, die These, die sie selbst propagieren (Evolution, ständige Weiterentwicklung) im Hinblick auf ein bestimmtes Themengebiet, nämlich die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse, konsequent außer Acht zu lassen und an diesem konkreten Punkt eine Erkenntnis, die lediglich “wissenschaftlicher Status Quo” ist, als für alle Zeiten zementierte Wahrheit darzustellen.

Anyway. Was reg’ ich mich eigentlich auf. Wie schon gesagt… ich respektiere und akzeptiere jede religiöse, spirituelle, philosophische Meinung, ebenso wie ich mir meine eigenen Sichten diesbezüglich vorbehalte. Nur find ich es schade, daß die Menschen mit wissenschaftlichem und jene mit religiösem Background nicht mehr miteinander reden – ich möchte nicht wissen, wie viele interessante Einsichten auf diese Weise vielleicht einfach und unnötigerweise verlorengehen…

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