Die Diskussium um die Initiative von Branchenverbänden und Industrievertretern, in Frankreich OpenSource – Lizenzen per Gesetz verbieten zu lassen, ist noch in vollem Gange, da kommt schon der (zu erwartende) nächste Schritt in dieser Richtung, einmal mehr vorangetrieben von einem gewissen EU-Kommissar Charlie McGreevy, der schon durch sein Treiben im Rahmen der Debatte um Softwarepatente in Europa äußerst negativ aufgefallen ist: quintessenz zitiert den Kommissar sinngemäß
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Die Zeit der Urheberrechsabgaben und der, von Künstlern selbst organisierten, Verwertungsgesellschaften ist vorbei. Das schuldet die EU der “Industrie”.
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in einem Artikel, der die Ausdehnung der in Frankreich angestrebten Verhältnisse auf ganz Europa andeutet und somit weiß Gott nicht angetan ist, Begeisterungsstürme zu wecken.
In der Tat, das ist es also. Vorbei die Zeiten, in denen jene, die Inhalte generieren, rechtlich und technisch in der Lage sind, selbst darüber zu befinden, wie mit ihren Inhalten umgegangen wird. Wir brauchen eine starke Diktatur einer “Industrie”, wir brauchen Gesetze, um ganze Branchen am Leben zu erhalten, die (wie etwa die Musik-Industrie) kurz vor dem Dahinscheiden stehen, nachdem sie über Jahre hinweg die Entwicklungen der Zeit verschlafen haben. Und während Länder wie Indien die Vorzüge von Open-Source etwa im Bildungs-Bereich zu erkennen beginnen und selbst Forscher des renommierten MIT zu der Erkenntnis gelangen, daß OpenSource und damit verbundene Geschäftsmodelle Innovation und sogar die Gewinne von Unternehmen steigern können, betreiben wir doch lieber viel mehr wirtschaftlich motivierte Vorschlaghammer-Politik im “Kampf” gegen alles, was den kurzsichtigen Interessen der Medien- und Content-Industrie entgegensteht, gegen alles, was Kultur und Kunst im Zeitalter von Computern und Netzwerken hervorzubringen imstande ist, sei es nun OpenSource- / Freie Software, sei es Musik, seien es CreativeCommons-Inhalte oder was-auch-immer. Vielleicht wäre es doch langsam an der Zeit, gewisse Politiker, Leute wie McGreevy, einfach aus allen Ämtern zu vertreiben und, bevor sie noch mehr Schaden anrichten können, zu ersetzen durch Leute mit mehr Weitblick und weniger blinder Lobby-Hörigkeit.
Nur teilweise off-topic: In Frankreich scheint sich laut intern.de und netzpolitik.org eine kuriose Entwicklung anzubahnen:
Die Abgeordneten des französischen Parlaments sorgten gestern für eine Überraschung: Mit knapper Mehrheit wurden zwei inhaltlich identische Anträge auf Erweiterung der vorläufigen Fassung des neuen Urheberrechtsgesetzes angenommen. Diese Erweiterungen legalisieren den Austausch urheberrechtlich geschützter Daten in Peer-to-Peer Netzwerken.
Mehr dazu hat die netzeitung. Ein heise.de-Artikel zu den Protesten gegen die Verschärfung des Urheberrechts in Frankreich zählt seit nunmehr zwei Tagen zu den Top-Meldungen auf der News-Site…
Nachtrag: Mittlerweile berichten auch heise.de, golem.de und redmann von der Entwicklung in Sachen DADVSI / Copyright-in-Frankreich. Viel Text dazu hat auch der zeitgeistaustreiber.
Nachtrag II, 23. 12. 2005: fippu.ch hat aktuellere Erkenntnisse zu den Entwicklungen in Frankreich, ebenso heise.de. Demnach ist die endgültige Entscheidung vertagt auf Mitte Januar, wobei die französischen Parlamentarier mit einer gewissen Kreativität zu Werke gehen:
Generell wollen die französischen Abgeordneten den schwammigen Begriff der “technischen Schutzmaßnahmen” im Gesetz selbst näher definieren, konnten sich dabei aber noch nicht auf genaue Vorgaben einigen. Ausgeschlossen haben sie bereits, dass auch Protokolle, Dateiformate oder Methoden zur Verschlüsselung an sich bereits als Kopierschutz gelten. Eine Ausnahme gilt hier nur bei verschlüsselten Fernsehprogrammen. Viel Zeit beansprichte in der gestrigen Sitzung zudem eine Debatte über freie Software und die Monopolstellung von Microsoft. Der Sozialist Christian Paul bemühte sich vor der Endrunde zudem, den Horizont von Kultusminister Renaud Donnedieu de Vabres zu erweitern: Er schenkte ihm das Buch “Die Zukunft der Ideen” des Stanforder Rechtsprofessors Lawrence Lessig, der seit langem für eine Öffnung des Copyrights eintritt.
Das Beispiel sollte Schule machen; hoffen wir, daß sich Monsieur de Vabres von seinem vorweihnachtlichen Geschenk inspirieren läßt und wieder mehr die Interessen der Kultur, weniger die der Industrie, vertritt. Einen interessanten Bericht dazu gibt’s auch noch auf futurezone.orf.at; hier finde ich insbesondere den Schluß durchaus treffend:
Durch die Verschiebung des Votums hat die französische Regierung theoretisch mehr Zeit, die Parlamentarier für ihr umstrittenes Gesetz zu gewinnen. Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres erklärte umgehend, er sei “entschlossen”, die von den Abgeordneten vorgenommenen Änderungen noch zu kippen.
Der Chef der UMP-Fraktion, Bernard Accoyer, sagte aber, dies komme “nicht in Frage”. Die Nationalversammlung sei nicht bloß da, um Vorlagen bloß abzuzeichnen. …
Auch das sollten sich Parlamentarier europaweit in dieser Deutlichkeit durchaus einmal vor Augen führen.